Wetterwechsel – Wie das Klima die Weinbauregionen weltweit bedroht

Der Klimawandel bedroht Weinbauregionen weltweit. Die Temperaturen steigen, für einige Rebsorten wird es zu warm, aber auch Extremereignisse nehmen zu. Das bedeutet mehr Arbeit für die Winzer, die ihre Reben vor Hagel, Dürren und Spätfrösten schützen müssen. Wie verändert das Wetter den Weinbau?

Weinberg Saarland, Deutschland

Text: Patrick P. Bauer

Es könnte wieder ein außergewöhnliches Weinjahr werden. Nicht nur die Corona-Krise, sondern auch das Wetter, oder besser das Klima, macht den Winzern Sorgen: zu heißt, zu trocken, zu extrem. Viele Regionen Deutschlands haben im April kaum Regen gesehen. Dabei müssten die Wasserspeicher der Böden dringend aufgefüllt werden, denn sie leiden noch immer unter der Dürre von 2018. Blickt man auf das vergangene Jahrzehnt, wird das Bild noch klarer: 2019 war das zweitwärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, 2018 war es das heißeste, und auch 2014, 2015, 2016 und 2017 waren warme Jahre. Und jetzt droht das nächste Extremjahr. Was ist da los, und was bedeutet das für den Weinbau in Deutschland und den Rest der Welt?

Zur Erinnerung die Fakten: Wir erleben aktuell einen menschengemachten Klimawandel, denn wir produzieren weltweit mehr CO2, als unsere Wälder, Pflanzen und Meere ausgleichen können. Das CO2 sammelt sich in der Atmosphäre, durch den Treibhauseffekt heizt sich die Erde auf. Die durchschnittliche Jahrestemperatur steigt, seit 1881 in Deutschland um rund 1,5 Grad im Jahresmittel. Das hat eine ganze Reihe ungewöhnlicher Auswirkungen auf Wetter und Klima. Nicht nur in Bezug auf die Temperatur: Wir sehen uns auch mehr und neuen Extremereignissen ausgesetzt, Dürren und Spätfrösten zum Beispiel. Altbekannte Wetterphänomene wie Morgennebel, kühle Herbstnächte oder Sommerregen fallen plötzlich aus. Der Klimawandel macht damit Landwirten und Winzern auf der ganzen Welt Sorgen. Doch viele profitieren auch von der Entwicklung.

Die Profiteure des Nordens

In Deutschland begann die Kehrtwende 1990, sagt Klaus Peter Keller, Spitzenwinzer in Rheinhessen. In den Jahrzehnten zuvor fragten sich Winzer: Wie bekomme ich meine Trauben reif? Es war oft zu kalt, zu nass oder beides. „In den 60er-Jahren hat mein Vater den Riesling so spät gelesen, da lag Schnee drauf“, erzählt Keller. Seit den 90ern wurde es wärmer, es gab keinen Jahrgang mehr, der nicht ausreifen konnte. Der Klimawandel war angekommen und verändert den Weinbau bis heute.

Zunächst profitierten deutsche Winzer wie Klaus Peter Keller, Steffen Christmann oder Philipp Wittmann. Sie errangen zu Beginn der 2000er-Jahre auch international neue Aufmerksamkeit. Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter etablierte das Große Gewächs, der Export wuchs. „Die Reife war kein Problem mehr, und das hat dem deutschen trockenen Riesling zu neuen Höhen verholfen“, sagt Keller.

 

Im Zuge der Erwärmung gewannen auch ehemals zu kühle Lagen an Bedeutung. An der Nahe in Auen hat Marcus Hees die Renaissance eines ganzen Ortes eingeleitet. Auen, in einem Seitantal der Nahe, ist ein kleiner Ort mit langer Weinbautradition. Auch Hees’ Familie baut seit 1824 im Nebenerwerb Wein an, ein kleines Hotel und ein Restaurant ergänzten den Familienbetrieb. Im Ort waren die Flächen dann aufgegeben worden, zu aufwendig war die Bewirtschaftung, zu kühl das Klima in den hohen Weinbergen auf 280 bis 330 Metern, besonders in den 60er- und 70er-Jahren. 2010 wurden noch gerade mal zweieinhalb Hektar bewirtschaftet. Doch Marcus Hees sah das Potenzial der Lagen und des wärmeren Klimas und reagierte. An den ehemals zu kühlen Hängen konnte nun hochwertiger Riesling reifen, unter genau den Bedingungen, wie Winzer sie lieben: langsame Reifung, kühle Nächte und viel Sonneneinstrahlung. Seit 2010 befreite Hees dort Rebflächen von Büschen und rekultivierte sie, er arbeitet mit geringen Erträgen, spätem und vollreifem Lesegut sowie Handlese. Das Ergebnis sind mineralisch aromatische Rieslinge mit Eleganz und Finesse, Paradebeispiele für Top-Riesling. Mittlerweile bewirtschaftet Hees wieder 9,5 Hektar in der Höhe. Eine Erfolgsgeschichte des Klimawandels.

Englischer Schaumwein: Erst belächelt, jetzt ein Rising Star

Ein weiterer Gewinner findet sich jenseits des Ärmelkanals: Im Herbst 2015 führte das britische Weinmagazin „Noble Rot“ eine Blindverkostung von acht Champagnern und vier englischen Schaumweinen durch, unter den Juroren war Jancis Robinson, die bekannteste Weinkritikerin der Welt. Es gewannen zwei englische Vertreter: Hambledon und Nyetimber, beide vor den Franzosen Pol Roger, Veuve Clicquot und Taittinger – eine Sensation.

Tobias Tullberg stieg wenige Monate nach dem Tasting bei Hambledon ein. Der Schwede hat Weinbau in Montpellier und Bordeaux studiert, in der Champagne gearbeitet und zog dann nach Südengland. Warum ist er nicht in der Champagne geblieben? „Das hier ist einer der spannendsten Orte der Weinwelt“, sagt Tullberg. „Ähnliche Böden und das Klima der Champagne vor 35 Jahren, aber noch keine festgefahrenen Rezepte. Wir sind hier Pioniere. Und ja, das hat der Klimawandel ermöglicht.“ Vor zehn bis fünfzehn Jahren, als die Engländer mit Schaumwein anfingen, sagten viele Kritiker noch, das geht vorbei. Heute sind die „English Sparklings“ im Inland begehrt und machen den französischen Vertretern Konkurrenz. Wer salzige, frische Schaumweine mit knackiger Säure liebt, wird von Hambledons Première Cuvée begeistert sein. Aktuell muss man die Flaschen noch für 45 britische Pfund in Großbritannien bestellen. Aber deutsche Händler werden sie sicher bald in ihren Sortimenten führen.

Keller, Hees und Hambledon sind Profiteure des Klimawandels – einerseits. Andererseits sehen sie die Entwicklung durchaus kritisch. „Extremereignisse wie Hagel und Spätfröste nehmen zu, und diese Entwicklung geht weiter“, sagt Marcus Hees. Auch das vergangene Jahrzehnt zeichnet ein neues Bild: kein Jahr, in dem nicht ein Problem von besonderer Härte auftritt. Durch die steigenden Temperaturen treibt Riesling früher aus und stirbt dann bei Spätfrösten ab. Winzer müssen in solchen Fällen nachts zum Schutz vor Frost Fackeln, Kerzen oder Feuertonnen aufstellen. Hagelstürme beschädigen Weinberge und -trauben. Schädlinge, denen das Klima zuvor zu kühl war, breiten sich nun aus: In Frankreich wüten seit Jahren Zikaden, deutschen Winzern macht neuerdings die Kirschessigfliege zu schaffen – sie sticht die Beere an, und die Weinberge stinken nach Essig.

Die Fragen von morgen

Der Klimawandel ist eine Reise, und wir stehen am Anfang. Das sagt auch Claudia Kammann, Professorin für Klimafolgenforschung an der Hochschule für Weinbau in Geisenheim. Die Universität beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels und möglichen Lösungen: „Die heißen Sommer sind gekommen, um zu bleiben“, sagt sie. Riesling, das Aushängeschild des deutschen Weinbaus, hat erst profitiert, „aber Riesling wurde für ein kühles Klima gezüchtet, das wir in Teilen Deutschlands schon heute nicht mehr haben.“

Die Trauben werden früher reif und mittlerweile im Mittel einen Monat eher gelesen als vor einigen Jahren. „Dadurch sinken die sogenannten hefeverfügbaren Stickstoffe“, sagt Kammann und meint: Hefen brauchen Stickstoffe als Futter, und es gibt immer weniger davon in den Trauben. Wenn es wärmer wird, bilden Trauben außerdem mehr Zucker, das bedeutet mehr Alkohol im Wein. Konsumenten bevorzugen aktuell Weine mit niedrigem Alkohol. Die prägnante Säure des Rieslings zu erhalten wird eine Herausforderung sein.

Extremereignisse sorgen zudem für weitere Probleme: Winzer können Reben gegen Sonne beschatten, regnet es aber über einen langen Zeitraum, trocknen die Beeren schlechter, und die Gefahr des Pilzbefalls steigt.

Das Klima verändert schon heute die Weinlandschaft. Warme Flusslagen im Rheingau liegen mittlerweile brach, und die kühleren Waldlagen werden begehrter. Weingüter wie Robert Weil mit kühlen Kiedricher Berglagen profitieren. Aber nicht jeder Hang kann ein guter Weinberg werden und nicht jeder Winzer einfach umziehen.

In Geisenheim ist der Klimawandel mittlerweile fester Bestandteil des Lehr- und Forschungsprogramms. Jungwinzer sollen auf die Herausforderungen vorbereitet werden. In einem Projekt werden etwa Querterrassen untersucht, denn diese können in Steillagen als Grünstreifen die Biodiversität erhöhen und die Böden vor Erosionen schützen. „Das wird mit heftigen Niederschlägen zunehmend wichtiger“, sagt Kammann. Lösungen wird man künftig oft im Detail suchen müssen.

USA: Dürre, Regen, Waldbrände

„2017 war für uns ein besorgniserregendes Jahr“, sagt Jasmine Hirsch aus den USA. Ihre Weinberge liegen auf einem Bergrücken an der kalifornischen Sonoma Coast, drei Meilen vom Pazifik entfernt. Die klimatischen Bedingungen sind extrem, die Sonneneinstrahlung in dieser Höhe ist besonders hoch. Doch eine Besonderheit macht die eleganten Pinot Noir von Hirsch überhaupt erst möglich: Wenn es lange heiß ist, bildet sich Nebel über dem Pazifik. Die Weinberge liegen über dem Nebel, und es kühlt zwar ab, aber die Sonne scheint weiter auf die Trauben. „2017 entwickelte sich kein Nebel, es wurde heißer und heißer“, erinnert sich Jasmine Hirsch. „Wir hatten immer sehr große Jahrgangsunterschiede, aber diese Entwicklung macht mir Angst.“

Das vergangene Jahrzehnt war auch in Kalifornien extrem. Die Region war von 2012 bis 2016 von einer beispiellosen Dürre geprägt, immer wieder kam es zu Ausbrüchen großer Waldbrände. Von Dezember 2016 bis Februar 2017 regnete es dann enorm viel, ein Wachstumsschub war die Folge. Der Sommer wurde wieder heiß und trocken, und das Feuer hatte neue Nahrung. 2018 folgten weitere Waldbrände. „Von der Dürre in den Regen in die Brände, und aktuell sieht es nach der nächsten Dürre aus, es ist erschreckend“, sagt Hirsch. Klimaforscher wie Daniel Swaine von der University of California gehen davon aus, dass Wetterextreme in Kalifornien weiter zunehmen werden.

Warum nicht umziehen? Hirsch Vineyards wurde von Jasmines Hirschs Vater gegründet – für europäische Verhältnisse ein junges Weingut. „Wir sind mit dem Land verbunden“, sagt sie. Einfach woanders Weinberge zu suchen ist für Hirsch unvorstellbar. „Das ist unser Land, unsere Geschichte.“ Gegen die Feuer kann sie nichts tun. Doch sie möchte ein paar Zeilen Syrah pflanzen und sehen, wie dieser auf das Klima reagiert. Die Sorte kann etwas besser mit Hitze umgehen. Das Problem aber bleibt: Wir sind weit davon entfernt, dass sich ein neues Gleichgewicht einstellt. Was, wenn es auch für Syrah zu heiß wird. Oder der Nebel öfter ausbleibt?

Das alles macht den Weinbau komplizierter und verlässliche Spitzenqualität schlechter planbar. Aber der Anspruch der Weinkenner will erfüllt sein, sie interessieren elegante Weine, sie sollen frisch sein, voller Finesse und Spiel. Wie das auch in heißen Regionen gelingen kann, zeigt ein Blick in den Süden Europas.

Elegantes Aus der Hitze

Daniel Landi wird nachgesagt, dass er im Hinterland Madrids die elegantesten Garnachas (Grenache) von Spanien ausbaut. Und das in einer Region, die vor allem für opulente und marmeladige Weine bekannt ist. „Mediterrane Winzer kämpfen schon lange mit Hitze und Trockenheit“, sagt Landi. Seine Weine sind dennoch geprägt von Kühle und Frische, verströmen florale und kräutrige Noten und sind voller Finesse. Wie bekommt man so viel Eleganz in die Flasche?

„Hohe Lagen und harte Arbeit“, sagt Landi. Vor acht Jahren gründete er sein eigenes Weingut, zuvor arbeitete er bereits im Duo an einem ähnlichen Stil. Er suchte uralte und hoch gelegene Weinberge – viele von ihnen wurden in den vergangen Jahrzehnten verlassen, weil die Arbeit dort zu hart geworden war. Sie bieten anderen jetzt neue Chancen: Junge Winzer erkennen das Potenzial dieser hohen und kühlen Lagen, die aufgegeben wurden und in einer Art Dornröschenschlaf liegen. Daniel Landi ist einer von ihnen. Er studierte die Böden und Reben, entschied sich für biodynamische Bewirtschaftung. Statt Traktoren setzt er Esel ein. So oft wie möglich steht er im Weinberg und arbeitet mit den Händen.

Die Böden und Reben wirklich verstehen und nicht auf chemische Mittel setzen: Das, sagen viele Winzer, sei wichtig, um sich an den Klimawandel anzupassen. Zahlreiche Betriebe arbeiten daher aus Überzeugung schon lange biodynamisch. Viele dieser Methoden helfen, die Reben widerstandsfähiger zu machen. Damit arbeiten nicht nur Hirsch Vineyards in Kalifornien, sondern auch traditionsreiche französische Spitzenweingüter wie Domaine de la Romanée-Conti in Burgund, Chapotier an der Rhône oder Château Haut Smith Laffite im Bordelais. Mit biodynamischer Bewirtschaftung bekommen sie aktuell selbst in schwierigen Regionen elegante Weine in die Flasche – wer dagegen jedes Jahr nach dem gleichen Rezept arbeitet, verliert. Doch auch bei biodynamisch und naturnah arbeitenden Gütern gilt: Wenn Hagel oder eine Dürre die Reben zerstört, hilft die beste Bewirtschaftung nichts mehr.

Aus diesem Grund beschäftigt Daniel Landi ein weiteres Thema: „Wir dürfen nicht nur fragen, was wir gegen die Auswirkungen des Klimawandels tun können, sondern auch, welchen Beitrag wir in puncto Klimawandel leisten.“ Wein ist ein internationales Handelsgut, der Versand rund um den Globus verursacht Emissionen. Winzer, Händler, Sommeliers und Journalisten fliegen nicht selten für Tastings morgens nach London, Zürich oder Paris und abends wieder zurück. Man bekommt Weinflaschen von biodynamischen Weingütern aus Italien und Spanien oft in Unmengen von Styropor verpackt. Und wer in besonders trockenen Gebieten seine Reben bewässert, bekämpft zwar im Weinberg die Dürre, trägt aber auch zu ihr bei. „Ich habe keine Antworten auf all diese Probleme“, sagt Landi. „Aber wir müssen dringend diese Fragen stellen und anfangen zu handeln!“

Das sieht auch Klaus Peter Keller so. Er gilt als bester deutscher Winzer für trockenen Riesling und nutzt seine Bekanntheit dafür, dass Politiker und Unternehmer auf der ganzen Welt ein Bewusstsein für den Klimawandel entwickeln. Sein Motto: Wein ist der flüssige Beweis für den Klimawandel. Er präsentiert dann zum Beispiel den ersten Riesling aus Norwegen, den eine ehemalige Praktikantin anbaut. Oder er zeigt über viele Jahrgänge hinweg, dass die Säure in Riesling früher ausgeprägter und spitzer war. „Man kann den Wandel schmecken und darüber ins Gespräch kommen“, sagt er.

Die Anpassung an den Klimawandel ist für Winzer auf der ganzen Welt eine Mammutaufgabe. Reben werden für Jahrzehnte gepflanzt, der Wandel ist schneller. Winzer können in höhere Lagen gehen und mit neuen Rebsorten experimentieren. Es wird spannende Neuentdeckungen wie englischen Schaumwein geben, manche Regionen werden um ihr Renommee kämpfen müssen, andere werden es verlieren. Es wird Gewinner geben und Verlierer. Der Wandel ist die neue Konstante.

Schmeckbarer Wandel

  • Marcus Hees, 2018 Riesling Römerstich, Nahe
    In Auen wurde der Weinbau fast aufgegeben. Hees bringt Ort und Lage wieder ins Gespräch.
    Bezug: www.weinamlimit.de, € 22,90
  • Hambledon, Premiere Cuvée Brut
    Schaumwein aus Südengland, der erst belächelt wurde und nun ernst genommen wird.
    Bezug: www.hambledonvineyard.co.uk, £ 45
  • Hirsch Vineyards, 2016 Pinot Noir, San Andreas Fault, Sonoma Coast
    Ein Pinot Noir, der beweist, wie elegante Weine aus heißen Regionen gelingen, aber durch den Klimawandel auch in Gefahr ist.
    Bezug: www.weinhalle.de, € 64
  • Daniel Gómez Jiménez-Landi, 2017 Garnacha Las Uvas De La Ira, Sierra de Gredos
    Mit faszinierender Frische zeigt er, dass auch in heißen Regionen in hohen Lagen Weinbau möglich bleibt. Bezug: www.weinamlimit.de, € 22,90