Franciacorta - Edler Schaumwein aus Italien

Die edelsten Schaumweine Italiens kommen aus einer Landschaft, die viele Deutsche gar nicht kennen: der Franciacorta. Wer die Gegend am Iseosee entdeckt, wird reich belohnt – mit einem Getränk, so fein wie Champagner, Hügellandschaften mit Bergblick und würziger Regionalküche.

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Text: Jens Priewe

Die meisten deutschen Kennzeichen verlassen die Autobahn schon bei Mori in Richtung Gardasee. Nur wenige fahren weiter, um bei Verona gen Westen zu steuern und nach weiteren 45 Minuten eine der schönsten Landschaften Norditaliens zu erreichen: die Franciacorta. Wie ein grüner Hügelteppich liegt sie vor der Kulisse schneebedeckter Gipfel der Bergamasker Alpen. Bewaldete Höhenzüge mit eingestreuten Wiesen, Weinbergen, Feldgehölzen, dazwischen kleine Dörfer mit alten Palazzi, Natursteinhäusern, Klöstern, Abteien, im Hintergrund der Lago d’Iseo, in dessen Wasserfläche sich der blaue Himmel und die weißen Wolken spiegeln – eine „Oase der Schönheit“, findet Lara Imbrani. Die Schönheit allein aber ist es nicht, wovon die Frau mit dem brünetten Haar schwärmt. Es ist auch der Wein, der dort wächst. Er heißt – wie die Landschaft – Franciacorta, und das Besondere an ihm ist: Er schäumt. Franciacorta, das sind die edelsten Bläschen Italiens, gewachsen auf den eiszeitlichen Moränenböden des Alpenvorlands, flaschenvergoren, nicht wesentlich billiger als Champa­gner.

Franciacorta, das sind die edelsten Bläschen Italiens

Über 17 Millionen Flaschen werden produziert, die meisten trinken die Italiener selbst aus. Nur elf Prozent werden exportiert, ein kleiner Teil auch nach Deutschland. Das erklärt, wieso der Franciacorta hierzulande relativ unbekannt ist und die Menschen lieber an den Gardasee fahren, wo es Bardolino und Lugana gibt und wo, wenn es schäumen soll, jeder Supermarkt Prosecco bereithält. Lara Imbrani ist Geschäftsfrau. Der Familie ihres Mannes Paolo Radici gehört ein weltumspannendes Firmenkonglomerat, das Kunstfasern und Folien für Mode, Möbel und Autos herstellt. Vor 23 Jahren haben Lara Imbrani und Paolo Radici ein Weingut gegründet, aus purer Lust und Leidenschaft. Sie wollten dem industriellen Produkt ein handwerkliches gegenüberstellen, eines, das in der Natur entsteht, nicht in einer Maschine. Das langsam reift, nicht schnell gefertigt wird. Das Können verlangt, aber im Sinne von Leidenschaft und Intuition, nicht von Ingenieurwissen. Ronco Calino heißt das Gut. Aus seinem Keller kommen einige der besten Francia­corta: Schon der einfache Brut ist anspruchsvoll, die Extra Brut Riserva „Centoventi“ abgeklärt und finessenreich zugleich, der Rosé „Radijan“ temperamentvoll und zu 100 Prozent aus Pinot Nero. „Wenn ein Wein fünf Jahre auf der Hefe liegen muss, um sein Optimum zu erreichen“, erklärt Lara Imbrani, „dann entwickelst du ein anderes Zeitgefühl als bei einem modischen Textil. Du brauchst Geduld. Deine Uhren gehen auf einmal ganz langsam.“

 

 

Ronco Calino ist eines von 116 Gütern in der Franciacorta, die bollicine herstellen – „Bläschen“ heißen in Italien alle Weine, die perlen oder schäumen. Der Grundwein besteht vor allem aus Chardonnay, der Basistraube der Region; dazu kommt die rote Pinot Nero, die weiß gekeltert wird wie in der Champa­gne. Gemeinsam ist allen Gütern, dass sie relativ jung sind. 1961 gelang der Kellerei Guido Berlucchi die erste Flaschengärung. Nachahmer? Zunächst nicht. Der Schaumwein-Boom setzte erst Ende der 70er-Jahre ein. Vorher gab es hier zwar Wein, aber er schäumte nicht, war meist rot und nicht sonderlich aufregend, trotz renommierten Rebsorten wie Merlot, Barbera, Cabernet franc, Nebbiolo. 1978 brachten die neu gegründeten Kellereien Ca’ del Bosco und Bellavista ihre ersten bollicine auf den Markt. Der Erfolg war überwältigend. Ab da schäumte die Francia­corta. Reiche Städter widmeten ihren Sommersitz zum Sektgut um und trieben lange Tunnel in die Hügel, um die Flaschen zu lagern. Namenlose Kleinwinzer fassten Mut zu großen Investitionen. Beseelte Manager ließen sich von ihrer Sehnsucht nach dem Landleben ins prickelnde Abenteuer treiben. Clevere Bauernsöhne, pfiffige Banker, junge Önologiestudenten ohne Geld, aber mit Visionen zogen Gummistiefel an und machten den Weinberg zu ihrem Arbeitsplatz. Das Merkwürdige: Die meisten Produkte gelangen. Die mineralischen Böden waren ideal für einen Schaumwein, die Rebsorten passten. Jedenfalls stieg die Nachfrage von Jahr zu Jahr.

„Wenn wir gut sind, dürfen wir nicht billiger sein als Champagner.“

„Am Anfang darfst du träumen“, sagt Maurizio Zanella, der Gründer von Ca’ del Bosco, „aber dann musst du präzise arbeiten und nicht improvisieren.“ Zanellas Traum begann mit 15, als er von einem Schulausflug in die Champagne mit der Überzeugung heimkam, auch in der Franciacorta so etwas wie Champagner herstellen zu können. Mit Hilfe seiner Familie ließ sich der Traum verwirklichen. Ca’ del Bosco wurde zu einem Leitstern. Zanellas frecher „Dosage Zero“ versetzte damals eine ganze Generation von Weinkritikern in Entzücken: frech, weil er völlig ohne Dosage auskam und trotzdem gut schmeckte. Als Zanella es auch noch schaffte, den langjährigen Kellermeister des Champagnerhauses Krug abzuwerben, wurde er zum Wunderknaben erklärt, was er genoss, aber auch belächelte: „Wer Flaschengärung betreibt, darf nicht an Wunder glauben.“ Eine andere Überzeugung Zanellas lautete: „Wenn wir gut sind, dürfen wir nicht billiger sein als Champagner.“ Für Ca’ del Bosco gilt dieser Satz bis heute. Andere ermutigte er zu eigenen Investi­tionen. Ferghettina etwa – ein Gut, das 1991 mit drei Hektar Reben begann, heute 200 Hektar bewirtschaftet und von der Kühlzelle für die Trauben bis zur hydraulischen Korbpresse alles hat, was teuer, aber auch nötig ist, um auf höchstem Niveau zu arbeiten. Brut, Extra Brut, Pas Dosé sind exzellent, die Prestige-Cuvée „Milledì“ ist außerordentlich. Abgefüllt wird Letztere in eine auffällige Flasche mit quadratischer Grundfläche, die Matteo Gatti, der Sohn des Gründers, ertüftelt hat. „Dadurch hat der Wein während der Liegezeit mehr Kontakt mit der Hefe“, erklärt seine Schwester Laura, die mit ihm zusammen das Gut leitet, „der Wein bleibt länger frisch, muss weniger geschwefelt werden.“

 

 

Auch aus den Kellern von Contadi Castaldi kommen geschliffene Schaumweine und der 60 Monate auf der Hefe gereifte kaschmirweiche Satèn „Soul“. Für ihn lassen sich Spitzenköche wie Stefano Cerveni vom „Ristorante Due Colombe“ in Borgonato schon mal eigene Gerichte einfallen, um ihm kulinarisch etwas entgegenzusetzen, etwa Blauen Hummer mit Queller und Vanille. Satèn ist übrigens die erfolgreichste Franciacorta-Spezialität: ein mit geringerem Druck (vier statt sechs Atmosphären) auf die Flasche gebrachter Schaumwein, der – ähnlich den französischen Crémants – besonders seidig über den Gaumen läuft. Er muss, so schreiben es die Statuten vor, ausschließlich aus weißen Trauben gewonnen werden. „Der Satèn hat sich zu einer Franciacorta-Ikone entwickelt“, berichtet der Bauunternehmer und Bellavista-Gründer Vittorio Moretti, dem auch Contadi Castaldi gehört. Er selbst hatte die Idee zum Satèn, erfand den Namen, reservierte diesen ursprünglich für sich, überschrieb ihn aber später dem Schutzkonsortium, damit alle Franciacorta-Erzeuger ihn nutzen können. Ein kluger Schachzug, Satèn wurde so zur Marke. Mittlerweile ist die Zahl der Franciacorta-Kellereien, die es zu Ansehen gebracht haben, enorm gestiegen. Güter wie Il Mosnel (gelegen inmitten eines schönen Parks mit altem Baumbestand), Antica Fratta und Lo Sparviere (beide mit prachtvoll renovierten Villen), Barone Pizzini (das erste Bioweingut hier), Villa (zu dem ein ganzes mittelalterliches Dorf gehört), Castello Bonomi, La Montina, Fratelli Berlucchi, Monte Rossa, Majolini, Quadra, La Fiorita, Lantieri de Paratico, Biondelli – sie alle produzieren bollicine auf hohem oder höchstem Niveau. Ricci Curbastro vom gleichnamigen Weingut hält sogar Flaschen zurück, die erst nach sieben oder acht Jahren degorgiert werden. „Museum Release“ nennt der Winzer sie: „Ich will zeigen, dass ein Franciacorta lange reifen kann, ohne seine Frische zu verlieren.“

Gestresste Mailänder zieht es an den Wochenenden scharenweise hierher

Die Franciacorta ist ein kleines Anbaugebiet, weite zusammenhängende Rebflächen gibt es nicht. In einem Wett­bewerb um Anmut und Liebreiz würde die Franciacorta die Champagne um Längen schlagen. Dieser Charme und die Strahlkraft des Weins tun ihre Wirkung. Gestresste Mailänder zieht es an den Wochenenden scharenweise hierher, zum Baden im See, zum Golfspielen, zum Oldtimer-Treffen, zum bird watching, zum Trekking zu Fuß oder mit dem Mountainbike. Und nachdem der Verhüllungskünstler Christo vor zwei Jahren mittels „Floating Piers“ den Lago d’Iseo für drei Wochen begehbar gemacht hat, ist der See weltbekannt. Japaner, Amerikaner, Russen, Deutsche, Schweizer – sie alle wollen das schöne Gewässer sehen. Die Gastronomie hat auf den neuen Elitetourismus schon reagiert. Osterien wurden zu Trattorien, Trattorien zu Ristoranti. Nicht alles, was dort auf den Tisch kommt, gereicht der Franciacorta zur Ehre. Wer gut essen will, muss genau auswählen – am besten Lokale, die sich einer cucina del territorio verschrieben haben. Die hochklassige Version dieser Küche bietet das „Due Colombe“: bewusster Verzicht auf internationale Zutaten und Trends, dafür aufwendig verfeinerte Rezepte der Großmutter. Die Wildtaube mit Bratensaftreduktion und Honigessig macht „Pinchiorri“ in Florenz nicht besser. Dazu die 2011er Franciacorta „Demetra“ von Mirabella – grandios. Ähnlich ambitioniert ist Marco Acquaroli im „Ristorante Natura“. Weinbergschnecken, Stör, Kalbfleisch, luftgetrocknete Sardinen aus dem See – alles kommt aus heimischer Zucht oder Produktion. Sein Aalfilet mit karamellisierten Zwiebeln und Bärlauch ist lokal und genial zugleich.

Weinbergschnecken, Stör, Kalbfleisch, luftgetrocknete Sardinen aus dem See – alles kommt aus heimischer Zucht

Weniger hochfliegend, aber handwerklich perfekt kocht Lorenzo Tagliabue im „Barboglio de Gaioncelli“. Für seinen Risotto Franciacorta verzichten auch deutsche Pasta-Fans gern auf ihre geliebten Spaghetti. Ein Relikt aus der alten Zeit ist die „Osteria della Villetta“. Kutteln, bollito misto (gemischter Fleischtopf), Kalbszunge sind feste Bestandteile der Karte – und eine fantastische Lasagne mit Kalbshack und Grana Padano. Man isst an blank gescheuerten Tischen, trinkt hauseigenen Franciacorta und unterhält sich quer durchs Lokal mit anderen Gästen. „Wir wollten immer eine einfache Osteria bleiben“, erklärt Maurizio Rossi, der Wirt. Die konsequenteste cucina del territorio findet man bei Michele Valotti in der „Trattoria La Madia“. Eine ländliche Trattoria in einem abgelegenen Bergdorf nahe Brescia, jeden Abend rappelvoll mit Menschen, die sich nach den sapori antichi sehnen, nach dem Geschmack von fermentiertem Gemüse, dem Duft von Wildkräutern und Waldpilzen, der Pasta aus alten Getreidesorten, dem Fleisch von Almrindern, dem Tatar vom Kalbsherzen, dem Käse aus der Milch der seltenen Adamello-Bergziege. „Eine unperfekte, aber authentische Küche“, sagt Valotti – Mahlzeiten mit Terroir. Wer nach dem Mahl und all den bollicine Ruhe sucht, braucht ein Bett. Er findet es nicht nur in Luxushotels, sondern auch auf einigen Weingütern, meist etwas günstiger, aber im Grünen und im Zweifelsfall genauso gut (siehe Info-Guide). Das stilvollste Agro-Relais bietet die „Villa Biondelli“: aufwendig restaurierte Zimmer in einem alten Palazzo inmitten der Reben. Zum Lunch am nächsten Tag kann es mit den Bläschen weitergehen, Josko Biondelli macht dazu gern einen Rosé auf. Jahrelang hatte er in England als Headhunter gearbeitet, bevor er sich entschloss, nach Italien zurückzukehren.