Bjarne Mädel – Ein Mann für den perfekten Schnitt

Ob beim Film oder beim Steak – Präzision, Schnitt und Timing sind entscheidend für den Erfolg. Wer wüsste das besser als Schauspieler Bjarne Mädel, dessen Rollen wie „Tatortreiniger“ Kult sind. Ein Gespräch über den Tellerrand hinaus.

Bjarne Mädel

Text: Gabriele Heins | Fotos: David Maupilé

In deinem neuen Film „Sörensen hat Angst“ führst du erstmals Regie und spielst die Hauptrolle, einen Kommissar. Ist das eine bewusste Entscheidung, neue Herausforderungen und ernstere Rollen zu suchen?

Ja, absolut. Ich sage aber generell gern Rollen ab, die nur auf eine oberflächliche Komik oder Trotteligkeit der Figur abzielen, denn ich möchte schon mehr in die Tiefe gehen. Zehn Jahre lang habe ich „Stromberg“ gedreht, sieben Jahre Mord mit Aussicht“, sieben Jahre „Tatortreiniger“. Daher habe ich gerade mehr Interesse an Einzelstücken. Aber ich bin auch nach wie vor gerne lustig.

Dein Kommissar ist Vegetarier. Normalerweise essen deutsche TV-Kommissare ja eher ungesund, Currywurst an der Bude oder Pizza aus dem Karton.

Das hatte schon seine Gründe. Sörensen kommt von der Stadt aufs platte Land, wo Bratkartoffeln ohne Speck unvorstellbar sind. Und es war auch ein Vehikel, um diese Figur gegen den Fleischfabrikanten zu stellen, den Peter Kurth spielt. Außerdem hat Sörensen eine Tochter, und ich kenne Väter, die sagen: „Meine Tochter ist Hardcore-Veganerin, ich darf zu Hause kein Würstchen mehr essen“, sich dann aber heimlich eine Currywurst ziehen. Sörensen passt also vielleicht auch deshalb gut in den Zeitgeist.

Überlegt ihr euch im Team immer genau, was die Figuren im Film essen?

Ja, ich versuche immer etwas zu wählen, was die Figur charakterisiert. Bei Dietmar Schäffer aus „Mord mit Aussicht“ war klar, dass er gern Fleischwurst oder oldschool Aufschnitt isst – und nicht zu seiner Frau sagt: „Heike, reichst du mir mal die Ingwer-Kurkuma-Curry-Paste?“

Heike bekocht ihren Mann ja ganz klassisch, bringt ihm Fresskörbe ins Büro und verkündet: „Heute Abend brat ich dir ein schönes Schnitzel!“ Das Essen sagt also auch etwas über die Beziehung aus ...

Das bedient natürlich ein doofes Rollenmuster, aber die Idee war, die beiden trotzdem gegen das Ehe-Klischee-Paar zu drehen, das nach vielen Jahren eine Gleichgültigkeit füreinander empfindet. Dietmar und Heike lieben sich immer noch, jeder den anderen so, wie er ist. Und da ist dieses Betüddeln beim Essen ein wichtiger Faktor.

Übers Essen lässt sich ein Charakter erklären?

Was und wie jemand isst, ist wichtig. Ich habe gerade einen ehemaligen Fußballtrainer gespielt, der jetzt Paketbote ist, und wenn ich dann in einer Szene Suppe esse, überlege ich mir, wie diese Person den Löffel hält. Das finde ich spannend.

Und wie ist es beim Trinken im Film?

Wenn man einen Alkoholiker spielt, geht nicht das Glas zum Mund, dann geht der Kopf zum Glas. Man trinkt dann nicht aus Genuss, sondern weil man muss. Je nach gesellschaftlicher Schicht fasst man ja auch das Weinglas an, entweder am Stiel oder am Kelch. Oder trinkt gleich aus der Flasche.

Im Film „25 km/h“ futterst du dich mit deinem Filmbruder Lars Eidinger durch die ganze Karte eines griechischen Restaurants.

Oh, das war hart. Man kann beim Essen im Film ja nicht nur so tun als ob. Das Allerschlimmste war aber bei „Stromberg“, als ich in einer Szene Tiramisu essen musste, etwa 15 Portionen waren es am Schluss. Danach ist einem so furchtbar übel, dass man sich verflucht für diese Idee. Aber generell esse ich gern vor der Kamera. Man kann nicht unauthentisch essen. Nur das Falsche, wie zum Beispiel Fleischberge beim Griechen.

Der vegane Lebensstil greift ja auch bei Künstlern immer mehr um sich ...

Stimmt, und man bekommt auch zu Recht einen Shitstorm, wenn man bekennt, dass man am liebsten täglich ein Steak isst. Ich habe überlegt, ob ich das tatsächlich mit euch machen soll. Aber es wäre in meinem Fall verlogen, wenn ich sagen würde: „Lasst uns mal schön Tofu essen gehen.“

Wir hoffen, du hast es noch nicht bereut?

Nein, das ist ein tolles Steak! Und tolle Pilze! Übrigens war früher das Gulasch mit Pilzen von meiner Mutter mein Lieblingsessen. Generell versuche ich aber, weniger Fleisch zu essen und auch Aufschnitt und Wurst zu reduzieren.

Warum?

In Kalifornien, wo ich vor dreißig Jahren studiert habe, habe ich einen Vortrag über die Aufzucht von Rindern gehört. Und das hat mich so verstört, dass ich neun Monate lang kein Fleisch essen konnte. Derzeit fällt es mir aber wieder wahnsinnig schwer, darauf zu verzichten.

Ist dir Nachhaltigkeit wichtig, wenn du Lebensmittel einkaufst?

Ich wohne in Berlin-Kreuzberg und kaufe Fleisch am liebsten in der Markthalle Neun bei „Kumpel und Keule“, einem Metzger aus Leidenschaft. Aber Nachhaltigkeit hat auch seinen Preis. Mein Nachbar ist Rentner und könnte sich das zum Beispiel nicht leisten.

Kochst du auch selbst?

Ich sag mal: Ich mache Sachen warm, um nicht zu verhungern.

Gibt es nicht doch einen Bjarne-Mädel-Klassiker?

Nee ... Obwohl, Kürbissuppe. Selbst püriert. Und eine Zeit lang habe ich Sushi selbst gemacht, aber die waren nie so gut wie im Restaurant. Ich liebe auch Zimtsterne, aber die kaufe ich lieber beim guten Bäcker, die kann ich gar nicht, bei mir werden Kekse steinhart und sind nach zwei Tagen ungenießbar. Generell scheue ich eher den großen Aufwand beim Kochen. Ich gehe dann lieber essen.

Wie muss ein Restaurant sein, das dir gefällt? In die Berliner Szenelokale „Grill Royal“ oder „Borchardt“ wolltest du ja nicht mit uns.

Nein, denn letztendlich geht es da doch nur um Steak und Schnitzel, die geben aber vor, mehr zu sein, und das ist immer so ein Getue. Diese Haltung gefällt mir nicht. In der „Schlachterbörse“ hier ist alles gewachsen und gemütlich mit viel Patina. Ich mag am liebsten ehrliche, urige Lokale. Aber wenn das Essen gut ist, reichen mir auch Plastikstühle und Neonlicht.

Restaurants können auch viel Humorpotenzial haben. Beobachtest du gern Gäste, Service, Köche?

Ich beobachte grundsätzlich immer alles und finde es traurig, wenn Leute zusammensitzen, die sich nichts zu sagen haben und vor sich hinstieren. Unsere Esskultur ist ja aber sowieso etwas merkwürdig.

Was meinst du genau?

Den Zeitdruck. Beispiel: Eingeladen wird für sieben Uhr, dann wird auch sofort gegessen, und man ist fast sauer, wenn jemand zehn Minuten zu spät kommt. Beim Essen wird fast gar nicht geredet, denn das Essen darf ja nicht kalt werden, heißt es. Der Gastgeber ist vom Stress fix und fertig, und erst zum Nachtisch beginnt die Unterhaltung. In Frankreich unterhält man sich, während noch geköchelt wird, jeder bereitet etwas vor, man steht gemeinsam in der Küche, richtig gegessen wird ab neun Uhr. Das ist die schönere Esskultur.

Nicht schön ist ja auch, dass überall to go herrscht.

Vor längerer Zeit saßen in der U-Bahn zwei ältere Herren nebeneinander, und der eine sagte: „Du, die trinken jetzt alle so Kaffee unterwegs.“ Darauf der andere: „Wer für eine Tasse Kaffee nicht die Ruhe hat, der hat den Kaffee gar nicht verdient.“ Damals habe ich darüber innerlich gelacht, hatte selbst einen Pappbecher in der Hand. Heute denke ich: Sie hatten recht.

Gibt es für dich das Essen deines Lebens?

Immer im Urlaub, oft in Portugal: Man sitzt am Meer, bekommt gebratenen Fisch, ganz einfach mit Brokkoli, Kartoffeln und einer Möhre. Sehr pur im Geschmack. Das finde ich toll, weil es so gut zu der Stimmung passt und nicht mehr sein will, als es ist.

Dazu ein guter Wein?

Nicht so mein Fall. Bei mir liegt seit Jahren eine teure Flasche Rothschild auf dem Schrank, aber ich trinke lieber ein Bier, Pastis auf Eis, gern auch mal Haselnussschnaps oder einen guten Rum. In Amerika habe ich an der Uni den Kurs „Opera and Wine Tasting“ belegt. Da hat man gelernt, wie man Gespür für Wein entwickelt und ihn beschreibt. Ich fand das spannend, habe aber leider alles vergessen. Ich bin kulinarisch eher einfach gestrickt, mit einer pürierten Mousse von ..., mit einem Hauch von ... und einer Birnen-Sphäre, die im Mund zerplatzt, sind mein Magen und ich eher überfordert.

Du hast ein glückliches Händchen mit deinen Fernsehrollen. Hast du dir deine Karriere je so erträumt?

Nein, ich wollte eigentlich auch nie Filme machen. Ich interessiere mich für Sprache und habe mich immer als Theaterschauspieler verstanden. Allein diese Filmsätze – „Gib mir mal die Butter“ oder „Wo waren Sie gestern?“ – fand ich furchtbar unergiebig und oberflächlich. Ich bin da so reingerutscht. Spannend ist aber schon, wie präzise die Kamera sieht, ob man das Richtige denkt. Beim Theater kannst du ein bisschen besser lügen. Auf der Schauspielschule hat ein Lehrer immer gesagt: „Ihr könnt da oben an Bratkartoffeln denken. Solange unten die gewünschte Wirkung ankommt, ist es völlig egal, was ihr auf der Bühne denkt und fühlt.“

Apropos fühlen. Du musstest für den „Tatortreiniger“ immer wieder abnehmen und für „Mord mit Aussicht“ zunehmen. Das muss schwer sein.

Ja, zumindest das Abnehmen. Für den Paketboten, den ich gerade in dem Film „Geliefert“ gespielt habe, habe ich wieder 12 Tage gefastet und viel Sport gemacht. Aber dann startet mit dem Film ja auch das Catering, was meistens superlecker ist, und dann nehme ich während der Dreharbeiten wieder zu und muss schon mal die Luft anhalten, wenn die Kamera von der Seite kommt. Zunehmen ist kein Problem. Ich liebe Eis, kalte Cola, Kuchen, vor allem Baumkuchen. Und Brathuhn. Eine Freundin sagte mal: „Bjarne, dein Essverhalten ist sehr kindergeburtstagsorientiert!“

Was war denn das Ungewöhnlichste, was du je gegessen hast?

Als ich in Afrika zur Schule ging, habe ich, ohne es zu wissen, Affenfleisch gegessen, das einheimische Gärtner mitgebracht haben. Aber der Buschpfeffer war so scharf, dass man kaum etwas geschmeckt hat und danach kaum sprechen konnte. Das war speziell.

Wie kam es zu deiner Verbindung zu Afrika?

Mein Vater hat in Nigeria gearbeitet, als ich 14 Jahre alt war, und ich habe mit ihm dort eine Zeit lang gelebt. Letztes Jahr war ich in Uganda, ein Schulfreund hat dort das Projekt African E-Bike gestartet und will das Land am liebsten flächendeckend mit Elektrofahrrädern ausstatten. Unter anderem auch mit Anhängern, dienen diese Fahrräder auch als Ambulanz. Damit kann man Kranke oder Schwangere zur Entbindung ins Krankenhaus transportieren. So können ganz konkret Leben gerettet werden. Ich finde dieses Projekt so sinnvoll, dass ich vor Ort einen kleinen Film darüber gedreht habe.

Was hast du in Afrika gelernt?

Meine Einstellung zum Wohlstand und zu meinem Leben hat sich verändert. Ich habe begriffen, wie viel Glück ich hatte, als Weißer in Deutschland geboren worden zu sein. Und dass der Wunsch nach Fortschritt viel kaputt machen kann. Nigeria war mal der größte Erdnussexporteur der Welt. War. Inzwischen werden dort Erdnüsse aus Amerika importiert, weil das billiger ist. Die eigene Landwirtschaft geht kaputt.

Hat dich die Zeit in Afrika generell sensibilisiert für Ungerechtigkeit?

Ja, Ungerechtigkeit in der Welt macht mich fertig. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass mir bestimmte Exzesse im kulinarischen Bereich unangenehm sind. Ein Gericht für 60 Euro könnte ich mir schon mal leisten, hätte aber sofort ein schlechtes Gewissen, weil das so viele Menschen eben nicht können. Ich könnte das Essen dann nicht genießen. Außerdem denke ich immer, mein Gaumen ist nicht fein und geschult genug, um das moralisch vor mir rechtfertigen zu können.

Du bist viel unterwegs. Wie muss ein Hotel sein, damit du dich wohlfühlst?

Ich versuche, längere Aufenthalte in Hotels zunehmend zu umgehen, weil ich finde, dass Hotelzimmer immer so laut „Einsamkeit!“ schreien: Bett und Fernseher und sonst nichts. Manchmal komme ich auch in ein Zimmer und habe das Gefühl, dass der Raum „nicht stimmt“. Dann muss ich erst mal alles umbauen und das Bett, wenn möglich, in eine Ecke stellen, denn ich brauche immer so ein „Kleine-Höhle-Gefühl“.

Dann machst du auch keinen Urlaub in Hotels?

Nein. Zuletzt war ich in Schweden im Wald, in einer Hütte am See. Das war unter anderem so toll, weil es kein Netflix gab, ich habe stattdessen sieben Romane gelesen und in den Wald geguckt. Je schlichter die Unterkunft, desto konzentrierter ist auch die Stimmung in meinem Kopf. In einer einsamen Pension im Spandauer Forst habe ich mich ein paar Tage auf meine Rolle in „Feinde“ mit Klaus Maria Brandauer vorbereitet, obwohl wir in Berlin gedreht haben, wo ich ja lebe. Zu Hause lenkt mich vieles ab: Rechnungen, Post, Waschmaschine. Für die Arbeit an einem Film ist es schön, den Kopf leer zu machen.

Wenn du von Berlin in deine alte Heimat Hamburg kommst, worauf freust du dich – neben dem Besuch bei deiner Mutter natürlich – am meisten?

Auf die Elbe. Den Fischmarkt. Die Kräne. So richtig Hafen.

Klingt so, als wärst du im Herzen immer noch Hamburger Jung?

Absolut, in Berlin komme ich leider gar nicht an, die Stadt hat für mich kein Zentrum. Ich weiß nicht, wo die Mitte ist. Und deshalb denke ich Berlin von meinem Sofa aus. Und ich habe das Gefühl, dass das viele machen. Und deshalb ist ja jeder so für sich. Jeder gegen jeden. Es gibt kein richtiges Stadt-Zusammengehörigkeitsgefühl, auch jedes Viertel ist für sich. Und jeder bleibt meistens in seinem.

Und die Berliner?

Viele sind mir zu aggro. „Dit is die Berliner Schnauze, wa?!“, heißt es. Aber für mich ist das oft einfach nur schlechte Laune, die da rausgemault wird. Ach, und 70 Prozent der Fahrradfahrer sind ohne Licht unterwegs. Und ich habe noch nicht ergründen können, warum. Ick wees nur, dass dit nervt!! Könnt ick druffhauen, Alter. – Upps, ich bin schon zu lange hier.

Bjarne Mädel: der Vielseitige

Der gebürtige Hamburger studierte Kreatives Schreiben in den USA, Theaterwissenschaften und Literatur in Erlangen und absolvierte eine klassische Schauspielausbildung. Berühmt wurde er mit den Serien „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ und „Tatortreiniger“, Furore machte auch der Kino lm „25 km/h“. Mädel, 52, wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen Schauspielpreis und dem Bambi. Er lebt in Berlin.

Demnächst im Fernsehen:

Sein Regie-Debüt gibt er mit dem Krimi „Sörensen hat Angst“, in dem er auch die Hauptrolle spielt (20.1. 2021, 20.15 Uhr, ARD). Ein TV-Event wird „Feinde“ (3.1. 2021, 20.15 Uhr, ARD und alle Dritten Programme) nach einem Stoff von Ferdinand von Schirach. Ein Fall, die Entführung eines Mädchens, wird aus zwei Perspektiven erzählt: Die eine folgt dem Kommissar Nadler (Bjarne Mädel) bei seinem Wettlauf „Gegen die Zeit“, der andere dem Strafverteidiger (Klaus Maria Brandauer).