Sébastien Bras | Restaurant Le Suquet

Koch des Monats: Sébastien Bras

Sébastien Bras zelebriert im „Le Suquet“ in Laguiole die wilde Natur des Aubrac. Mit seiner Kräuter- und Gemüseküche führt er das legendäre Erbe seines Vaters auf ganz eigene Weise fort.
Text Alexander Oetker
Datum10.08.2026
Weite und ursprüngliche Natur machen die Landschaft um Laguiole aus

„La région, c’est ma vie“, sagt Sébastien Bras – und sein sanfter, beinahe gerührter Blick durch die Brillengläser ist so eindrücklich, dass kein Zweifel besteht: Ja, hier auf diesem Hochplateau im französischen Zentralmassiv, mit Blick auf die grünen, gewellten Täler, das ist seine Heimat, sein Leben. 

Laguiole heißt das Dorf mitten im Aubrac, das für so vieles berühmt ist: für die klappbaren Messer, die in alle Welt exportiert werden, für die berühmten Rinder mit dem feinen Aroma – vor allem aber für die Familie Bras und ihr Restaurant „Le Suquet“.

Der Koch in seiner Spitzenküche

„Ich bin hier geboren, sogar hier im Dorf“, sagt der Sohn des legendären Spitzenkochs Michel Bras. „Ich war eines der letzten Laguiole-Babys – drei Monate später wurde das Krankenhaus geschlossen.“ Seine Eltern standen immer in der Küche, deshalb hat er seine Kindheit auf dem Hof der Großeltern verbracht, die Kuhbauern waren. Der Duft von frischem Heu, der Käse, das Leben mit den Tieren, das hat ihn geprägt. „Die Landschaft hat mich ausgebildet“, sagt der 53-Jährige, der wohl der stillste Starkoch Frankreichs ist, ein feiner, zurückhaltender Mann.

„Snack-Paprika“, gefüllt mit Geflügelfett und Schalentieren, Lauch, Kresse, Fischminze

2017, damals hielt er drei Michelin-Sterne, gab er bekannt, er wolle künftig auf diese Auszeichnung verzichten – der Druck, der Rummel waren ihm zu viel geworden. Doch der Guide hat sich nicht daran gehalten und verleiht ihm nun seit Jahren zwei Sterne, von denen Bras aber nichts wissen will. Er will einfach nur kochen, ohne Zwang und ohne Star-Getue – ausgebucht ist er ohnehin stets auf Monate im Voraus.

„Ich freue mich, dass es in Frankreich seit der Pandemie eine Renaissance der wilden Landschaften wie dem Aubrac gibt“, sagt Bras. „Die Menschen haben Sehnsucht nach Ruhe und Langsamkeit – in einer Welt, die immer schneller und größer wird. In Paris geht erstmals die Einwohnerzahl zurück, während sie hier wächst – das sind doch gute Nachrichten!“

Wie war es, in dermaßen große Fußstapfen zu treten?

Das Restaurant, umgeben von der Idylle Frankreichs

„Herrgott, was habe ich mir für einen Druck gemacht! Ich habe den großen Ruf dieses Hauses auf meinen Schultern gespürt, aber ich hatte ja auch diesen Stolz tief in mir: Ich wollte es genauso gut machen wie mein Papa, ich dachte, das bin ich meinen Gästen schuldig.“ 

Sébastien Bras nahm die Rolle an, entwickelte sie weiter, und das in seinem ganz eigenen Tempo. Manchmal braucht er nur drei Tage für ein neues Rezept, die entscheidende Idee kommt ihm dann schon mal auf dem Mountainbike in den Bergen. Manchmal aber dauert der Weg zu neuen Gerichten eine halbe Ewigkeit. Wie viele andere französische Köche ließ sich Bras in Japan inspirieren, aber: „Miso habe ich nie gemocht. 20 Jahre lang habe ich damit experimentiert, bis ich die Kraft der Fermentation verstanden habe – und jetzt mache ich Miso aus unseren eigenen Gemüsen.“

Wie erklärt sich sein so lange anhaltender Erfolg?

Gebratene Entenbrust, Innereien-Sauce, Getreide-Polenta, Rüben, Jakobslauch

Mit Wandel, Innovation und vielen Ideen – und einem Menü, das nicht monatlich, nicht wöchentlich, sondern zweimal täglich wechselt. Wie könnte es auch nicht, in einer Region, die so reich an Produkten ist wie keine andere im Land? Und die echte Experten hat unter den Bauern ringsum, für Lamm, Rind und Flussfische. 

Aber die wichtigsten Produkte für seine Küche erntet Bras ohnehin selbst: Jeden Morgen treffen sich sieben Köche aus der Brigade mit den vier Gärtnern im Jardin des Landhauses von Michel Bras, eine halbe Stunde den Berg hinauf. Mit Stirnlampen sammeln sie dort Kräuter, Blüten und Gemüse ein, in der Hauptsaison manchmal bis zu 100 verschiedene Sorten. Es ist eine Farbenpracht, eine Welt der Düfte und feinen Aromen, die sprachlos macht.

Aus der Ernte entstand schon vor 50 Jahren die Idee für den Signature-Teller der Familie: das „Gargouillou“, Michel Bras’ größte Erfindung, die sein Sohn noch heute serviert. Ein Gemüseteller, auf dem 40 bis 60 Sorten zusammenkommen, nur sanft blanchiert und mit gerösteten Getreiden und Schäumchen serviert. „Gemüse und Kräuter waren immer unsere DNA“, sagt Bras. „Auch als alle der Molekularküche hinterhergerannt sind, habe ich gesagt, da mache ich nicht mit, das sind nicht meine Wurzeln.“

Wie schmeckt ein Bras-Menü?

Variation von Steinpilzen, Lakritzpüree, Getreide-Vinaigrette, Sauerampfer

Im „Le Suquet“ dauert ein Service noch rund vier Stunden – und genau das erwarten die Gäste. „Wir servieren keinen Hummer und keinen Kaviar. Unser Luxus liegt in der Zeit, unsere Produkte in Perfektion zu den Gästen zu bringen.“ 

Herrlich sind die Steinpilze, die in ihrer Jus und bedeckt von Brunnenkresse und Blüten auf den Teller kommen. Zum Rinderfilet werden lediglich drei grüne Salatblätter serviert, die aber eine Aromenwucht und Bitterkeit haben, dass sie jede weitere Zutat überflüssig machen. Der Käsewagen am Ende des Menüs ist üppig bestückt mit regionalen Preziosen wie einem 30 Monate gereiften Laguiole-Käse oder Roqueforts aus den besten Häusern. Das ist Großzügigkeit und Genuss pur – ringsum blickt man in lauter überglückliche Gesichter.

Blick in das Restaurant "Le Suquet" in Laguiole

„Unser Dorf liegt mehr als zwei Stunden von großen Städten entfernt“, sagt Bras. „Von Toulouse, von Lyon, von Paris sowieso. Wer hierherkommt, der sucht etwas. Und meistens suchen die Gäste unsere Vorstellung eines schönen, langsamen Lebens.“ Zu dieser Vorstellung gehört auch eine Tradition beim Besteck. 

Im Heimatdorf der weltberühmten Laguiole-Klappmesser, mit denen früher die Bauern ihre Arbeit taten, bekommt jeder Gast während des Menüs nur ein solches Messer, das er bis zum Dessert benutzt. So, wie jeder Mann in Laguiole in seiner Jugend so ein Messer geschenkt bekommt, das er dann sein ganzes Leben lang behalten soll. 

Die meisten Besucher erscheinen im feinen Sonntagsstaat, und diesen Respekt gibt das Restaurant mit kleinen Gesten zurück, etwa, indem auf jedem Brot der Name des jeweiligen Gastes eingebacken ist. Ein wenig verspielt präsentiert sich auch der Eiswagen, mit dem beste Sorbets in winzigen Waffeln serviert werden. Das lockert den etwas angestaubten Speisesaal auf, dessen helles Holz in Verbindung mit weißen Stoffen mal einer Überholung bedürfte.

Knusperblätter, gefüllt mit Ganache, Kürbiskompott, Haselnuss-Nougatine

Bras’ Küche hingegen wird jeden Tag überholt, durch die Jahreszeiten, durch die wilde Natur – und vor allem durch die Kreativität des Mannes, der seinem großen Namen alle Ehre gemacht hat. Ob eines seiner beiden Kinder einmal das Restaurant übernehmen wird? „Mal sehen“, sagt Sébastien Bras, „ich werde jedenfalls keinen Druck machen.“ Im Aubrac, dieser stillen Landschaft, hat er auch dies gelernt: Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.

Steckbrief über Sébastien Bras

Alter: 53 

Stationen: Er war tatsächlich nur einmal weg! Denn Sébastien Bras ist seiner Heimat, dem Aubrac im südwestlichen Zentralmassiv, verfallen – so wie der Küche seines legendären Vaters Michel. Nach der Ausbildung am Institut Paul Bocuse in Lyon trat er mit 23 Jahren in die Dienste des elterlichen Restaurants „Le Suquet“ in Laguiole, dessen Chefkoch er 2009 wurde. Mit seinem Vater eröffnete er 2021 ein Bistro im Museum Bourse de Commerce, Paris. 

Restaurant: Das „Le Suquet“ hat Platz für 55 Gäste, der Blick geht über die weite Landschaft des ländlichen Aubrac. 

Mitarbeiter: 65 Menschen sind im Betrieb der Familie Bras beschäftigt, darunter 25 in der Küche und 15 im Saal. Vier Gärtner kümmern sich um Kräuter- und Gemüsebeete, der Rest arbeitet im familieneigenen Hotel. 

Hobbys: Bras liebt es, mit dem Mountainbike durch die Wälder und über die umliegenden Hochplateaus zu rasen. Seine zweite Leidenschaft ist das Laufen, kürzlich hat er mit seinem Sohn am Marathon in Paris teilgenommen. 

Privat: Sébastien Bras lebt mit seiner Frau nur wenige Meter vom Restaurant entfernt. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.

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Le Suquet
Route de l’Aubrac, 12210 Laguiole, FR
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