Juwelen an der Elbe

Mit Mut, Ausdauer und großem denkmalpflegerischem Sachverstand wurde das ehemalige Rittergut Schloss Prossen an den Elbufern nahe Dresden zum Feriendomizil umgebaut

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Lärm ist hier ein Fremdwort

Die Natur ist an diesem Ort lautlos und zugleich voller Klang. Still und befriedet fließt die Elbe vorüber. Ihre wilde Phase hat sie hier, kurz hinter der böhmisch-sächsischen Grenze, hinter sich gelassen. Hoch über dem Fluss grüßt der Lilienstein herüber. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den markanten Tafelberg treffen, hat ein Specht im Park am Refugium Schloss Prossen sein Tagwerk begonnen. Umso vernehmlicher, wenn das Rumoren der Zivilisation fern ist. Sein Hämmern ist so nah und vehement, dass es selbst durch die geschlossenen Fenster des 2019 eröffneten Hauses dringt. Gedämpft, hört es sich dort wie ein wohliges Atmen an.

Lärm ist hier ein Fremdwort. Selbst das Geräusch vorbeifahrender Züge, dank derer die Gegend für Dresdner wie Prager zum Greifen nahe rückt, klingt für besänftigte Ohren anders. Das Dorf, heute Ortsteil von Bad Schandau, kennt kaum Durchgangsverkehr. Es sonnt sich am Elbhang und folgt ein Stück nordwärts dem schattigen Tal, das der Gründelbach eingeschnitten hat.
 

Märchenhaft klingende Wohnungen

Das Feriendomizil Schloss Prossen beherbergt drei großzügige Suiten nach Südwesten mit Elbblick sowie acht weitere Appartements auf drei Etagen. Was darf es sein: „Wiesengrund“ oder „Himmelszelt“? „Morgenlicht“ oder „Abendsonne“? „Waldesruh“ oder „Dorfidyll“? „Parksuite“ oder „Elbsuite“? Schon die Namen der Wohnungen klingen märchenhaft. Und vom Appartement für zwei über eine ganze Etage für 10 bis 15 Personen bis zum kompletten Haus mit 35 Betten lässt sich alles mieten.
 
Schloss Prossen ist ein Unikat und von seinem Konzept eine Rarität in der Sächsischen Schweiz. Dabei folgt es dem internationalen Trend zur Ganzheitlichkeit. Urlauber begreifen nicht mehr nur eine Region als das Ziel, sondern schließen die Unterkunft bewusst mit ein. Als den Ort, wo sich ein Traum auf Zeit leben lässt.
 

Aus Traum wird Realität

Torsten Wiesner hegte ihn schon lange. Für den heutigen Schlossherrn beginnt dieser Traum gut ein Jahrzehnt früher, Konturen anzunehmen. Da verbringt der Dresdner Apotheker mit seiner Familie einen Urlaub in einem reizenden Château in den Pyrenäen. Ein Aussteigerpaar hatte dort schöne, alte Architektur in ein kleines Ferienziel verwandelt. Davon inspiriert, beginnt Torsten Wiesner, sich in der Sächsischen Schweiz umzuschauen. Die Gegend kennt der gebürtige Westlausitzer von klein auf. Er wusste: Hochwertige Unterkünfte sind hier rar.

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Das Haus überzeugt mit seiner Ausstrahlung

2013 entdecken Jutta und Torsten Wiesner das Rittergut Prossen. Reichlich heruntergekommen steht es bei einem Immobilienportal zum Verkauf. Wiesners nehmen es in Augenschein. Ihr erster Eindruck: Das Haus überzeugt mit seiner Ausstrahlung, aber, ja, es ist stark sanierungsbedürftig. Und vermutlich über 300 Jahre alt. Zweifel kommen auf, ob sie der Herausforderung gewachsen sind, daraus ein attraktives Ferienobjekt entstehen zu lassen.
 
Fachlicher Rat gleich von Anfang an
„Nach den Erfahrungen, die wir bei der bisherigen Suche gemacht haben, war uns fachlicher Rat gleich am Anfang sehr wichtig“, erinnert sich Torsten Wiesner. Er zieht Henrike und Tom Schoper hinzu, die in Dresden das Büro schoper.schoper Architekten führen. Die promovierten Schopers helfen, den Aufwand abzuschätzen, gemeinsam werden erste Ideen entwickelt. Wiesners werden noch im Jahr der Entdeckung neue Eigentümer – eines Herrenhauses samt Grundstück und Nebengebäuden, weitaus größer als der ursprüngliche Traum. Das Landesamt für Denkmalpflege erhob im Jahr darauf das fast vergessene Rittergut symbolisch zum Schloss.
 

Erst Rittergut, dann Kindergarten

Das Rittergut Prossen kann eine sechs Jahrhunderte umspannende Geschichte erzählen, die wechselvoll und ähnlich kurvenreich verläuft wie die Elbe in dieser Landschaft. Es diente der Adelsfamilie von Bünau als Herrenhaus, war Sitz der Gerichtsbarkeit. Verleger Friedrich Brockhaus wohnte hier, und es wurde sogar Bier gebraut. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Gemeindeverwaltung, Schule und Kindergarten ein. Im Haus wohnten weiterhin Mieter, ein Raum für Feriengäste wurde eingerichtet. Zuletzt stand es leer und litt weiter. Sein gänzlicher Verfall wäre ein Trauerspiel gewesen.

 
Böse und beglückende Überraschungen
Während der Arbeiten, insbesondere beim Entfernen nachträglicher Einbauten, reißt die Kette von Überraschungen nicht ab. Es gibt böse und beglückende. Ein Beispiel sind die Stuckdecken im Südteil des Hauses. In einigen Räumen sind sie zunächst hinter einer abgehängten Decke verborgen. Denkmalpfleger werden die wertvollste davon später auf das Jahr 1693 datieren und zu den am besten erhaltenen des sächsischen Hochbarock zählen. Doch die Freude muss warten. Im heutigen Kaminsaal in der ersten Etage geht es zunächst darum, den Stuck zu retten. Denn die ihn haltende Decke zum Dachgeschoss war nach einem lange zurückliegenden Wasserschaden marode geworden, an manchen Stellen sogar eingebrochen. „Letztlich mussten wir fast jeden Balken anfassen“, erinnert sich Torsten Wiesner.
 
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Wertvolle Schätze

Wände und Böden werden geöffnet, um den bis zu dreifach geteilten Räumen ihre ursprüngliche Größe und Würde zurückzugeben. Immer wieder tritt dabei Wertvolles zutage. So finden die Handwerker im Mittelgeschoss unter zwei Parkettschichten eine Dielung aus dem 17. Jahrhundert. Ausgebaut, aufbereitet und wieder eingesetzt, prägt sie nun den Charakter des Kaminsaals.
In der Parksuite nebenan bezaubert nicht nur der Blick auf Schlosspark, Elbe, Königstein und Lilienstein. Schon die Wände des Raums sind ein Blickfang. Hinter einem abgebrochenen Kachelofen sowie Schichten von Farben und Tapeten schlummerte über Jahrhunderte eine Wandbemalung, die an Tapisserien erinnert. Für die Architekten ist das Impuls genug, den ganzen Raum in dieser Art auszukleiden. Restauratoren haben die Gestaltung glänzend umgesetzt – bis hin zu Spuren handwerklicher Pinselführung.
 
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Ein Juwel an der Elbe, das den Fluss der Zeit spiegelt.
Neben dem Kaminsaal bietet das Schloss mit dem Gartensaal im Erdgeschoss einen weiteren Gemeinschaftsraum. Dazu eine Sauna im Gewölbe der alten Schlossküche. Auch die Kultur soll einziehen: Gedacht sind Kammerkonzerte, Lesungen oder Filmabende im Schlossgarten. Ein Juwel an der Elbe, das den Fluss der Zeit spiegelt.