Matcha richtig verstehen: Teezeremonie, Qualität & Pioniere

Matcha: Mehr als nur ein grüner Hype

Matcha ist das Trendgetränk in Deutschland – beliebt bei Jüngeren als Latte mit Fruchtpüree. Dabei steckt hinter der japanischen Tradition weit mehr als der süße Hype.
Text Verena Kassubek
Datum29.01.2026

Traditionelle Teezeremonie

Sanft gleiten zwei in Kimonos Tatami-Matten des Teehauses Shōseian. Neugierige Besucherinnen und Besucher sitzen dicht gedrängt davor, es duftet nach Holz und warmem Wasser, und jeder Schritt, jede Handbewegung scheint sorgfältig abgestimmt. Dann erhebt Teemeisterin Mineko Sasaki-Stange (78) die Stimme und erklärt, was sich im Raum abspielt: die Rollen von Gast und Gastgeber, die Feuerstelle mit der Teekanne, der Nischenbereich (Tokonoma), der Vorbereitungsraum (Mizuya) und das traditionelle Teegeschirr – Chawan (Schüssel), Natsume (Teedose), Kama (Wasserkessel), Mizusashi (Frischwassergefäß) und Chasen (Bambusbesen). Das 1978 ohne einen einzigen Nagel errichtete Teehaus im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg wird für diese halbstündige Vorführung zu einer stillen Bühne. Zum Abschluss erhalten die Besucherinnen und Besucher Wagashi (Süßigkeit) und einen Usucha (dünner Tee) – und viele sind überrascht, wenn Sasaki-Stange erklärt, dass es sich dabei um Matcha handelt.

Zwischen Teeweg und Trend

„Der aktuelle Hype ist für uns Teeleute schwierig. Früher haben wir 15 Euro für 40 Gramm Matcha bezahlt, heute sind es 45 Euro“, sagt sie. In Japan heißt die Praxis Chanoyu („heißes Wasser“) oder Chadō („der Weg des Tees“). Sie ist keine bloße Zubereitung, sondern eine jahrhunderte- alte Kunstform, die geprägt wird von den Prinzipien wa (Harmonie), kei (Respekt), sei (Reinheit) und jaku (Stille). Rund eineinhalb Kilometer Luftlinie entfernt präsentiert sich Matcha derweil in einer ganz anderen Welt: Im Westfield-Einkaufszentrum wird die Zubereitung als Tasting verkauft – zwar mit Chasen und Chawan, doch ohne den rituellen Tiefgang des Teewegs, eher als modernes Lifestyle-Erlebnis. Immerhin lernt man hier die richtige Zubereitung und trinkt nicht einfach Iced Matcha Latte mit Fruchtpüree.

"Der aktuelle Hype ist für uns Teeleute schwierig. Früher haben wir 15 Euro für 40 Gramm Matcha bezahlt, heute sind es 45 Euro"
Mineko Sasaki-Stange

Was ist Matcha eigentlich?

Das leuchtend grüne Pulver wirft zunächst viele Fragen auf: Woraus wird es gemacht? Warum ist es so intensiv gefärbt? Und ist das überhaupt noch Tee? Matcha ist tatsächlich Grüntee – in einer besonders aufwendigen Form. Wie schwarzer Tee und Oolong stammt er aus der Teepflanze Camellia sinensis, doch Anbau und Verarbeitung unterscheiden sich deutlich. Rund drei bis vier Wochen vor der Ernte werden die Teesträucher beschattet. Durch den geringeren Lichteinfall bekommen die Blätter eine tiefe, satte Grünfärbung und reichern wertvolle Inhaltsstoffe wie Aminosäuren – darunter L-Theanin – an. Nach der Ernte werden die Blätter von Stängeln und Blattrippen befreit. Was übrig bleibt, heißt Tencha, ein feiner Grüntee, der auch pur getrunken werden kann. Für Matcha wird dieser Tencha anschließend in Granitsteinmühlen vermahlen. Auf dem Markt finden sich unzählige Anbieter – und nicht alles, was als Matcha verkauft wird, erfüllt die Qualitätskriterien. Manche Produkte sind gestreckt oder wurden lieblos verarbeitet. 

Zwei europäische Pioniere

Wir stellen zwei Pioniere vor, Keiko aus Diepholz und Aiya Europe mit Sitz in Hamburg, die Matcha schon früh nach Deutschland brachten – und dabei Qualität und Tradition stets im Blick behielten. Denn nur so entstehen das typische satte Jadegrün und der ausgewogene, mild-süßliche Geschmack mit feiner Umami-Note.

Matcha aus Diepholz

Japanische Teekultur in Diepholz: Bei KEIKO gibt es neben Granitsteinmühlen für Matcha auch ein Teehaus, einen Tatamiraum und einen Steingarten.

In einer kleinen Manufaktur namens Keiko im niedersächsischen Diepholz mahlt Markus Hastenpflug seinen Matcha auf Granitsteinmühlen – leise, präzise, kon- zentriert. „Unsere Mühlen laufen so langsam, dass sich das Pulver nicht erwärmt – nur so bleibt die Qualität erhalten“, sagt der Tee-Experte. Eine Mühle produziert nur 30 bis 50 Gramm Matcha pro Stunde. Hastenpflug ist Agrarwissenschaftler und Pionier. Schon 1992 brachte er japanischen Grüntee nach Deutschland – lange bevor Matcha Trend wurde. Gemeinsam mit Familie Shimodozono betreibt Keiko heute einen Bio-Teegarten in Kawanabe (Kagoshima). Die dort geernteten Blätter werden unter Stickstoff verpackt und erst in Diepholz vermahlen. „Das ist wie frisches Gemüse – sobald die Packung offen ist, läuft die Uhr“, sagt er. Keiko arbeitet mit 14 Kultivaren – vergleichbar mit den Rebsorten beim Wein –, jede hat ihren eigenen Charakter. „Ceremonial Matcha ist mild und cremig – am besten pur genießen. Für Matcha Latte braucht es eine kräftigere Variante, damit der Teegeschmack bestehen bleibt.“ Wenn es ein Matcha Latte sein muss, dann bitte mit Hafermilch – Kuhmilch enthält Casein, das die Catechine (Stoffe, die als Antioxidantien wirken) bindet und den Geschmack deutlich bitterer macht. Hastenpflug lacht: „Früher hieß es ‚giftgrün‘ – heute kann es gar nicht grün genug sein.“

Im Diepholzer Teehaus von Keiko werden ebenfalls private japanische Teezeremonien und Teeverkostungen angeboten.

"Früher hieß es ‚giftgrün‘ – heute kann es gar nicht grün genug sein"
Markus Hastenpflug, Geschäftsführer von Keiko
Markus Hastenpflug bei einem Besuch einer Teeplantage in Japan.

Bioqualität aus Japan

Mit Granitsteinmühlen wird der Grüntee (Tencha) langsam zu feinem Matcha gemahlen.

Thomas Grömer hat in den 90ern drei Jahre in Japan Tea-Science studiert, sich zum professionellen Tee-Verkoster ausbilden lassen und monatelang auf Teebergen mit den Bauern gelebt. In der Zeit lernte er das traditionsreiche Familienunternehmen Aiya kennen, das seit 1888 besteht und seit 1978 auf Bio-Anbau von Tee setzt. „Bei Matcha würde ich immer ein Bioprodukt wählen, weil man das ganze Teeblatt aufnimmt“, sagt Grömer. Mit Aiya Europe (aiya-europe.com und aiyatea.com) brachte er 2001 den ersten hochwertigen Matcha nach Europa. Wenn Grömer über herausragende Herkunftsorte spricht, nennt er zuerst Uji nahe Kyoto, das bis heute als wichtigste Referenz für Spitzenqualität gilt. Für Aiya ist Nishio in der Präfektur Aichi entscheidend – ein Gebiet mit klösterlichem Erbe, starker Beschattung und Sorten mit besonders viel L-Theanin. Weitere Top-Regionen sind Yame und Kagoshima auf der Insel Kyūshū. „Zeremoniellen Matcha bekommt man erst ab 20 Euro für 30 Gramm – alles darunter ist kritisch“, sagt er über die Qualität. „Und lieber eine Originalmarke aus Japan wählen.“ Grömer beschreibt Matcha als einzigartiges Zusammenspiel: „Koffein gibt dir Kraft, die Antioxidantien schützen deinen Körper, und L-Theanin bringt dich in Balance.“ Er sieht den Trend reflektiert: „Wir haben keine Matcha-Knappheit, sondern eine Übernachfrage“, sagt Grömer. Denn die Produktion lässt sich nicht beliebig steigern. Wie beim Wein gibt es nur eine Ernte pro Jahr, und neue Tee­büsche brauchen Jahre, bis man ernten kann.

"Wir haben keine Matcha-Knappheit, sondern eine Übernachfrage."
Thomas Grömer, Geschäftsführer Aiya Europe

Hōjicha als neues Trendobjekt

Inzwischen bahnen sich neue Hypes an: Hōjicha (gerösteter Matcha mit wenig Koffein), Genmaicha (grüner Tee mit geröstetem Reis) und Black Matcha (Schwarzteepulver). So bliebe mehr Matcha für traditionelle Zeremonien. Wenn Trendsetter erkennen, dass hochwertiger Matcha pur genossen werden sollte, wäre viel gewonnen – schließlich mischt man auch keinen Spitzenwein zur Schorle.

6 Orte für japanische Teezeremonien

1. Teeweg in Berlin
Im Teehaus Bōki-an im Humboldt Forum zeigt der Urasenke-Verein Berlin die Zubereitung von Usucha (leichtem) oder Koicha (starkem Tee). Mit Museumsticket kostenfrei. Schlossplatz, 10178 Berlin,
www.humboldtforum.org

2. Teezeremonie in Düsseldorf
Im EKŌ-Haus der Japanischen Kultur führt der Urasenke Tankōkai im Tatami-Zimmer eine traditionelle Teezeremonie vor.
Brüggener Weg 6, 40547 Düsseldorf, 
www.eko-haus.de

3. Teezeremonie in Hamburg
Im Museum für Kunst und Gewerbe findet im Teehaus Shōseian die Zeremonie der Urasenke-Schule aus Kyōto statt – mit Matcha und Süßigkeit.
Steintorplatz, 20099 Hamburg,
tickets.mkg-hamburg.de

4. Teehaus in München
Im Englischen Garten gibt es von April bis Oktober Chanoyu-Zeremonien. Termine: jedes zweite Wochenende.
Englischer Garten, 80538 München,
www.urasenke-muenchen.de

5. Teegarten in Kaiserslautern
Im japanischen Teehaus finden regelmäßig Zeremonien für bis zu zehn Gäste statt. Termine ab Februar 2026.
Am Abendsberg 1, 67657 Kaiserslautern,
www.japanischergarten.de

6. Teehaus in Diepholz
In Diepholz gibt es beim Unternehmen Keiko ein Teehaus mit Tatamiraum und Steingarten. Antonina Sôan Bezvulyak führt in japanische Teezeremonien ein. Es werden Teeverkostungen in verschiedenen Größen sowie andere Seminare rund um das Thema Tee angeboten. 
www.keiko.de/teeseminare-verkostungen

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