Interview mit Ester Bruzkus

Ester Bruzkus, spätestens bekannt, seit sie Tim Raues Restaurants Colette und Villa Kellermann gestaltet hat, ist bekannt für ihre Verschiedenartigkeit der Innenraumdesigns.

Ester Bruzkus gründete 2002 ihr Architekturbüro in Berlin und begann zunächst mit privaten Projekten und einer Hotellobby in Neumünster. Durch das Berliner Hotel Amano und dessen Bar wurde Tim Raue auf sie aufmerksam. Die Bekanntschaft führte dazu, dass die Kreative die Innenraumgestaltung der Raue-Restaurants Colette und Villa Kellermann übernahm. Heute gestaltet Ester Bruzkus, die ihr Büro seit 2016 mit ihrem Partner Peter Greenberg führt, Hotels, Büros und immer wieder spektakuläre Restaurants, Cafés und Bars, die in ihrer Verschiedenartigkeit vor allem eins sind: originell.

Ester Bruzkus, Die Villa Kellermann und das Remi – unterschiedlicher könnten Restaurants kaum sein. Gibt es Gemeinsamkeiten oder einen roten Faden?

Ja, auch wenn das auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar ist. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass ein Interior die jeweilige Küche widerspiegeln soll. Daher steht am Anfang jedes Entwurfsprozesses immer die Frage: „Wie sieht es eigentlich auf den Tellern aus?“ Ich habe einige Jahre in Frankreich gelebt und gearbeitet und dort viel über Geschmack und gute Planung gelernt, über den Umgang mit Proportionen, das Spiel mit Licht und Schatten. So wusste ich gleich, als wir die Brasserie Colette geplant haben, wie die aussehen müsste, wie es da riecht, sich anfühlt und schmeckt. 

Sehr konträr im Look sind auch die Villa Kellermann am Ufer des Heiligen Sees in Potsdam und das Remi im Gebäude des Suhrkamp Verlags in Berlin-Mitte.

Das stimmt. Während Lode van Zuylen und Stijn Remi sich beim Remi Anklänge an die reduzierten Cafés ihrer niederländischen Heimat wünschten, wollte Tim Raue, dass sich in der Villa Kellermann Gäste wie zu Besuch bei einer reichen, weit gereisten Großtante fühlen. Anfänglich hatte ich Bedenken, ob mein Stil dafür nicht zu minimalistisch ist. Aber dann hat sich alles nach und nach entwickelt: Die Farben, die wir in einigen Bereichen verwendet haben, hat Le Corbusier schon 1931 bzw. 1959 kreiert, und die haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Bei den Stoffen haben wir mit der Opulenz von Materialien und Mustern gespielt, die aus verschiedenen Jahrzehnten stammen. Und so geht es weiter: Von den Tapeten bis zu den Möbeln, Stühlen, Sesseln und den Vintage-Tellern ist alles ein lebendiger Mix, als ob die Großtante alles über einen langen Zeitraum gesammelt hätte. So herrscht in jedem der Räume eine andere Atmosphäre und beschert dem Gast ein besonderes Erlebnis.
 
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Lassen Ihnen die Gastronomen denn nach dem ersten Briefing freie Hand?

Die haben schon eine sehr klare Vision davon, was sie wollen und wie, aber final ist es noch keine räumliche Vision. Gleichzeitig wissen sie, was es bedeutet, eine Komposition zu kreieren. Ich gehe ja auch nicht in ein Restaurant und sage: „Könnten Sie bitte die Zwiebeln weglassen und dafür etwas weniger Salz, aber ein bisschen mehr Chili nehmen?“ Das Gericht funktioniert dann nicht mehr, und genau das Gleiche passiert in der Innenarchitektur. Chefs verstehen, wie wichtig die Auswahl der Produkte ist, und ich spüre, wie sehr sie mir und meinem Team vertrauen.
 
Unsere Konzepte sind stets maßgeschneidert für den einen Ort, wobei das Gebäude, der Raum, die Vorstellung der Betreiber und unsere Kreativität sich ergänzen. Im Remi haben wir im Servicebereich alle Einbauten aus rotem MDF gefertigt. Die Inspiration geht auf den Architekten Louis Kahn zurück: Über ihn hat ein Kritiker mal gesagt, wenn man durch seine Gebäude schneiden würde, wäre das, als schneide man durch ein Stück Butter. Das ist auch die Idee des roten MDF: Dadurch, dass es durchgefärbt ist, ist es innen und außen gleich. Mir gefällt die Food-Metapher, die darin steckt.

Was inspiriert Sie sonst noch?

Zufällige Gespräche, Filme, Theater, Kunst, Museen, Essen, Reisen und natürlich Instagram. Das führt zwar dazu, dass sich alle gegenseitig kopieren, aber das finde ich meistens eher interessant und manchmal sogar ganz lustig. Schließlich interpretiert dann jeder wieder das Gesehene und setzt es anders um. 
 
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Wie schafft Ester Bruzkus es, dass ein Interior nicht nach kurzer Zeit schon wieder überholt wirkt?

Das hat viel mit präziser Planung und natürlich mit unserer Erfahrung zu tun. Mein Partner Peter Greenberg und ich, wir machen das schon seit mehr als 20 Jahren, und in der Zeit haben wir viele Erkenntnisse gesammelt. Ich mag das Überdesignte nicht, das Inszenierte. Ich glaube, es geht vor allem um Authentizität. Das ist schwer in Worte zu fassen, und ich verlasse mich in der Hinsicht auch viel auf mein Bauchgefühl. Aber wenn man in einen Raum kommt, merkt man, der stimmt so, wie er ist. Ich mag sogar meine ganz alten Projekte immer noch und finde, dass sie sich gar nicht alt anfühlen. Das ist authentisches Design, das nicht irgendwelche Trends wiedergibt, es hat vielmehr mit dem Raum und der Philosophie des Betreibers gearbeitet.

Stellen Sie sich während des Entwurfsprozesses die Menschen vor, die sich später in den Räumen bewegen werden?

Ich sehe immer mich als Gast darin, und ich motiviere auch unser Team, dass es bei jeder seiner Entscheidungen darüber nachdenkt, wie man sich in dem Restaurant als Gast oder als Mitarbeiter fühlen würde. Unser Ziel ist es, ein Interior generationsübergreifend zu gestalten. Meine Mutter soll sich dort genauso wohl fühlen wie meine jüngere Schwester, jeder sollte inspiriert werden, egal ob 80 oder 20 Jahre alt.
 
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Und das gelingt?

Ja, ich denke schon. Wichtig ist für den Entwurf, wo sitzen die Gäste, wie sitzen sie, gibt es eine Aussicht, die sie genießen sollten, wie lange werden sie bleiben, wie sieht der Service aus. Wenn die ganzen Organisationsfragen geklärt und die Basics klar sind, kommt die Farbauswahl und ganz zum Schluss die Dekoration. Wichtig sind Gegensätze, die Spannung erzeugen. Also gibt es bei uns immer Kontraste zwischen scharf und weich, hell und dunkel, kalt und warm. Ich mische Stile und Dinge, die zunächst einmal nicht zusammenzupassen scheinen. Aber in der Gesamtheit passt es dann, egal ob das Ergebnis eher schlicht oder eher opulent ist.

Wie muss das Restaurant aussehen, in dem Sie gerne essen?

Wenn das Essen richtig gut ist, setze ich mich auch mal unter Neonröhren. Aber ich finde, Tim Raue hat das in dem Podcast Alles gesagt mal perfekt auf den Punkt gebracht: Die gute Gastronomie ist wie ein dreibeiniger Hocker, der eben nur mit allen drei Beinen funktioniert. Und diese drei Beine sind gutes Design, guter Service und natürlich gutes Essen. Wenn eins davon wegfällt, funktioniert das Ganze nicht mehr.

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