Minimalismus? Nicht mit mir!

Schon immer habe ich Menschen bewundert, die es schaffen, ohne fünf Kilogramm Zeug aus dem Urlaub zurückzukehren. Meine heimliche Leidenschaft wiegt nämlich schwer: Ich werde auf Reisen magisch angezogen von hochspezifischen „Objets de Cuisine“. Mich interessieren dabei weniger Töpfe, Messer und Zubehör, das den Alltag erleichtern würde – so praktisch bin ich leider nicht veranlagt. Eine meiner ersten Errungenschaften war stattdessen ein „Pastry Cutter“ aus den USA: ein kompaktes Objekt aus Metall mit einem gummierten Griff, das irgendwo zwischen Schlagring aus einem Gangsterfilm und Kartoffelstampfer liegt. Es hilft dabei, große Stücke kalter Butter in kleinere zu zerdrücken, damit der Teig für einen typischen Pie nicht mürbe, sondern luftig und knusprig wird. Ich backe vielleicht zwei Pies im Jahr, trotzdem ist dieses Küchentool eines der am häufigsten benutzten Spezialwerkzeuge meiner inzwischen beträchtlich gewachsenen Sammlung.
Eine Küche von Welt
In meiner Küche findet man unter anderem eine handgeschnitzte Holz-Schildkrötenform für die Zubereitung von Ang Ku Kuih, einem roten Reisküchlein mit süßer Füllung (gekauft in San Francisco); runde, gezackte Metallobjekte für Dan Tat, der Hongkonger Version von Pastel de Nata; und auch ein paar handbemalte Keramik-Essstäbchen aus der südostasiatischen Peranakan-Kultur, die das Essen mit Stäbchen kategorisch ablehnt. Hier konnte ich so schlecht widerstehen wie beim Shotglas aus Salt Lake City, auf dem der Tempel der bekanntlich abstinent lebenden Mormonen abgebildet ist.
Auch konnte ich den indischen Wallfahrtsort Varanasi nicht ohne den typischen kleinen Kupferbecher verlassen, mit dem Pilgernde aus dem Ganges trinken. Aber ich wusste, meine Darmflora wäre dem heiligen Wasser niemals gewachsen gewesen. Heute lege ich mein Kleingeld in den Becher und denke jedes Mal gern an die magische Reise zurück.
Mein Zuhause erzählt Geschichten
Bei meinem letzten Trip nach Malaysia empfahl man mir einen Ausstatter für Bäckereien ungefähr 40 Kilometer von Kuala Lumpur entfernt. Ich spickte brav mein Google Maps mit Tempeln und Restaurants, damit sich der Ausflug lohnt, aber eigentlich war ich nur scharf auf das Angebot im Laden. Ich wurde nicht enttäuscht und erwarb eine riesige Backform für luftigen Chiffon Cake, voll mit Socken und T-Shirts fiel sie kaum im Koffer auf. Dazu zwei knallpinke Formen für gedämpfte Küchlein, eine schwere Metallform für das Frittieren von herzhaften, knusprigen Teig bechern zum Befüllen mit Salat sowie festliches Klebeband mit Schriftzeichen zum Versiegeln von Keksdosen. Die blutrote Lebensmittelfarbe explodierte leider auf dem Rückflug im Koffer. Meine Sammelleidenschaft hat nur ein kleines Problem: Ich lebe in einer WG mit einer guten Freundin, die eher Minimalistin ist. Anfangs überließ sie mir zwei große Schubladen in der Küche: In einer lagere ich asiatische Saucen, Essige, Öle und Nudeln, in der anderen landen die Stücke, die zum Ausstellen nicht schön genug sind: die ungarische Holzform für Mini-Baumstriezel etwa oder der britische Pastetenvogel.
Die Schubladen der Möglichkeiten
Die Vorstellung, dass ich einen Griff in die Schublade davon entfernt bin, eine Reihe von kuriosen asiatischen Desserts zubereiten zu können, erfüllt mich mit einer Zufriedenheit, die schwer zu beschreiben ist. Dass ich die Objekte selten nutze, macht sie für mich nicht weniger wertvoll. Ich bin bis zu meinem 18. Lebensjahr sieben Mal umgezogen und habe immer ein Zuhause bewundert, dessen Einzelteile Geschichten erzählen, denn so etwas braucht Zeit und Hingabe. Vielleicht erfülle ich mir mit meiner schrägen Objektsammlung ansatzweise diesen Kindheitstraum. Wenn ich wieder etwas Neues anschleppe, fragt meine Freundin entgeistert, ob ich das Teil in meinem Zimmer lagern möchte. Wie das Set von sechs mundgeblasenen, bunten Glasröhrchen auf zwei Füßen, das ich auf einem Leipziger Flohmarkt fand. Ich gebe zu: bisher nie benutzt. Meine Freundin würde jetzt nicken. Ich finde, da gibt es eigentlich nur eine Lösung: Ich brauche eine dritte Schublade!
Über Adrian Fekete

Adrian Fekete ist gebürtiger Budapester, lebt in Berlin, hat in London Modejournalistik studiert und arbeitet als freier Autor und Modestylist. Nebenher versucht der Food-Enthusiast, seine Mandarin-Kenntnisse wieder aufzupolieren.