Weinverkostung in Bordeaux

Jeden April pilgern Weinkenner zu den Primeurs-Proben nach Bordeaux, um das Potenzial des jüngsten Jahrgangs einzuschätzen. Unser Redakteur durfte den Master of Wine Markus Del Monego auf dem Verkostungsmarathon begleiten.

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Text: Patrick P. Bauer

Die Autotür knallt. Hastig schnallt sich Markus Del Monego den Gurt übers Hemd, startet den Motor und braust los. Wir müssen zum nächsten Château, zum nächsten Wein, zur nächsten von Hunderten Verkostungsnotizen in dieser Woche. Konkret: zum Château Haut-Bailly, Grand Cru Classé, einem der großen Häuser im Bordelais. Während die Sonne im Zenit steht, führt Del Monego den ein­gestaubten schwarzen VW Golf präzise durch enge Straßen und Feldwege. „Abkürzung“, erklärt er. Seit fünf Tagen fahren wir durch die Region und verkosten Weine. Immer wieder taucht am Horizont ein Château auf. Dazwischen liegen die weiten Weinberge voller Rebstöcke, an denen der Stoff wächst, nach dem sich Bordeaux-Fans sehnen, und wo sich gerade die ersten grünen Blättchen ihren Weg ans Licht erkämpfen. Über knirschenden Schotter rollen wir auf den Parkplatz. Tür auf, Sakko an, Laptop unter den Arm. Haut-Bailly, südlich von Bordeaux auf der linken Seite der Garonne, ist eines dieser Châteaus, die aussehen wie gemalt – cremefarbenes Haupthaus, umringt von Rebzeilen, schwarzes Dach, vier Kamine. Wir treten ein, werden an einen alten Holztisch geführt, auf dem drei Flaschen stehen, die aktuelle Kollektion, Fassproben vom Jahrgang 2018. Die Besitzerin Véronique Sanders kommt dazu: „Marcuse, Marcuse!“ So nennen hier alle Markus Del Monego. Sie kennen ihn gut, den Deutschen, der seit 2002 jedes Frühjahr bei den sogenannten „En primeurs“ den aktuellen Jahrgang verkostet. Deswegen sind wir hier, und für Del Monego zählt jetzt nur noch eins: der Wein im Glas. Ruhe bitte! Rund um Bordeaux ist Anfang April Zeit für die exklusiven Primeurs. Dabei stellen die Winzer ausgewählten Verkostern, Journalisten und Händlern aus aller Welt den Jahrgang 2018 vor, auch wenn der noch in den Fässern liegt und nicht vor 2021 in die Flasche kommt. Weine aus dem Bordelais werden bereits vor der Abfüllung gehandelt und von Kunden vorbestellt, ein uraltes System.

Wer über Spitzenweine redet, landet früher oder später bei Bordeaux

Darum treibt alle die Frage um: Wie gut ist der aktuelle Jahrgang? Markus Del Monego bewertet als einer der geladenen Verkoster die Weine – und hat mich mitgenommen. Seit ich Journalist bin, schreibe ich über Wein, seit einem Jahr als Feinschmecker-Redakteur. Über 5000 Weine habe ich 2018 probiert, kenne mich gut aus in Deutschland, Portugal und Österreich. Doch Bordeaux war bisher ein weißer Fleck. Teuer, kompliziert, viel Holz, das waren meine Vorurteile. Das musste sich ändern. Selbst wenn der alte Glanz des Bordeaux bei jungen Weinfans und Sommeliers matter geworden ist, die Realität bleibt: Wer über Spitzenweine redet, landet früher oder später bei Bordeaux. Die Region hat die gesamte Weinwelt geprägt, gereifte Bordeaux gehören zur Weltspitze, erzielen bei Versteigerungen Höchstpreise. Mit Markus Del Monego habe ich endlich die Chance, das alles selbst zu erfahren. Er begann seine Ausbildung 1988 im „Dorint Kurhotel“ in Bad Brückenau, wurde Chefsommelier im Bremer „Park Hotel“, ging nach London und an die Mosel. 1998 wurde er der erste deutsche Sommelier-Weltmeister und erwarb 2003 in London den renommierten Titel Master of Wine – als erster Mensch, der beide Auszeichnungen erhielt. Sein Weinwissen ist herausragend, seine Reputation ohne Kratzer. Für ihn sind die Primeurs ein Höhepunkt des Jahres, er bewertet, nimmt Einfluss darauf, welche Güter wichtiger und gefragter werden, zeigt Kunden, welche Weine sie kaufen sollen, trifft alte Bekannte. „Ich nehme Sie mit“, sagte mir Del Monego am Telefon, „aber ich verkoste zügig und kann keine Rücksicht auf Sie nehmen.“ Ich war voller Vorfreude – und hatte etwas Angst.

 

Samstag, sieben Uhr, der Marathon beginnt. Wir fahren nach Saint-Émilion zur Verkostung des „Grand Cercle des Vins de Bordeaux“, einer großen Winzervereinigung der Region. Fünf Tische stehen in einem kleinen Raum, drei Journalisten probieren bereits. In der Mitte, aufgereiht wie eine Perlenschnur, stehen 139 Flaschen. Auf jeder steht nur eine Nummer, es wird blind verkostet. Wir setzen uns, klappen die Laptops auf. Del Monego bestellt die ersten Weine. Er schwenkt, riecht, schwenkt, riecht, notiert die ersten Eindrücke, nimmt einen Schluck, malmt mit dem Gaumen, schlürft, lässt den Wein in jede Ecke seines Mundes laufen, bevor er ihn in einen schwarzen Napf spuckt und wieder in den Laptop blickt. Das werden wir nun drei Stunden machen. Ich versuche, mitzukommen. Wein Nummer 5. Das wird hart, denke ich. Wein Nummer 9 (es ist Château Réaut, erfahren wir danach). Ich notiere „schöne Eleganz“ und frage Del Monego das erste Mal nach seinem Eindruck. „Sehr elegant“, sagt er. Wein Nummer 15. Der Gaumen versinkt in einem Meer von Gerbstoffen. Wasser! Wein Nummer 30. Ich gewöhne mich an die Tannine. Wein Nummer 46. Ich erkenne die ersten Regionsunterschiede: Pomerol mächtig, aber bei guten Flaschen mit viel Eleganz, Lolande saftiger, weniger Gerbstoffe. Del Monego und ich haben das gleiche Verkostungstempo – sehr beruhigend. Wein Nummer 72. Erster Höhe­punkt (Château Bellefont Belcier). Del Monego und ich nicken uns zu: Der hat Potenzial, 93 von 100 Punkten notiert Del Monego. So geht es weiter bis zum Nachmittag. Am Ende des ersten Tages stehen 211 Weine in meiner Excel-Liste. Meine Zähne sind rot, die Zunge ist belegt, der Gaumen müde. Trick Nummer eins: Immer geschmacksneutrale Kaugummis in der Tasche haben.

Meine Zähne sind rot, die Zunge ist belegt, der Gaumen müde

Am Sonntagnachmittag betreten wir eine riesige, dunkle Halle, genau 16 Grad kühl. „Joanne“, einer der wichtigsten Händler und Lageristen in Bordeaux, hat Platz für bis zu sechs Millionen Flaschen, Holzkisten über Holzkisten liegen in langen Regalreihen. Am Ende eines Ganges, hinter einer Plastikfolie, versteckt sich ein Tisch, in der Ecke steht ein junger Mann. Kurzes Nicken, eine Dame kommt hinzu: „Monsieur!“ Es könnte ein Krimi sein, eine Verhörszene oder eine Verschwörung. Die Frau legt einen Katalog auf den Tisch, Del Monego bestellt die ersten Weine. Konzentriert und ruhig verkosten wir. Manche der Weine hat Del Monego schon bewertet, aber blind. Er will jetzt vergleichen, schaut nach dem Notieren immer wieder in alte Tabellen. „Der hier erscheint mir heute besser als gestern“, sagt er und überprüft die Notizen. Dann kommt Clos de Marquis, ich rieche Aromen von Backpflaume, aber darüber einen Baumarkt-Geruch von Plastik und Holzspänen. Ein Blick zu Del Monego. „Flaschenfehler“, sagt er und ordert eine neue. Verkosten ist Handwerk. Man kann es lernen und immer besser werden. In Bordeaux lerne ich, wie man fair verkostet – Markus del Monegos größtes Ziel. Er will sichergehen, dass Substanz hat, was er schreibt, was er sagt, was er empfiehlt. Draußen Regen oder Nebel und am nächsten Tag Sonnenschein, das beeinflusst den Geschmack und die Bewertung. Die einzige Absicherung dagegen: mehrmals verkosten, blind und offen, Notizen vergleichen. Wenn Del Monego unsicher ist, bewertet er den Wein lieber gar nicht als unangemessen. Das ist Trick Nummer zwei: Misstraue dir selbst.

Während der ersten beiden Tage verkosten wir so in kargen Räumen oder Lagerhallen, viel und zügig. Dann beginnen die Château-Besuche. Auf die Stunde getaktet, Schlag auf Schlag, fahren wir drei Tage durchs Bordelais. Manche Châteaus besucht Del Monego, um Kontakte zu pflegen, andere schenken ihre Weine grundsätzlich nur vor Ort aus, andere muss man einfach gesehen haben, wie Petrus oder Angelus. Auf manchen Gütern probiert man in ruhigen alten Gesellschaftszimmern, anderswo stehen die Menschen Schlange, Busse verstopfen die Parkplätze. Es gibt Hektik und Ruhe, Romantik und Business. Del Monego flitzt über einen roten Teppich, schnelle kleine Schritte, den Laptop unterm Arm, der Mantel weht im Wind. Ein paar Weine fehlen ihm noch, und er will sie alle. Mich erinnert das an Speed-Dating. Es ist eng, Dutzende Menschen wimmeln durch die Räume, eine Gruppe chinesischer Händler macht Fotos mit dem Weingutsbesitzer. Del Monego möchte vorbei, „excuse me“, keine Reaktion. Klick, Klick, künstliche Fotogeräusche der Smartphones, eine Magnumflasche wird überreicht, Del Monego kritzelt ein paar Notizen ins Buch. Es ist laut hier, schlechte Luft, die Notizen wird Del Monego später nicht veröffentlichen, nicht genug Ruhe gehabt; nach zehn Minuten ist alles vorbei. „Ich bin durch“, sagt er. Die Primeurs, das bedeutet auch Hektik und Weingüter, die vor Besuchern überquellen. Viele Châteaus haben sich auf asiatische Märkte konzentriert. Sehen und gesehen werden ist wichtig, der Event-Charakter steht im Vordergrund. Del Monego ist das zu wuselig, wir fahren weiter.

Pure Eleganz, viel Spannung und Präzision, Schwarze Johannisbeeren, Brombeeren und Holunder

Der letzte Tag, zurück bei Château Haut-Bailly. Del Monego riecht gerade ins Glas, ich staune über das Ambiente mit dem alten roten Teppich, über den schon Abertausende Füße gelaufen sind, über all die Geschichte, all die gewachsenen Jahrgänge auf diesem Gut. Routiniert schnuppere ich ins Glas, halte inne. Wow! Pure Eleganz, viel Spannung und Präzision, Schwarze Johannisbeeren, Brombeeren und Holunder. Dabei verbindet der Wein, was nur schwer zu verbinden ist, Frische und Wärme, sam­tige Gerbstoffe. Ich notiere 99 Punkte, bei Del Monego sind es 98. Wir verstehen uns mittlerweile, nicken kurz und wissen: großer Stoff mit viel Potenzial. Trick Nummer drei: Gib jedem Wein die Chance, dich zu überraschen. Fünf Tage lang haben wir nun unfertige Weine verkostet. Ich lerne, ihre Komplexi­tät und Struktur zu lesen und genau hinzuhören: In welcher Phase steckt der Wein gerade? Nimmt er Holz auf, öffnen sich die Tannine, oder prägt sich gerade die Frucht aus? Es ist eine Momentaufnahme. „Wir bewerten Babys“, sagt Del Monego, „wir bewerten, ob sie Akademiker oder Sportler werden, wir bewerten ihren Typ und ob sie Professoren und Spitzensportler werden oder Amateure bleiben.“ Für diese Einschätzung fahren Hunderte Menschen zu den Primeurs mit der Frage im Kopf: Wie ist er denn nun, der aktuelle Jahrgang? Was machen die Babys? „Ob 2018 einmal zu den Jahrhundertjahrgängen zählen wird, ist noch offen“, sagt Del Monego auf einer unserer vielen Autofahrten, „einige Châteaus liegen über den legendären 2010ern und 2016ern, andere wiederum sind eher knapp darunter. Eines lässt sich aber heute schon feststellen: So ausgezeichnet gereifte, fast süß schmeckende Tannine hat in den vergangenen 20 Jahren kein Wein en primeur gezeigt.“ Ich frage mich dagegen noch immer, was aus den Babys früherer Jahre wird. Am letzten Mittag erfahre ich es. Man nimmt sich etwas Zeit bei Haut-Bailly, wir schlendern über den Kieshof in einen Saal. Aufgereiht stehen dort Flaschen von 2016, 2015, 2014 – und 1978. 40 Jahre alt, zehn Jahre älter als ich. Ich rieche, ich trinke, ich verstehe: Dafür wird dieser Wein gemacht. Andächtig schwenke ich das Glas. „Ich habe auf dich gewartet“, flüstert dieser Bordeaux, „ich bin für dich da.“ Er ist voller Umami-Noten, riecht nach Moos und Pilzen, Tabak und Soja. Unwiderstehlich weckt er einen Schwall an Erinnerungen, die Pfeife meines Großonkels, die kindlichen Streifzüge durch den Taunus-Wald und das Salatdressing meines besten Freundes, mit ordentlich Balsamico. Ich versinke im Wein, alle Vorurteile sind vergessen. Trick Nummer vier: Wein auch mal trinken und nicht bewerten!