50 Glücksmomente

Unser Weinexperte Jens Priewe öffnet für Sie sein geheimes Notizbuch und verrät seine Lieblinge des Jahres! Mit diesen Tipps in zehn Kategorien können Sie es sich bequem machen wie er – mit bestem Stoff für alle Fälle sind Sie jetzt versorgt

VIEL WEIN FÜR WENIG BUDGET

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Bild Korkenzieher
Weintrinker mit kleinem Budget müssen nicht schlechter trinken als vermögende Menschen. Sie müssen nur länger suchen. Mit diesen fünf Weinen verkürzen Sie die Recherche!
 

2017 Côte-du-Rhône Rouge, Guigal (Nördliche Rhône, Frankreich)

Kann ein Wein, von dem vier Millionen Flaschen produziert werden, gut sein? Er kann, wenn er von Guigal kommt. Guigal ist die Nummer eins an der nördlichen Rhône und sein einfacher Côtesdu-Rhône, bietet bereits viel Wein für wenig Geld. Er ist opulent, schmeckt nach dunklen Beeren und hat die feine Würze südfranzösischer Kräuter und schwarzen Pfeffers – typisch Syrah. Mit 14,5 Vol.-% ein Schwergewicht – wie alle guten Rhôneweine.
€ 9,90, www.lakaaf.de
 

2018 Château du Barry Saint-Émilion Grand Cru (Bordeaux, Frankreich)

Dieser Wein macht Bordeaux alle Ehre, auch wenn das Château weder berühmt ist noch der Preis eine Topqualität verheißt. Aber die hat er: ein dunkler, dicht gewobener Rotwein (Merlot, Cabernet Franc, Malbec) mit straffem Tannin, der reich an Aromen ist und auch im jungen Stadium schon mächtig Eindruck macht. Es ist ein Grand Cru, durchaus in Sichtweite der ganz großen Gewächse von St-Émilion. Außerdem ist er biozertifiziert, was für Bordeaux noch eine Seltenheit ist.
 

2019 Pecorino 8 ½, Villa Medoro (Abruzzen, Italien)

Mit dem gleichnamigen Käse hat dieser Wein nichts zu tun. Die Rebsorte heißt so. Sie wird in den italienischen Abruzzen angebaut, wo die Böden steinig, die Landschaft wild und viele Winzer noch beseelt von ihrem Tun sind. Auf den ersten Schluck wirkt der Wein neutral. Aber wer genau hinschmeckt, merkt schnell, dass er mehr ist als ein normaler mediterraner Weißwein: Aromen von Apfel und Melone mischen sich mit Austernschale und Kamille, am Gaumen lang nachklingend.
€ 14,90, www.superiore.de
 

2019 Vinsobres, Château de Rouanne (Südliche Rhône, Frankreich)

Louis Barruol, der Winzer, hatte mir vor zwei Jahren seinen ersten Jahrgang zum Probieren geschickt. Daraufhin versuchte ich lange, eine Bezugsquelle zu finden. Heute ist der Wein bei etlichen Händlern gelistet. Verständlich: ein schwerer, aber hochfeiner Rotwein von alten Grenache-, Syrah- und Mourvèdre-Reben, handgelesen, teils mit Stielen vergoren, ungefiltert gefüllt. Duftet nach Veilchen und Gewürzbrot, schmeckt wie ... Egal: einfach fantastique!
 

2019 Alvarinho Vinho Verde DO, Vale Dos Ares (Minho, Portugal)

Fast alle portugiesischen Weißweine sind aus einheimischen Rebsorten gekeltert. Die nobelste ist der Alvarinho. Dieser feinwürzige Wein schmeckt auch in Deutschland. Ich habe ihn mit seinem Limetten- und Passionsfrucht-Aroma zu Jahrgangssardinen aus der Dose getrunken. Am besten jedoch schmeckt er zu den landestypischen Stockfisch-Kartoffel-Bällchen Portugals, die ich auch gern selbst mache. Ein Armeleuteessen, aber mit dem diesem Alvarinho ein Fest.

GRAUBURGUNDER, FÜR DIE MAN SICH NICHT SCHÄMEN MUSS

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Wem nichts Besseres einfaellt, der trinkt Grauburgunder – so unken viele Sommeliers. Hier sind fuenf Grauburgunder beziehungsweise Pinot Gris, die jeden Spoetter zum Schweigen bringen.
Wem nichts Besseres einfällt, der trinkt Grauburgunder – so unken viele Sommeliers. Hier sind fünf Grauburgunder beziehungsweise Pinot Gris, die jeden Spötter zum Schweigen bringen.
 

2020 Lahrer Kronenbühl Grauburgunder Erste Lage, Weingut Wöhrle (Baden)

Wer Grauburgunder als Langweiler bezeichnet, sollte diesen Wein probieren. Denn was Markus und Tanja Wöhrle hier auf die Flasche gebracht haben, würde ich als absolut edel bezeichnen. Der Wein stammt aus einer Terrassenlage am Fuße des Schwarzwalds bei Lahr und zeigt sich vollschlank, aber nicht opulent mit feinem Bananen- und Zitrustouch. Dazu kommt eine spannende, rauchige Unternote. Passt eher zu einem getrüffeltem Filet mignon vom Kalb als zu badischen Knöpflenudeln.
 

2018 Grauburgunder trocken, Achim Jähnisch (Baden)

Es gibt namhaftere Grauburgunder als diesen von einem kleinen, noch wenig bekannten Winzer, der über die Kunstgeschichte zum Wein kam. Warum sein Grauburgunder dennoch das Herz hüpfen lässt? Die kupferfarbene Tönung, das an Quittengelee erinnernde Aroma, die Stoffigkeit, die herzhafte Säure und ja: der hohe Alkoholgehalt (14 Vol.-%), der sich einstellt, wenn man die Sorte aufreizen will. Ein Anti-Riesling, trotz seiner Fülle unanstrengend.
€ 10, Weingut Achim Jähnisch, Tel. 07633-80 11 61, Ehrenkirchen-Kirchhofen
 

2013 Pinot Gris „Grossi Laüe“, Famille Hugel (Elsass, Frankreich)

Bei diesem Wein frage ich mich, weshalb manche Menschen zehnmal so viel Geld für einen Montrachet ausgeben. Der Vergleich ist unerlaubt, ich weiß. Erst recht bei diesem barocken Wein: reich und reif, Quitte und weiße Grapefruit im Vordergrund, süße Butter und ein Hauch von Sahnekaramell dahinter. Das erste Mal hatte ich ihn in der „Auberge del’Ill“ getrunken zur gebratenen Bresse-Poularde, wozu im Elsass normalerweise ein kräftiger Pinot Noir serviert wird. Himmlisch.
 

 

2018 Oberrotweiler Eichberg Grauburgunder GG, Salwey (Baden)

Konrad Salwey zeigt mit diesem Wein, wie ein Grauburgunder aus Deutschland idealerweise aussieht: hell zwiebelschalenfarben, schlank, mineralisch-frisch, selbstverständlich trocken und gleichzeitig vor Kraft strotzend. Ein stoffiger, subtil nach Stachelbeere und Brothefe schmeckender Wein im Range eines Großen Gewächses (GG), der ungefiltert abgefüllt wurde. Er verbindet burgundische Eleganz mit Kaiserstühler Rasse. Wow!
 

2019 Pinot Gris „Roche Calcaire“, Zind-Humbrecht (Elsass, Frankreich)

Pinot Gris heißen Grauburgunder im Elsass, und zu den besten Erzeugern gehört Zind-Humbrecht. Überzeugt hat mich sein „Roche Calcaire“ aber erst nach dem Umfüllen in die Karaffe. Es ist ein Wein, der Luft und Zeit braucht. Die messerscharfe, aber weinige Säure, die pikanten Nektarinen- und Hefenoten, die wächserne Textur – das offenbarte sich noch besser am nächsten Tag. Dieser (mit neun Gramm Restsüße fast trockene) Wein ist ein Mix aus drei Grands Crus und 2019 ein großer Jahrgang. Das heißt: Nie wieder wird es einen solch majestätischen Pinot Gris für so wenig Geld geben.

WEISSWEIN – DIE NÄCHSTE STUFE

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Immer häufiger begegnen uns Weißweine aus unbekannten Appellationen und Winkeln des Planeten. Diese warten mit völlig neuen Geschmacksbildern auf
 

2019 Maranges 1er Cru „La Fussière“ Blanc, Bachelet-Monnot (Burgund, Frankreich)

Wer die Weißweine aus dem Burgund liebt, könnte mit diesem Wein sehr glücklich werden. Zwei Brüder, jung und doch erfahren, besitzen ein paar Parzellen im Maranges, dem südlichsten und unbekanntesten Premier Cru an der Côte de Beaune. Im Keller arbeiten sie mit einem Minimum an Aufwand (keine Filterung, keine Schönung, minimal Schwefel). Resultat: ein Wein mit Finesse und Esprit. Sommelier Julien Morlat vom Restaurant „Alois“ in München servierte ihn zu St. Pierre mit Blutorange.
 

2019 Rioja Blanco „La Bastid“, Olivier Rivière (Rioja, Spanien)

Dieser Wein ist anders, als Weißweine aus Spanien normalerweise sind: schlanker, strenger, weniger ausladend, gleichwohl kräftig und mit Tiefe. Die Frucht ist kühl, „grüne Banane“ hat ein Kritiker geschrieben – diese Note schmeckt im Glas sehr gut. Der Wein kommt aus einer kleinen Parzelle mit alten Rebstöcken der Sorten Viura und Garnacha Blanca in der hoch gelegenen Rioja Alavesa – ein Vertreter des neuen Spanien.
€ 22,90 www.tesdorpf.de
 

2020 Chardonnay „Fosil“, Bodega Zuccardi (Mendoza, Argentinien)

In London steht dieser Avantgarde-Chardonnay in feinsten Restaurants auf der Weinkarte. Die englischen Sommeliers setzen ihn mit einem Chablis Grand Cru. In Deutschland ist er noch ziemlich unbekannt. Er wächst auf 1400 Meter Höhe in den argentinischen Anden, die Aromatik zeigt karge Frucht mit grünem Apfel, Pampelmuse, Ingwer und weißer Schokolade – ein abenteuerlicher Mix. Der argentinische Generalkonsul in Frankfurt hatte mir eine Flasche zukommen lassen. Ich bin begeistert.

2011 Ribolla Gialla, Gravner (Friaul, Italien)

Der beste Naturwein, den ich kenne. Bernsteingelb in der Farbe, im Bouquet zarte Teenoten, Quitten, karamellisierte Orangenschalen, am Gaumen etwas tanninhaltig, aber nicht bitter und von einer feinen Säure geädert. Sensationell frisch für einen zehn Jahre alten Wein, der mit Stielen in Amphoren vergoren wurde. Passt zu Fleisch, Fisch, Käse, schmeckt aber auch solo. Nur 60 Flaschen gibt es davon für Deutschland, eine davon habe ich nun schon getrunken.

2018 Savennières „Gaudrets“, Domaine Belargus (Loire, Frankreich)

Der Riesling-Hype macht bisweilen blind für die großen Gewächse anderer Länder. Dieser Wein kommt von einer 1,8 Hektar kleinen Lage an einem Nebenfluss der Loire: ein kraftvoller Chenin Blanc mit reichem Innenleben, dessen Aroma an Mirabellen, Limetten und Schiefer erinnert. Chenin Blanc ist so unterbewertet wie Riesling früher. Unbedingt dekantieren!
€ 37,70, www.pinard.de

DON'T CALL ME WINE

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Wer keinen Alkohol trinkt, muss nicht im Abseits stehen, wenn andere die Korken knallen lassen. Für alkoholfreie Abende warten sprudelnde Tees, schäumende Obstsäfte und Seccos ohne Prozente.

2018 Champagner-Bratbirne alkoholfrei, Manufaktur Jörg Geiger (Württemberg)

 Jörg Geiger ist der schwäbische Streuobstwiesen-Papst. Aus Äpfeln und Birnen alter Sorten macht er Säfte, Seccos, Sekte und ein „entalkoholisiertes birnenschaumweinhaltiges Getränk“, so der gesetzeskonforme Name. Dem flaschenvergorenen Sekt aus der berühmten Champagner-Bratbirne wurde nach dreijährigem Hefelager der Alkohol entzogen, mit 40 Prozent Birnenmost aufgefüllt und dann mit Kräutern, Blüten, Gewürzen aromatisiert.  

Eisenkraut & Quitte alkoholfrei, Von Wiesen (Hessische Bergstraße)

Hinter dem Namen Von Wiesen steht niemand Geringeres als Niko Brandner vom Sekthaus Griesel, einem Star der deutschen Sektszene. Brandners neuestes Projekt sind schäumende Tee- und Obstcocktails, gewonnen aus Früchten von der Hessischen Bergstraße. Besonders gut gefallen hat mir sein Eisenkraut-Quitte-Mix, hergestellt aus fermentiertem Sellerie, aufgegossen mit Quittentee, gewürzt mit Hopfen und Verbene.

Sparkling Juicy Tea alkoholfrei, Van Nahmen (Niederrhein)

Die Obstkelterei Van Nahmen am Niederrhein ist vor allem für ihre Premium-Fruchtsäfte berühmt. Seit einiger Zeit kombiniert sie ihr Obst mit feinen Tees und lässt die Cuvée schäumen wie einen Sekt. Mir schmeckte die Mischung aus Rhabarber, Darjeeling und Rose am besten, anderen Menschen vielleicht Earl Grey, Pfirsich und Zitronengras. Oder die Variante mit grünem Tee.
 

BLÅ, Copenhagen Sparkling Tea Company (Dänemark)

Der dänische Sommelier Jacob Kocemba hat sich auf alkoholfreie Tee-Cocktails spezialisiert, die er mit Kräutern würzt und mit Kohlensäure versetzt. Seine Sparkling Teas sind legendär, weil sie als Wein-Alternative auch zur feinen Küche passen. Der BLÅ ist aus 13 verschiedenen Teesorten einschließlich Jasmintee assembliert.
 

Apfelsecco alkoholfrei, Sekthaus Raumland (Rheinhessen)

Dieser feinperlende Apfelsaft ist aus rotfleischigen Wildäpfeln gewonnen, einer alten Sorte. Volker Raumland, Deutschlands wohl bester Sektmacher, pasteurisiert und schwefelt den Saft nicht, sondern fügt lediglich eine kleine Dosage Traubensaft für die Süßung hinzu. Statt zum Dessert kann man ihn auch als Dessert trinken.

GENOSSEN AUF DEM VORMARSCH

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Unser Weinexperte Jens Priewe öffnet für Sie sein geheimes Notizbuch und verrät seine Lieblinge des Jahres!
Früher galten Genossenschaften als Weinlieferanten der breiten Bevölkerung. Heute stehen sie bisweilen für die Top-Qualität ihrer Region.
 

2020 Roter Traminer, Domäne Wachau (Wachau, Österreich)

Eigentlich ist die Domäne Wachau für ihre grandiosen Rieslinge und Grünen Veltliner bekannt. Der Rote Traminer ist nur ein Nischenprodukt – aber was für eines! Wer keine Angst vor starken Aromen hat, wird diesen Weißwein lieben: hochpikant mit exotischen Fruchtnoten von Litschi und Nashi-Birne. Er knickt weder vor einem Lammcurry noch vor einer Cohiba ein.
 

2015 Chablis Grand Cru „Château Grenouilles“, La Chablisienne (Burgund, Frankreich)

Das Château Grenouille ist das Prunkstück der Kooperative La Chablisienne. Dieser Grand Cru ist ein extrem finessenreicher Wein, der mit einem weiten Aromenspektrum aufwartet, das von kandierter Zitronenschale über Bienenwachs, Eisenkraut bis zu jodiger Mineralität reicht. Spektakulär.

2016 Appius, Kellerei St. Michael Eppan (Südtirol, Italien)

Traumweine werden nicht nach festen Regeln erzeugt. Das gilt auch für die ansonsten regeltreuen Südtiroler Genossen. Mit dem Appius haben die Eppaner einen Wein geschaffen, der jedes Jahr nach anderen Regeln erzeugt wird. In 2016 ist es eine Cuvée aus Chardonnay, Grau- und Weißburgunder, die qualitativ selbst die Kirchturmspitze des Ortes überragt. Um ihn täglich zum Abendbrot zu trinken, ist er zu rar und zu teuer. Aber träumen darf man von ihm jederzeit.
€ 104,90, www.gourmet24.de
 

2018 Untertürkheimer Mönchberg Lemberger trocken „Großer Stern“, Weinmanufaktur Untertürkheim (Württemberg)

Mit diesem Wein ist den Untertürkheimer Genossen einer der besten Lemberger im „Ländle“ gelungen: ein geschliffenes Gewächs, das geschmacklich zwischen Weichselkirsche und gerösteten Pflaumen oszilliert. Könnte man einen Wein als Doktorarbeit einreichen, hätte dieser ein summa cum laude verdient.
 

2019 Pinot Noir „Edition A“, Winzergenossenschaft Achkarren (Baden)

Dieser Spätburgunder ist eine Art „Großes Gewächs“ für die Genossen vom Kaiserstuhl: eine Superselektion von alten Reben, sorgsam verlesen, in gebrauchten Barriques ausgebaut. „Wir wollen ganz oben mitspielen“, hat Geschäftsführer Denis Kirstein als Parole ausgegeben. Die einschlägigen Weinführer tun sich bisweilen noch schwer, dem Wein die gebührende Anerkennung zukommen zu lassen. Doch die Mundpropaganda sorgt für reißenden Absatz.

NEUE ROTE BRAUCHT DAS LAND

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Die Rotweinwelt erlebt einen Paradigmenwechsel. Blockbuster- und Monsterweine sind out. Die feinen Gaumen verlangen nach Eleganz, Präzision, Aromentiefe
Die Rotweinwelt erlebt einen Paradigmenwechsel. Blockbuster- und Monsterweine sind out. Die feinen Gaumen verlangen nach Eleganz, Präzision, Aromentiefe.
 

2017 La Loba, Bodegas de la Loba (Ribeira del Duero, Spanien)

Dieser Tempranillo kommt aus einer Parzelle mit uralten Reben, die die junge spanische Önologin Ana Carazo entdeckt hat. Aus dem Saft der wenigen Träublein, die an ihnen hängen, macht sie einen unvergesslichen Wein. Traditionelle Ribeira-Trinker vermissen den Geschmack amerikanischer Eiche, die Röstaromen, die Schwere. Das ist gewollt. La Loba steht für Frische, Fruchtigkeit, Eleganz bei großer Aromentiefe.
 

2019 Chianti Classico „Il Guercio“, Tenuta di Carleone (Toskana, Italien)

Wer Tignanello und andere Super-Tuscans liebt, wird mit diesem Chianti Classico möglicherweise fremdeln. Er duftet herrlich nach Brombeeren und Sauerkirschen, ist auf der Zunge aber karg, sehnig und sehr rassig. Warum er dennoch begeistert? Weil viele Menschen die einlullenden, mit Merlot oder Cabernet Sauvignon gepimpten Weine satt haben und lieber die eleganten Sangiovese-Gewächse mit ihrer sparsamen, messerscharfen Frucht vorziehen.
€ 44,90, www.superiore.de
 

2016 Brunello di Montalcino, Podere Giodo (Toskana, Italien)

Vor vier Jahren saß ich in der kleinen Trattoria „Il Pozzo“ bei Montalcino mit einem Mann, der mir seinen Wein vorstellen wollte. Der Wein riss mich vom Stuhl. Am liebsten hätte ich die ganze Produktion weggekauft. Inzwischen haben auch andere Leute gemerkt, dass der Giodo-Brunello zu den drei besten Weinen von Montalcino gehört. Der Mann, das war Carlo Ferrini. Er ist Önologe und berät Dutzende von Weingütern in ganz Italien. Aber am liebsten ist er Winzer in seinem eigenen Mini-Weingut. Man schmeckt es.
 

2018 Pinot Noir „West Ridge“, Hirsch Vineyards (Kalifornien, USA)

Nachdem die französischen Burgunder obszön teuer geworden sind, konzentrieren sich die Pinot-Noir-Liebhaber auf andere Provenienzen. Kalifornien zum Beispiel. Dort hat es mit 2018 den besten Jahrgang seit Langem gegeben, und David Hirsch hat denkwürdige Weine abgefüllt. Sie sind hell in der Farbe, aber hochkonzentriert und extrem feinfaserig, ihr Aromaprofil reicht von Himbeerbonbon bis zu reifen Tomaten. Klingt merkwürdig, ist aber typisch für die kühle, Pazifik-nahe Sonoma Coast: Weine, die vor Spannung knistern.
 

2017 Moulin à Vent, Philippe Pacalet (Beaujolais, Frankreich)

Der Name „Beaujolais“ ist durch den Nouveau-Hype kaputt gemacht worden. Darin sind sich die Experten einig. Einig sind sie sich aber auch darin, dass die neun Cru des Beaujolais heute wieder exzellente Weine liefern – und Moulin à Vent ist der beste dieser Crus. Dort erzeugt Philippe Pacalet einen duftig-würzigen, sehr eleganten Wein aus Gamay-Trauben, der den Pinot-Noir-Gewächsen aus dem Burgund verdächtig nahekommt.

WOMIT ZUM JAHRESENDE ANSTOSSEN?

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Das Jahr mit all seinen erfüllten und enttäuschten Hoffnungen ist nun bald vorbei. Darauf sollte man anstoßen. Fünf Schaumweine, die garantiert keine Katastrophe sind
 

2011 Cava Gran Reserva „Kripta“, Agustí Torelló Mata (Katalonien, Spanien)

Allein die Flasche ist schon ein kleines Kunstwerk: Sie ist einer römischen Amphore nachempfunden. Aber auch der Inhalt ist eine Klasse für sich. Der Kripta ist einer der besten Cavas Spaniens. Er duftet wie Winterapfel, schmeckt wie eine gebutterte Mandeltarte und ist auch nach fast zehn Jahren auf der Hefe frisch wie Quellwasser. Die beste Nachricht: Man muss nicht bis nach Barcelona fahren, es gibt ihn auch bei uns.
€ 52,95, www.vipino.de
 

Crémant de Loire, Domaine Amirault (Loire, Frankreich)

Wer den Crémant als armen Verwandten des Champagners bezeichnet, kennt den Brut von Xavier und Thierry Amirault nicht. Ich habe zum Ende des Lockdowns im April eine Flasche geschenkt bekommen und seither zweimal nachverkostet – mein Urteil steht: extraordinaire. Wer es genau wissen will: aus Chenin Blanc, Chardonnay und Cabernet Franc gekeltert, 36 Monate gereift, Demeterzertifiziert.
€ 24,60, www.garibaldi.de
 

Champagne Blanc de Blancs Brut „Les 7 Crus“, Agrapart (Champagne, Frankreich)

Winzer-Champagner haben Konjunktur, ganz besonders Agrapart. Schon die Basisversion dieses Schäumers gehört zum allerbesten, was die Champagne zu bieten hat. Der „7 Crus“ ist nicht der teuerste dieses Produzenten, aber der delikateste und auf jeden Fall um Längen besser als die Basisqualitäten der Markenchampagner. Mit ihm kann man dem abgelaufenen Jahr einen würdigen Abgang bereiten.
 

2016 Rosé Sekt Brut, Dr. Wehrheim (Pfalz)

Dieser Winzersekt ist vornehm-zurückhaltend. Es beginnt mit der Farbe: helles „Puder-Rouge“, so hat eine kosmetisch versierte Sommelière gesagt, was andere im Routinesprech „lachsrot“ nennen würden. Der Duft ist dezent fruchtig mit Rhabarber- und Himbeernoten, die Säure verträglich, die Dosage niedrig. Auffällig ist der Körperreichtum. Kein Wunder: Der Grundwein ist zu 100 Prozent Spätburgunder aus der Großen Lage Kastanienbusch. Einer der besten deutschen Winzersekte: athletisch, aber elegant.
 

2015 „Essence“ Franciacorta Satèn Brut, Antica Fratta (Franciacorta, Italien)

Wer seine Hoffnungen auf das neue Jahr setzt und darauf anstoßen möchte, sollte in Erwägung ziehen, es mit diesem Franciacorta zu tun. Er ist edel und legt jene Leichtigkeit an den Tag, mit denen die Italiener bislang immer gut durch alle Krisen gekommen sind. Noch besser wäre es allerdings, ihn hinterher (oder vorher) zum Essen zu trinken. Mit seinem gebremsten Schaum (= Satèn) ist er ideal für Lachs, Austern, Karpfen und womit man sich sonst zu Weihnachten und Silvester selbst beschenkt.
€ 23,90, www.superiore.de

NEUE DEUTSCHE LUST AM CHARDONNAY

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Unser Weinexperte Jens Priewe öffnet für Sie sein geheimes Notizbuch und verrät seine Lieblinge des Jahres!
Die Ära des „Alles außer Chardonnay“ ist vorbei! Immer mehr Winzer beschäftigen sich mit dieser Rebsorte und ihren Facetten. Der Klimawandel leistet sein Übriges und macht Deutschland zum Chardonnay-Land
 

2020 Chardonnay „N“, Michael Andres, Ruppertsberg (Pfalz)

Kein festlicher Chardonnay im Burgunderstil, sondern ein eher stiller Wein ohne exotischen Früchtemix, ohne aufdringliche Holznote, obwohl er im kleinen Holzfass ausgebaut wurde. Es ist der Chardonnay eines beseelten, grünen Winzers, der aufs Wesentliche reduziert ist, wobei das Wesentliche der Weinberg ist, der ihm Struktur, Körper und seine dezente Mineralik gibt. Laut Etikett ein einfacher Pfälzer Landwein. Aber oho!

 

2019 Untertürkheimer Gips Chardonnay Erste Lage, Weingut Aldinger (Württemberg)

Die Familie Aldinger ist berühmt für Riesling, Spätburgunder und Lemberger. Ihr Chardonnay ist aber so gut, dass man ihn einfach nicht ignorieren kann. Für mich ist er einer der spektakulärsten deutschen Chardonnays derzeit. Das Gegenteil von kalifornischen, australischen und auch traditionellen französischen Chardonnays von der Côte de Beaune. Eher karg als ausladend, null Frucht, umso mehr Hefe und eine leicht schmauchige Komponente. Suchtpotenzial. Leider sehr knapp.
 

2019 Chardonnay Reserve, Wittmann (Rheinhessen)

Ein Chardonnay vom Riesling-Magier? Viele werden sich fragen, was sich Philipp Wittmann dabei gedacht hat. Probieren, empfehle ich. Der Wein ist nicht ganz so leichtfüßig wie sein Kirchspiel-Riesling, obwohl er auf demselben Kalksteinriff gewachsen ist. Der 2019er ist straffer als sein Vorgänger, zeigt Salzteig- und Popcorn-Aromen und ist noch cremiger als Wittmanns Rieslinge. Erst der vierte Jahrgang – und schon einer der spektakulärsten Weine der Klimawandel-Generation.
 

2019 Chardonnay „Hecklinger Schlossberg“ GG, Bernhard Huber (Baden)

Dieser Wein war der erste deutsche Chardonnay im Burgunderstil, der die Weinwelt hat aufhorchen lassen. Kein behäbiger, fetter Chardonnay, sondern ein elegantes, vom Kalkstein dominiertes Großes Gewächs (GG) mit wenig Primärfrucht, vielen salzig-mineralischen Komponenten und dezenter Röstaromatik. Leider gibt es nur wenig von ihm, und das Wenige ist meist vorreserviert. Da Julian Huber mittelfristig nur noch Spätburgunder und Chardonnay anbauen will und jedes Jahr neue Parzellen anpflanzt, darf, wer leer ausgeht, aufs nächste Jahr hoffen.
 
 

2019 Chardonnay „Kaliber 25“, Adams Wein (Rheinhessen)

Simone Adams aus Ingelheim ist Jägerin. Kaliber 25, weiß sie, ist Sportwaffenmunition. Heißt: Man braucht keine Prüfung ablegen, bevor man sie verschießt, beziehungsweise die Flasche öffnet. Einfach die Augen schließen und den Wein auf der Zunge wiegen – man merkt, wie zartfruchtig und schlank er ist und gleichzeitig aromentief. Straight sagt die Winzerin über ihn. Er ist mit eigenen Hefen im Barrique vergoren und wurde sowohl ungeschönt als auch ungefiltert auf die Flasche gezogen. Ein „nordischer“ Chardonnay mit schnörkellos kühler Frucht, ohne Neuholzton, bei nur 12,5 Vol.-%. Volltreffer.

HAPPY DRINKING: WENN DAS LEBEN EINE PARTY IST

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Unser Weinexperte Jens Priewe öffnet für Sie sein geheimes Notizbuch und verrät seine Lieblinge des Jahres!
Wer leichten Genuss sucht, begibt sich auf eine Gratwanderung: Geschmackvoll und frisch soll’s sein, aber nicht banal

Hale Bopp, Weingut Wechsler (Rheinhessen)

Der Hale Bopp, benannt nach dem Kometen, ist eine cremige Cuvée aus Weiß- und Grauburgunder, mit der Katharina Wechsler die Lockerheit des Seins in die Flasche gebannt hat.

 

2020 Landwein „naturweiss“, Weingut Schätzel (Rheinhessen)

Kein Wein für weiß eingedeckte Tafeln: der „naturweiss“ des Niersteiner Winzers Kai Schätzel ist eine originelle Cuvée aus Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner und Weißburgunder: knochentrocken, leicht (11,5 Vol.-%) und naturtrüb wie ungefilterter Apfelsaft.

 

2018 Syrah, Simelia Wines (Wellington, Südafrika)

Sofort nach dem Öffnen zeigt dieser Südafrikaner alles, was in ihm steckt: süße Beerenfrucht, intensive Würze sowie eine pikante, für die Syrah-Traube typische Note von schwarzem Pfeffer. Ein attraktiver, unangestrengter Mainstream-Wein.
€ 12,80, www.rindchen.de
 

2020 „Adenzia“ Sicilia Rosso, Baglio del Cristo di Campobello (Sizilien, Italien)

Um diesen Sizilianer zu genießen, muss man keinen Weinkurs belegt haben: ein Nero d’Avola mit samtweicher Art, softem Tannin sowie dem tieffruchtigen Aroma von Johannisbeerkonfitüre, Nelkengewürz und Kaffeebohnen.
€ 12,90, www.vinoterra.de
 

Reserve Port „Six Grapes“, Graham’s (Douro, Portugal)

Dieser Kult-Port wird jung getrunken. Er ist tiefdunkel, hochkonzentriert und kräftig süß. Da er sich nach Öffnen lange hält, kann man diesen Port einen Monat lang praktisch schluckweise genießen.

HEIKLE ABER GUTE WEINE

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Für Beziehungen kann vieles gefährlich werden, auch der „falsche“ Wein. Nur: Manch „falscher“ Wein erweist sich nach dem Probieren als goldrichtig. Fünf Vorschläge mit Potenzial für glückliche Fügungen
Für Beziehungen kann vieles gefährlich werden, auch der „falsche“ Wein. Nur: Manch „falscher“ Wein erweist sich nach dem Probieren als goldrichtig. Fünf Vorschläge mit Potenzial für glückliche Fügungen

2019 Lugana „Orestilla“, Montunale (Lombardei, Italien)

Wenn Liebe durch den Magen geht, könnte Lugana ein Trennungsgrund sein: Der Weiße vom Gardasee ist ein Symbol für vinologische Unbedarftheit. Doch es gibt sie, die guten Lugana-Weine. Wer den „Orestilla“ serviert, beweist Kenntnis, Weinverstand, guten Geschmack. Allerdings würde ich ihn im Decanter ausschenken, damit der Partner oder die Gäste das Etikett nicht sehen. Nach dem ersten Schluck können Sie Flasche auch zeigen.
 

2019 Pinot Grigio Collio „Polje“, Polje (Friaul, Italien)

Wer eine Person datet, sollte im Restaurant tunlichst keinen Pinot Grigio bestellen. Das Date könnte beendet sein, bevor es begonnen hat. Harmloser geht es nämlich nicht, was den Wein angeht. Und wer will sich bei der ersten Begegnung schon als Weindepp outen? Anders ist es, wenn der „Polje“ auf der Weinkarte steht. Er ist ausweislich einschlägiger Weinführer der beste Pinot Grigio Italiens. Mit ihm wird aus dem Weindepp plötzlich ein Weinkenner.
 

2020 Müller-Thurgau „Weimarer Poetenweg“, Winzervereinigung Freyburg-Unstrut (Sachsen)

Müller-Thurgau: Das riecht nach Puschen im Hausflur. Damit niemand türmt, ersetzen viele Winzer in Westdeutschland den Namen schamhaft durch das Synonym Rivaner oder durch einen Fantasienamen. Nicht so die stolzen Genossen aus Sachsen. Ihr Müller-Thurgau ist allerdings auch alles andere als ein Spießerwein: leicht, saftig, trocken und ohne parfümiertes Bouquet. „Werkstück“ nennen sie ihn. Meisterstück, sage ich.
 
 

2017 Portugieser Rotwein „Einzelstück“, Markus Schneider (Pfalz)

Wer Portugieser hört, denkt an ein hellrotes, liebliches Rotweinchen, mit dem der Großvater einst die Großmutter betörte. Markus Schneiders „Einzelstück“ ist ein bisschen anders: dunkel in der Farbe, nach Kirschen, Nelkengewürz, geröstetem Kaffee schmeckend und dabei stoffig-trocken. Bei so einem Wein verliebt sich heute die Enkelgeneration. Die Trauben für das „Einzelstück“ kommen von bis zu 80 Jahre alten Rebstöcken. In 2017 hat Schneider ihn noch strenger als sonst selektiert. Resultat: ein grandioser Portugieser, wie es ihn nicht zweimal in Deutschland gibt.

 

2019 Woodcutter’s Shiraz, Torbreck Vintners (Barossa Valley, Australien)

Shiraz ist ein heikler Wein: dunkel, konzentriert, vollgepackt mit Frucht und Würze und nicht selten bei 15 Vol.-% Alkohol wie dieses Exemplar aus dem Barossa Valley. Spötter sagen, man brauche für ihn einen Waffenschein. Doch bietet der Woodcutter’s Shiraz ein Maximum an Weingeschmack. Kein hartes Tannin, keine überhöhte Säure, kein Neuholzton, der den Genuss stört. Gefährlich ist er nur, weil man leicht zu viel von ihm trinkt.
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