Champagner - Laurent-Perrier

Als Kinder spielten die beiden Schwestern zwischen den Reben. Jetzt führen sie ein großes Vermächtnis in die Zukunft.

Champagner-Der Feinschmecker-Jalag : Lehmann, Joerg-Seasons_10145985_HiRes

Text: Patricia Bröhm

Als Alexandra Pereyre de Nonancourt ein kleines Mädchen war, wachte sie frühmorgens vom Rattern der Fässer auf, die Arbeiter über das Kopfsteinpflaster des Hofs rollten. Mit ihrer jüngeren Schwester Stéphanie spielte sie in den Weinbergen Verstecken, und wenn zur Erntezeit die reifen Trauben angeliefert wurden, ließ ihr Vater sie immer probieren. „Unser Haus prickelte von früh bis spät“, erinnert sie sich. Die beiden Mädchen waren überall dabei: „Für uns gehörten alle Mitarbeiter zur Familie, unser Vater kam uns vor wie der Kapitän eines großen Schiffes.“ Zu ihren schönsten Erinnerungen zählen die Momente, wenn abends Gäste kamen und sie mit ihrem Vater in den Keller hinabstieg, wo er einen großen Bordeaux dekantierte: „Wir liebten das Ritual, wie er die Flasche von Staub befreite, das Depot prüfte, mit einem kleinen Messer die Kapsel entfernte, dann vorsichtig den Korken herausdrehte, den Inhalt in die Karaffe fließen ließ – wir hatten das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein.“ Die Töchter lernten die Liebe zum Wein quasi als Spiel: „Es war das Wertvollste, das unser Vater uns mitgab.“

Heute liefert man aus dem 1400-Seelen-Dorf Tours-sur-Marne in 130 Länder Champagner mit einer Jahresproduktion von sieben Millionen Flaschen

Heute führen die beiden sein Vermächtnis weiter – ein großes Erbe. Bernard de Nonancourt war eine charismatische Persönlichkeit, ein einflussreicher Botschafter der Champagne. Er hatte Laurent-Perrier 1948 mit 28 Jahren als kleines, eher unbedeutendes Haus mit einer Jahresproduktion von 80 000 Flaschen Champagner übernommen und eine Weltmarke daraus gemacht. Heute liefert man aus dem 1400-Seelen-Dorf Tours-sur-Marne in 130 Länder, das Unternehmen zählt 400 Mitarbeiter und steht mit einer Jahresproduktion von sieben Millionen Flaschen an vierter Stelle unter den großen Champagnerhäusern. 160 Hektar eigene Weinberge werden bewirtschaftet, dazu kommen Trauben von langjährigen Zulieferern; insgesamt verarbeitet man Lesegut von 1600 Hektar. Trotz diesen imposanten Zahlen sehen die u-förmig um den kopfsteingepflasterten Innenhof stehenden Gebäude aus dem 19. Jahrhundert nicht nach einer Unternehmenszentrale von Rang aus, sondern nach einem beschaulichen Familienbetrieb. Eine enge Wendeltreppe führt hoch zu den Räumen, in denen die Familie bis in die 80er-Jahre gelebt hat und wo heute die Büros untergebracht sind. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos, die Bernard de Nonancourt mit der Queen zeigen, daneben eine Urkunde: Laurent-Perrier ist Hoflieferant von Prinz Charles. Bei den Hochzeiten der Prinzen William und Harry wurde der Champagner aus Tours-sur-Marne ausgeschenkt, darauf ist man hier stolz.

Bei den Hochzeiten der Prinzen William und Harry wurde der Champagner aus Tours-sur-Marne ausgeschenkt

Alles wirkt très classique, doch der Schein trügt. Zwar liegen unter dem histori­schen Weingut die für die Champagne so charakteristischen, tief in die Kreideböden geschlagenen Keller, die crayères, in denen in endlosen, schummrig beleuchteten Gängen noch die klassischen Rüttelpulte stehen und die Weine bei einer jahraus, jahr­ein gleich bleibenden Temperatur von neun Grad ihrer Bestimmung entgegenreifen. Doch nur ein paar Hundert Meter entfernt haben die Schwestern, die das Haus heute gemeinsam mit ihrem Vorstandsvorsitzenden Stéphane Dalyac und dem langjährigen Kellermeister Michel Fauconnet führen, in den vergangenen Jahren eine Weinfabrik des 21. Jahrhunderts erbauen lassen, wo vom dégorgement bis zur Verpackung der Flaschen in Kartons alles durch­technisiert ist. Man positioniert sich für die Zukunft im weltweiten Weingeschäft, hält aber weiterhin die traditionellen Werte hoch. Der Stolz, eines der letzten großen Häuser in Familien­besitz zu sein, ist immer spürbar.

„Wir stellen die Marke in den Vordergrund, nicht die eigene Persönlichkeit“, so drückt Madame es aus

Alexandra Pereyre de Nonancourt ist eine schlanke, hochgewachsene Frau von jener mühelosen Eleganz, wie sie vielleicht nur Französinnen gegeben ist. Sie studierte Innenarchitektur, entwarf Parfumflacons für Dior und Paco Rabanne, bevor sie mit 28 Jahren ins Unternehmen einstieg. Zurzeit lebt sie mit ihrem Mann, einem Archäologen, in Madrid, reist aber fast jede Woche in die Champagne und tritt als Außenministerin des Unternehmens auf. Sie empfängt uns in einem kleinen Salon neben dem ehemaligen Arbeitszimmer ihres Vaters, in dem seit seinem Tod 2010 nichts verändert worden ist. Man spürt: Sein innovativer Geist prägt das Haus nach wie vor. Doch die Töchter pflegen einen anderen Führungsstil. „Wir stellen die Marke in den Vordergrund, nicht die eigene Persönlichkeit“, so drückt Madame es aus. Gemeinsam mit ihrer Schwester Stéphanie Meneux de Nonancourt, die auch im Immobiliengeschäft ihres Mannes aktiv ist, konzentriert sie sich darauf, zu sichern, was der groß denkende Vater geschaffen hat. Dabei sind die beiden offen für neue Entwicklungen, beobachten mit Interesse das wachsende Engagement für Biodynamie bei den jungen Winzern der Region. Fürs eigene Haus verfolgen sie vorerst den Weg der „viticulture raison­née“, eine Art Herantasten an einen nachhaltigeren Weinbau – wo immer möglich, wird auf Chemie verzichtet. Zu den ersten großen Projekten der Töchter zählte auch die Herausforderung, den „Brut“ des Hauses neu zu definieren. Heute heißt der Einstiegswein selbstbewusst „La Cuvée“ und darf vier statt früher drei Jahre auf der Flasche reifen, bevor er den Keller verlässt.

 

Fürs eigene Haus verfolgen sie den Weg der „viticulture raison­née“, eine Art Herantasten an einen nachhaltigeren Weinbau Tradition und Innovation zu verbinden, darin sehen die Töchter derzeit ihre Hauptaufgabe. Alexandra zeigt Familienfotos und erzählt lebhaft aus der Geschichte des Hauses, die – wie so oft in der Region – von Frauen bestimmt war. Sie begann 1812 mit dem Fassbauer Alphonse Pierlot, der Winzer wurde und später seinem Kellermeister Eugène Laurent alles vermachte. Nach dessen Tod führte die Witwe Mathilde das Unternehmen zu frühem Glanz und hängte selbstbewusst ihren Mädchennamen Perrier an. Der Erste Weltkrieg machte die geschäftlichen Erfolge zunichte. 1939 verkaufte Mathildes Tochter das schwer ge­beutelte Unternehmen an die verwitwete Marie-Louise de Nonancourt, die aus der Champagnerdynastie Lanson stammte. Die neue Chefin hatte einen Plan: Sie wollte das Haus für ihre beiden Söhne wiederaufbauen und investierte in dieses Vorhaben alles, was sie hatte. Beide Söhne kämpften in der Résistance, der Ältere, eigentlich als Erbe auserkoren, starb im Konzentrationslager Oranienburg. Nun ruhten alle Hoffnungen auf Bernard, dem die Mutter nach seiner Rückkehr einen strengen Drill verordnete. Erntehelfer, Kellerarbeiter, Verwaltungsangestellter – er durchlief alle Stationen der Weinbereitung und -vermarktung. Später sollte er von diesem Wissen aus erster Hand profitieren.

Die perfekte Cuvée: Eine monumentale Cuvée war geboren, eine Art Goldener Schnitt des Champagners

„Mein Vater“, sagt Alexandra Pereyre de Nonancourt, „war ein großer Neuerer.“ 1959 hatte er die Idee zur wohl ungewöhnlichsten Prestige-Cuvée der Region: Er brachte den „Grand Siècle“ nicht als Millésime, als Jahrgangs-Champagner, auf den Markt. „Die Natur“, so sein Credo, „kann uns keinen perfekten Jahrgang schenken.“ Er glaubte an die Kunst der Assemblage als Kernkompetenz jedes Champagnerhauses und ließ seinen Kellermeister die perfekte Cuvée von Menschenhand erschaffen, indem er drei große Jahrgänge verschnitt, von denen stets einer für Struktur, einer für Finesse und einer für Frische stehen sollte. Eine monumentale Cuvée war geboren, eine Art Goldener Schnitt des Champagners. Wie hätte man sie anders benennen sollen als nach dem strahlenden Grand Siècle, dem 17. Jahrhundert, der Blütezeit Frankreichs unter der Regentschaft Heinrichs IV., Ludwigs XIII. und des Sonnenkönigs Ludwig XIV.? Präsident Charles de Gaulle, ein guter Freund de Nonancourts, segnete den Namen höchstpersönlich ab. Die Hauptrolle in dieser Cuvée spielt mit 55 Prozent Anteil der Chardonnay, die Lieblingsrebsorte des Patriarchen, weil sie am besten altert. Um ihre Frische und Eleganz nicht nur zu erhalten, sondern noch zu unterstreichen, führte Bernard de Nonancourt den in der Champa­gne früher unüblichen Ausbau in Edelstahltanks ein – Holzfässer, gar Barriques kamen ihm nicht mehr ins Haus. Die übrigen 45 Prozent der Cuvée stammen stets vom Pinot Noir; auf die dritte klassische Rebsorte der meisten Champagner, Pinot Meunier, verzichtet man – zu kraftvoll, zu robust für den Feinschliff des „Grand Siècle“.

Die Wände schmückt eine in Metall gravierte Karte der Cham­pagne

Wie sehr die 1959 festgelegte Stilistik bis heute den Charakter des Hauses prägt, erleben wir im Keller. Dort treffen wir Michel Fauconnet, der seit 2004 über die Weine von Laurent-Perrier herrscht, als erst dritter Kellermeister seit 1948. Fauconnet, seit 30 Jahren im Haus, ist eine Legende in der Region, ein großer, mächtiger Mann mit ergrauendem schwarzem Haarschopf. Er gilt als wenig zugänglich, taut aber auf, sobald er bei seinem Gegenüber echtes Interesse spürt. Er führt uns in die Tiefen des historischen Kellers, wo die Töchter dem „Grand Siècle“ als Herz der Marke einen wahren Tempel errichtet haben: einen ultramodernen Verkostungsraum, ausgelegt mit schwarzem Schiefer. Die Wände schmückt eine in Metall gravierte Karte der Cham­pagne mit ihren großen Lagen, die Weine werden stehend an einem langen, strahlend weißen Tisch verkostet. Ein schnurgerader Gang führt auf diesen Raum zu, rechts und links flankiert von riesi­gen, Ehrfurcht gebietenden Edelstahltanks; jeder einzelne fasst 125 Hektoliter. In ihnen reifen nach Herkunft getrennt die Weine, aus denen später einmal die prestige­trächtige Assemblage entstehen wird; sie stammen aus elf der 17 Grand-Cru-Lagen der Champagne. Schildchen am Boden verkünden die legendären Herkunftsnamen: Avize, Cramant und Le Mesnil-sur-Oger für den Chardon­nay, Ambonnay, Bouzy und Mailly für den Pinot Noir. Fauconnet ist bekannt dafür, selbst den leisesten Hauch Sauerstoff von seinen Weinen fernzuhalten: „Wir suchen nicht nach Kraft, Oxidation kommt in unserem Wortschatz nicht vor.“ Stolz weist der Kellermeister darauf hin, dass die mächtigen Tanks keine einzige Schweißnaht aufweisen – auch die könnte den unerwünschten Sauerstoff einlassen, der den Charakter der Weine verändern würde.

Der Wein leuchtet golden im Glas, ein Duft von Honig und Croissant steigt in die Nase, der erste Schluck schmeichelt seidig-vollmundig dem Gaumen

Wie aus dem Nichts erscheint ein Sommelier mit weißen Baumwollhandschuhen und schenkt den „Grand Siècle“ ein. Dabei lässt ein ungewohntes Glucksen aufhorchen. Dessen Ursache ist der besonders schlanke Schwanenhals der Flasche, die Bernard de Nonancourt einem Vorbild aus dem 16. Jahrhundert nachempfinden ließ – ein weiterer Beleg für die Liebe zum Detail, die man in diesem Haus pflegt. Ins Glas perlt die aktuelle Assemblage der Jahrgänge 2004, 2002 und 1999. „Laurent-Perrier bringt nur halb so viele Jahrgangsweine heraus wie der Rest der Champagne“, betont mit hörbarem Stolz Fauconnet, der als Kellermeister die Entscheidung trifft, ob das Traubenmaterial für einen großen Jahrgang taugt oder nicht. Der Wein leuchtet golden im Glas, ein Duft von Honig und Croissant steigt in die Nase, der erste Schluck schmeichelt seidig-vollmundig dem Gaumen. Acht Jahre reift diese Prestige-Cuvée in der Normalflasche heran, zehn in der Magnum. Sie bietet alles, was man von einem edlen Champagner erwartet: Die Frische von 2004, die Struktur des großen Jahrgangs 2002, die Finesse und Eleganz vom Champagner Jahrgang 1999. Diese perfekte Balance, erklärt Fauconnet, ziehe sich als roter Faden durch alle Assemblagen, auch wenn die Proportionen in jeder Cuvée unterschiedlich seien.

Ein Champagner, der ganz ohne Dosage auskommt, also ohne Zugabe von Zucker?

Was aber hält Fauconnet vom aktuell in der Weinwelt so viel beachteten Trend zum Brut Nature, zu einem Champagner, der ganz ohne Dosage auskommt, also ohne Zugabe von Zucker? Statt einer Antwort lässt der Kellermeister eine Flasche „Ultra Brut“ entkorken – erfunden von Bernard de Nonancourt im Jahr 1981. Zur damals gerade aufblühenden Nouvelle Cui­sine passe nur ein „Wein ohne Schminke“, entschied der Herr des Hauses seinerzeit. Seither produziert man bei Laurent-Perrier, quasi als Vorreiter der heute so beliebten Kategorie, diesen unverstellten Wein, der wie eine frische Brise am Gaumen entlangperlt. Da nichts kaschiert werden kann, gibt es ihn allerdings nur in besonders guten, ausdrucksstarken Jahren. Wie viel Weitblick der Doyen des Hauses bewiesen hat, zeigen weitere Kreationen, die längst zu Säulen des Sortiments geworden sind. 1968 gingen in Paris die Studenten auf die Straße – in der stillen Champagne revoltierte der langjährige Vorsitzende des Winzerverbandes auf seine Weise. Er wollte einen großen Rosé keltern und so diesem Weintyp Respekt verschaffen, der damals als minderwertig galt, weil er oft aus den schlechtesten Trauben gewonnen wurde. Während für viele Rosés der Region Weiß- und Rotwein verschnitten werden, entschied sich Bernard de Nonancourt für einen rosé de macération: Der Wein gärt wenige Tage auf den roten Traubenschalen, die ihm Farbe und Aroma geben, und wird dann abgepresst. Seit 1987 füllt Laurent-Perrier in den besten Jahren auch einen Rosé-­ Champagner ab; „Monsieur Bernard“, wie er für die Mitarbeiter bis heute heißt, hat ihn nach seiner Ältesten „Alexandra“ getauft.

Seit 1987 füllt Laurent-Perrier in den besten Jahren auch einen Rosé-­Champagner ab

Die Töchter wissen, dass sie nicht über das Charisma des Vaters verfügen, und pflegen die Dezenz. Anders als er, der den großen Auftritt liebte, schätzen sie die leisen Töne. Alexandra könnte ihre Besucher auch im hauseigenen Château de Louvois empfangen; ihr Vater hat das 50-Hektar-Anwesen 1989 gekauft und bis zu seinem Tod dort gewohnt. Aber das wäre nicht ihr Stil: „Ich bin keine Schlossherrin.“ Sie nutzt das elegante Gebäude außerhalb von Reims lieber für Veranstaltungen und zur Repräsenta­tion, denn es hat symbolischen Charakter: Der in der Revolution zerstörte Vorgängerbau war für den Kriegsminister des Sonnenkönigs vom gleichen Architekten errichtet worden wie Versailles, die weitläufigen Gartenanlagen stammten vom berühmten André Le Nôtre, der auch die Gärten des Königsschlosses entworfen hat. Louvois steht für die große französische Tradition, der die Familie sich nach wie vor verpflichtet fühlt. Deswegen käme es der Chefin auch nie in den Sinn, wie einige Mitbewerber Weinberge in China, England oder den USA zu kaufen und dort Schaumwein zu produzieren: „Das wäre ja kein Champagner.“