Sarah und Ihre Freunde

Sarah Hulten ist eine Pionierin:
Per Crowdfunding im Internet finanzierte sie ihr Weingut und rettete so eine verwilderte Steillage am Rhein

Winzerin Sarah Hulten

Sarah Hulten unternimmt einiges, um die Crowd bei Laune zu halten, die ihr geholfen hat, ihren ersten Weinberg zu erwerben. Auch vor der Corona-Krise gab sie bereits Online-Weinproben, zum Beispiel mit ein paar jungen Unterstützern aus der Schweiz: Die saßen in Zürich, sie in Leutesdorf am Mittelrhein, ausgeschenkt wurde ihr Riesling. Ein Dankeschön fürs Vertrauen: Sarah Hulten ist eine der ersten deutschen Winzerinnen, die mit großem Erfolg ein Weinprojekt mit Crowdfunding im Netz finanziert hat. Sie ist der Prototyp der digitalen Weingutsbesitzerin, die gedankenschnell Social-Media-Kanäle bespielt und sich trittsicher durch die virtuelle Welt bewegt.

WEINKÖNIGIN MIT REICHLICH EHRGEIZ

Im Sommer 2016 beschloss Hulten, einen alten Weinberg über Leutesdorf, zehn Autominuten nördlich von Neuwied, mithilfe einer Gruppenfinanzierung zu rekultivieren und dafür sogar ein eigenes Weingut zu gründen. Sie hatte sich in ein Terrassenstück verliebt, das völlig verwildert war, sich aber majestätisch wie ein Kolosseum über dem Dorf aufbaut. Hulten, 1991 in Lahnstein geboren, ist eine Frau der Tat: Mit der Devise „Nenn es nicht einen Traum, nenn es einen Plan“ begann sie zielstrebig, ihren „Plan R“ umzusetzen – das R steht dabei für Riesling, Rhein und Rekultivierung. Dass einige um sie herum an ihrem Vorhaben zweifelten, spornte sie noch zusätzlich an. „Wenn jemand sagt, es geht nicht, dann mache ich es erst recht“, sagt Hulten, als sie durch ihren Weinberg steigt. Unten fließt der Rhein, gegenüber ist die Vulkaneifel zu erkennen. 2016 absolvierte Hulten gerade ihr Studium der Medien- und Kulturwissenschaften in Düsseldorf und arbeitete studienbegleitend im öffentlichen Dienst im Bereich der Regionalentwicklung am Mittelrhein. In ihr Weinprojekt investierte sie nach Feierabend „jede freie Minute“. Was andere heillos überfordern würde, nimmt sie sportlich. Bereits als Studentin wurde sie 2015 zur Weinkönigin der Region Mittelrhein gekürt, obwohl sie nicht – wie sonst üblich – aus einer Winzerfamilie stammt. Als sie das Amt antrat, stand für Hulten fest, dass sie „nicht bloß das blonde Mädchen sein möchte, das nur nett lächelt“. Um die harte Arbeit in den Steillagen selbst zu erfahren, absolvierte sie ein Praktikum bei einem Weingut am Mittelrhein. Als die zierliche Frau dort am ersten Tag ankam, glaubte niemand, dass sie lange durchhalten würde. Doch Hulten schwärmt auch mit Schwielen an den Händen noch davon, „dass Weinbau eine Leidenschaft ist“.

DER ERSTE WEIN GEHT AN DIE CROWD

In Leutesdorf bot sich ihr im Juni 2016 die Möglichkeit, ein Haus von Winzer Peter Selt zu beziehen, das 1640 erbaut wurde und in dem früher einmal das örtliche Gericht untergebracht war. Hulten zeigt nach unten: Dort, wo einst der Kerker war, hat sie ihren privaten Weinkeller eingerichtet. Peter Selt überließ ihr außerdem drei Reihen Reben in der Lage Rosenberg, damit sie ,,Erfahrung sammeln kann“. Als Hulten einmal in den Weinbergen von einem Unwetter überrascht wurde, fand sie Schutz in einem Unterstand, der hoch oben im Rosenberg in einer überwucherten Terrasse steht. Im Gewitterregen blickte sie über den Steilhang und wusste sofort: „Den muss ich unbedingt haben. Es ist eine Schande, dass er brachliegt.“
Der Mittelrhein ist bekannt für seine Burgen, schroffen Schieferfelsen und wertvollen Steillagen, von denen aber viele aufgegeben wurden. Es dauerte mehrere Monate, bis Hulten die Brachfläche im Februar 2017 endlich von einer Erbengemeinschaft erwerben konnte. ,,Niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde“, schreibt sie in ihrem Blog. „Vor mir liegen noch einige Hürdenläufe dem Weg zum eigenen Weingut.“ In der Zwischenzeit konnte sie am 26. Oktober 2016 von ihren drei Rebzeilen sehr gesunde Rieslingtrauben ernten, die sie in ihrem Fass im Keller von Peter Selt vergären ließ. Die 400 Flaschen ihres Debüt-Weins, den sie „Plan R“ taufte, waren nur für ihre Crowd bestimmt: „Den haben nicht mal Freunde vorher gekriegt“, sagt sie. Inzwischen hat sich Hulten mit ihren erstaunlich eigenständigen Rieslingen auch über den Mittelrhein hinaus einen Namen gemacht. Sie hat sogar einen weiteren Weinberg gekauft und einen dritten gepachtet. In einem Stahltank lagert heute ihr 2019er Wein, 720 Liter. Im kommenden Jahr werden es bereits drei Weine sein.

Das Crowdfunding in ihrer Freizeit „auf die Beine zu stellen“, habe sich als „richtig viel Arbeit“ erwiesen, erzählt Hulten. Über Monate hinweg durchlebte sie alle Gefühlslagen. Mit zwei Filmstudenten aus Berlin drehte Hulten ein Video, in dem sie ihr Projekt vorstellte. „Wenn man kein Geld hat, muss man kreativ sein.“ Ihr Plan wurde zum Pilotprojekt der Onlineplattform Ploppster, die Crowdfunding für Winzer anbietet. Ihrer schnell wachsenden Fangemeinde schrieb sie: „Diesen Weinberg möchte ich mit eurer Unterstützung wieder aufleben lassen und dort einen ganz besonderen Riesling herstellen. Lasst es uns gemeinsam anpacken!“ Binnen fünf Wochen steuerten 317 Unterstützer 24.140 Euro bei, das Finanzierungsziel wurde deutlich überschritten. Sarah Hulten war gerührt, dass „sogar Leute aus den USA, der Schweiz, Dänemark an mich glauben und mir ihr Geld geben“.
Zwei Jahre lang schuftete sie, um den von Brombeeren überwucherten Weinberg zu roden, eine Trockenmauern instand zu setzen und rund 650 Rieslingreben zu pflanzen, Unterstützer aus der Crowd halfen ihr dabei. Das Ziel gelang: eine wertvolle Kulturlandschaft in der Steillage zu erhalten – und außergewöhnlichen Riesling zu erzeugen. Crowdfunding sei für sie der „moderne Weg, meinen Plan umzusetzen“, sagt Hulten: „Es ist eine neue Form, die viel Aufmerksamkeit generiert.“ Natürlich bespielen auch viele andere Winzer soziale Medien, doch nur wenige nutzen sie so selbstverständlich wie Sarah Hulten für einen guten Zweck: die Rettung der Steillage für klasse Rieslinge.

Text: Rainer Schäfer