Julian Stieger: Stille Größe im Chef's Table


Nein, zufällig kommt hier es in steilen Serpentinen hoch Richtung Arlbergpass, dann über den Flexenpass und wieder hinunter nach Lech, österreichischer Nobelort und Ausgangspunkt für spektakuläre Skiabfahrten im Winter sowie aussichtsreiche Wanderungen im Sommer. Dann links abbiegen nach Zug, jetzt sind es noch etwa drei Kilometer, rechts und links Berggipfel und Felswände. Kurz nach dem etwa 1500 Meter hoch gelegenen Ort ist Talschluss, dann geht es nur noch zu Fuß weiter – vorausgesetzt, man hat entsprechendes Schuhwerk dabei. Aber wer zu Julian Stieger ins „Chef’s Table“ will, hält eh mit dem Auto vorher an: beim „Schualhaus“, wie man hier sagt, dem alten Zuger Schulhaus, das einst als Sennerei diente. Dort heißt einen eine putzige Schiefertafel „Herzlich willkommen“ und nennt die Öffnungszeiten des Restaurants – selten hat eine hochdekorierte Adresse unprätentiöser auf sich aufmerksam gemacht.

Aber das passt zum lässigen Stil des Hauses und dem Chefkoch Julian Stieger, Oberösterreicher, Anfang 30 und von angenehm zurückhaltendem Wesen. „Am Anfang hat der Julian praktisch gar nicht gesprochen“, sagt Joschi Walch, Genuss-Freak und Herr über das Gourmethotel Rote Wand, zu dem das „Chef’s Table“ gehört. Das ist natürlich übertrieben, aber im Prinzip stimmt es: Julian Stieger kommuniziert ausnehmend gern durch seine von Klarheit, Intensität und regionalem Bezug geprägten Gerichte; weitschweifende Erklärungen sind seine Sache nicht. Warum auch? Schließlich setzen die in der holzvertäfelten Stube gereichten kleinen Vorspeisen bereits den hohen Ton: Das aus geräucherten Zander-Karkassen gekochte Creme-Süppchen ist extrem dicht und satt, Umami pur, verfeinert hat es Stieger unter anderem mit Garum. Die fermentierte Fischsauce gehört im „Chef’s Table“ zum Standardprogramm, schließlich unterhält die „Rote Wand“ ein eigenes Fermentationslabor, das Culinary Lab. Als weiterer Starter folgt ein Brioche-Toast mit Wildschwein, geräucherter Crème fraîche, Lardo und einer üppigen Portion schwarzer Trüffel, später ein mit Bodensee-Aal gefüllter Mini-Windbeutel, überzogen mit Gänseleber und Holunderbeeren-Abrieb. Das ist ein kraftvoll-kreativer Beginn, bevor es in das von einer umlaufenden Theke dominierte offene Restaurant im ersten Stock geht.
Warum ist es wichtig, dass es in Zug einen Fischteich gibt?

Seit Oktober 2022 kocht Julian Stieger in Zug, seitdem haben regionale Produkte in dem zuvor vom ebenfalls hochbegabten Max Natmessnig geleiteten Restaurant eine neue Bedeutung bekommen. „Wir haben vor Ort exzellente Produzenten, mit denen wir immer enger zusammenarbeiten und bekommen Wild aus eigener Jagd“, sagt Stieger. „Das sind tolle Bedingungen!“ Besonders intensiv ist seine Beziehung zu einem örtlichen Fischer, der in einem Teich in Zug Fisch nicht nur züchtet, sondern überdies im Bodensee gefangene Fische dort einsetzt und wachsen lässt. Durchquert wird der Teich vom Fluss Lech, so ist permanent für Frischwasser gesorgt, und das Gewässer friert in harten Bergwintern nicht bis zum Grund ein. Sowohl die mit einer immens würzigen Gemüsebrühe angerichtete Forelle als auch der Hecht, der als Roulade mit einer Farce aus bayerischer Garnele zubereitet wird, stammen aus dem in der Nähe des Restaurants gelegenen Teich. Die Hecht-Roulade röstet der junge Koch kurz auf dem Binchotan-Grill an, einer imposant rauchenden Feuerstelle, die er gern benutzt. Die feinen Rouladenscheiben werden am Tisch mit einer Sauce aus Pfifferlingen, Nüssen, grünen Erdbeeren und N25-Kaviar angegossen. Einen klar regionalen Bezug hat auch das Tatar von einer elf Jahre alten heimischen Milchkuh, das mit confierten Portobello-Pilzen, kleinen Kohlrabiwürfeln und einer Dashi aus geräucherten Pilzen serviert wird – eine hocharomatische und gleichzeitig herrlich frische Kombination.
Warum möchte Julian Stieger kein Signature Dish haben?
Weil sich ein Signature Dish für ihn nach Stillstand anfühlt – und genau den will er vermeiden. „Ich möchte experimentieren und nicht immer das Gleiche kochen, nur weil ich dafür bekannt bin“, sagt er. „Deshalb wechseln wir unser Menü häufig, im Sommer kochen wir anders als im Winter.“
Hat er vielleicht dennoch eins?
Sein Steckrübengratin mit Meerrettich-Beurre-blanc und Senfsaat hat zumindest das Zeug dazu. Es ist ein genial-komplexes Gericht: außen kross, innen mit feinem Schmelz, dicht und saftig. Der Weg dahin ist freilich kompliziert: Die Rübe wird in Scheiben geschnitten und gepresst, ausgebacken, später kommen Béchamelsauce sowie kräftiger Bergkäse dazu. Stieger nimmt die Popularität des Gerichts gelassen: „Viele Gäste warten auf das Steckrübengratin, deshalb bereiten wir es gern zu.“ Wie alle seine Kreationen ist das Gericht optisch ausgefeilt: Farben, Proportionen, Anordnung – alles passt. Julian Stieger ist ein visueller Koch: „Zuerst habe ich eine optische Vorstellung von einem Gericht, dann zeichne ich es, erst dann koche ich es.“
Wie fühlt es sich an, unter Beobachtung zu kochen?

Julian Stieger und sein Team richten in ihrer offenen Küche nicht nur an, sie kochen dort richtig. Während der erste Gang am Tresen serviert wird, schiebt der Chef die mit Honig, heimischen Bergkräutern und Pfeffer eingeriebene Dry-aged-Ente in den Ofen, später tranchiert er sie – alles live mitzuerleben. Serviert wird die rosafarbene, in feine Scheiben geschnittene Brust, ergänzt von einer kräftigen Sauce, unter anderem aus Entenfond, Steinpilzen und Tonburi, dem pflanzlichen Kaviar aus Japan. Das ist beeindruckend puristisches Handwerk. Gleich daneben faltet der Patissier kunstvoll eine Zimtschnecke. „Anfangs ist es ungewohnt, vor Publikum zu kochen“, sagt Julian Stieger, „aber daran gewöhnt man sich recht schnell, zumal bei uns im Restaurant eine lockere Atmosphäre herrscht.“ Letzteres sagen die meisten Köche – in Zug stimmt das aber wirklich, wozu auch die anspruchsvolle Musik im Hintergrund einen nicht unerheblichen Beitrag leistet: viel Soul, etwas Rock, darunter Songperlen von Legende Patti Smith. An der Playlist werkelt Julian Stieger selbst mit, genau wie er einen Blick auf die Weinauswahl hat. Der Keller ist exzellent bestückt, die Preise sind fair kalkuliert, die Pairings gelingen hervorragend – auch mit den raffinierten alkoholfreien Getränken.
Warum gibt es zum Abschluss eine Zimtschnecke?

Am Ende des Abends geht es noch einmal in die Stube, wo Filterkaffee und Tee aus regionalen Bergkräutern bereitstehen – und eine frisch gebackene Zimtschnecke, die herrlich duftet. Die Gäste diskutieren das Menü, Julian Stieger kommt hinzu. Alle haben genug gegessen, die Portionen sind gut bemessen, dennoch kann niemand der prächtigen Zimtschnecke widerstehen. „Ein einfaches Hefegebäck, das super schmeckt. Damit sind alle wieder geerdet“, sagt Stieger und lacht. „Zudem soll keiner hungrig nach Hause gehen.“ Klar, das gehört sich nicht, so hoch in den Bergen.
Julian Stieger

Alter: 31 Jahre (geb. 1995)
Stationen: Julian Stieger wächst in der Nähe von Linz in Oberösterreich auf. Mit 17 Lehre bei Thomas Dorfer im „Landhaus Bacher“ in Mautern. Anschließend Stationen in Wien („Le Ciel“, „Steirereck“) und New York („Eleven Madison Park“). 2020 eine erste Stippvisite im damals von Max Natmessnig geleiteten „Chef´s Table“ im Hotel Rote Wand im Lecher Ortsteil Zug. Als er später bei Rasmus Kofoed im Kopenhagener „Geranium“ arbeitet, holt ihn Rote-Wand-Chef Joschi Walch mit einem Anruf zurück. Seit Oktober 2022 ist er Chefkoch im „Chef’s Table“.
Restaurant: Die ersten Gänge werden in einer holzvertäfelten Stube im Erdgeschoss serviert, von dort führt eine Stiege zum „Chef’s Table“, wo sich ein Bartresen um eine große Kücheninsel spannt.
Privat: Julian Stieger ist gern zu Fuß in den Bergen unterwegs. „Ich liebe es einfach zu laufen.“

