Sommelier im ICE

Eigentlich fahre ich von München nach Hamburg, um Bordeaux zu verkosten: große Namen, gereifte Jahrgänge, viel Erwartung. Doch bevor die Premiers Crus ins Glas kommen, drängt sich eine andere Frage auf: Was schenkt die Deutsche Bahn aus, wenn sie das Weinland Deutschland repräsentieren will? Für einen Sommelier ist das keine Nebensache. Das ist ein Auftrag. Für den Test der neuen Weine habe ich mein eigenes hochwertiges Universalglas dabei. Weil guter Wein eine faire Chance verdient. Die Glaskultur im ICE ist übrigens anständig. Bei der Sektflöte darf man später diskutieren, aber wir wollen ja nicht gleich zu Beginn kleinlich werden. Der Riesling von Peter Stolleis aus der Pfalz eröffnet die Testrunde – und setzt sofort den Maßstab. Im Glas zeigt sich genau jene Art Riesling, die Deutschland überzeugend vertreten kann: Zitronenzeste, Weinbergpfirsich, Aprikose, später mit Luft auch etwas Ananas. Trocken, aber nicht asketisch, mit einer dezenten Fruchtsüße, die trägt. Die Säure ist präsent, doch nie schneidend, und nach einigen Minuten wird der Wein offener, großzügiger, komplexer. Er packt beim ersten Schnuppern nicht alles aus, er kommt langsam, aber zuverlässig. Genau solche Weine liebe ich. Für mich ist er der Sieger der Verkostung auf Schienen – Riesling, Pfalz, Deutschland: Das sitzt. Seit vielen Jahren begleitet das Deutsche Weininstitut (DWI) die Bahn bei Ausschreibung und Auswahl der Weine für die Bordbistros, und spätestens seit 2011 sind ausschließlich deutsche Anbaugebiete vertreten. Für die aktuelle Kollektion wurden 220 eingereichte Weine in zwei Blindverkostungsrunden geprüft!

Vier kamen durch. Und dazu zählt auch der zweite Wein, ein Grauburgunder von Matthias Keth aus Rheinhessen. Das Weingut kannte ich vorher nicht näher, umso interessanter ist der erste Eindruck: gelber Apfel, reife Birne, später Honigmelone, dazu eine feine Mandelnote. Am Gaumen cremig, weich, ohne breit zu werden. Ein Wein, der sich gastronomisch sofort anbietet. Zu vielen Gerichten im Bordrestaurant funktioniert er – vermutlich sogar besser, als so mancher Gast vermutet. Dann wird’s rot mit der That’s NEISS Tinto Réserve aus der Pfalz – der Name, das Wortspiel, die Aromen, alles passt. Dahinter steht eine Bordeaux-inspirierte Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot mit Kirsche, Pflaume, Holunder, Roter Johannisbeere, dazu Pfeffer und eine feine Würze. Das Holz gibt Struktur, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Der Wein ist eher elegant als kraftvoll. Der Service ist das leise Glanzstück dieser Fahrt. Mein Betreuer im Bistro ist herzlich, aufmerksam, humorvoll und nie aufgesetzt. Nur einer fehlt noch: der Sekt. Zunächst heißt es, er sei ausverkauft. In Fulda fällt der Satz: „Der Sekt steigt in Hannover zu.“ Der Riesling Sekt brut von Schloss Affaltrach kommt dann mit Schraubverschluss und zwölf Volumenprozent Alkohol. Hellgoldgelb, lebendige Perlage, viele kleine Bläschen steigen rasch auf. Die Nase ist feinwürzig und weißblütig. Reifer gelber Apfel, Steinobst, ein Hauch Stachelbeere, etwas Mango, dazu Kräuternoten und zarte Hefewürze. Am Gaumen wirkt der Sekt klassisch brut, mit harmonischer Dosage, mittlerem Körper, frischem Zug und feiner Salzigkeit im Abgang. Kühler serviert (das gilt auch für die Stillweine), würde er noch präziser wirken. Und ein etwas bauchigeres Glas (statt der Flöte) wäre die bessere Bühne. Doch gibt es etwas zu feiern, passt dieser Sekt! Fazit: Die aktuelle Weinkollektion in der Bahn hat Hand und Fuß. Fahrgäste können sich über vier gute, charaktervolle Vertreter deutscher Weinkultur freuen. Wenn das der Qualitätsmaßstab ist, den wir in Deutschland im Alltag aufzubieten haben, muss einem um die Weinkultur unseres Landes nicht bange sein. Einsteigen und genießen, lautet meine Empfehlung!





