Bourbon oder Single Malt

Whiskey-Liebe gegen das Diktat des Individuellen: Unser Autor lässt sich gern belächeln, weil er lieber massentaugliche Bourbons trinkt als komplizierte Single Malts.

Der Feinschmecker-Whiskey-Till Raether

Text: Till Raether

Große Leidenschaften beginnen manchmal auf Um-, wenn nicht Irrwegen. Als ich Student war, bestellten mein Mitbewohner und ich hin und wieder Pizza. Damals war ich sehr kleinlich. Ich teilte nicht gern, wollte das aber nicht zugeben. Daher bestellte ich mir immer eine Pizza Napoli mit Kapern und Sardellen. Denn mein Mitbewohner mochte jede Art von Pizza, außer eine mit Sardellen. Auch ich mochte Sardellen nicht besonders, konnte sie aber essen. Ich bestellte also lieber eine Pizza, die ich nicht besonders mochte, und aß sie allein – als eine Pizza zu essen, die mir schmeckte, von der ich aber womöglich ein Stück hätte abgeben müssen. Es ist vielleicht peinlich, aber: Bereue ich es? Natürlich nicht, denn heute liebe ich Pizza Napoli. Über die Jahre ist sie durch Gewöhnung zu meiner liebsten geworden, und ich hatte sie immer für mich – was also gibt es zu bereuen? Genauso ging es mir mit dem Bourbon. Ich bin zum Fan geworden aus einer kindischen, sturen Opposition heraus. Als ich vor 20 Jahren begann, Alkohol eher als etwas Besonderes zu sehen und nicht als Über­brückungskabel zwischen Freitag und Montag, war das Trinken schottischer Single Malts groß in Mode. Mir gingen meine Freunde und Freundinnen ehrlich gesagt etwas auf die Nerven, wenn sie anfingen, mit dem Barpersonal über Torfnoten, Hebrideninseln und Schafwollaromen zu diskutieren. Und auch ihre kehlig-röchelnde Aussprache der gälischen Destillerienamen schien mir leicht prätentiös, um nicht zu sagen: ziemlich bescheuert. Wir hatten ja auch nicht den ganzen Abend Zeit. Also bestellte ich einen der zwei oder drei gängigen US-Whiskeys – so schlicht und uncool wie die Vornamen-Kurzformen Jim und Jack ihrer Brenner-Urväter James Beam und Jasper Newton Daniel.

Nach dem ersten Schluck genoss ich vor allem auch die in den meisten Bourbons und Tennessee-Whiskeys vorherrschenden Vanille- und Karamellaromen

Ich genoss das Stirnrunzeln des Barkeepers und kurz darauf die immer etwas schmerzverzerrten Trinkgesichter meiner geschmackssicheren Freunde. Und spätestens nach dem ersten Schluck genoss ich vor allem auch die in den meisten Bourbons und Tennessee-Whiskeys vorherrschenden Vanille- und Karamellaromen. Single Malts zu trinken ist mitunter, wie sich auf sehr raffinierte, vielschichtige, subtile und durchaus auch kostspielige Art und Weise die Fresse polieren zu lassen. Bourbon zu trinken hingegen ist, als ob einem jemand verständnisvoll übers Gesicht streicht und einem zu­raunt, dass alles nicht so schlimm ist – im Gegenteil, es ist womöglich sogar gut. Wie bei der Sardellen-Pizza aus meinem Geiz wurde beim Bourbon also aus meiner Ungeduld und meinem Anti-Dünkel-Dünkel eine Leidenschaft. Obwohl es seit ungefähr zehn Jahren eine Bourbon-Welle mit Single-Barrel- und Small-Batch-Abfüllungen gibt, die längst auch den Feierabend-Mainstream erreicht hat, werde ich immer noch verspottet, wenn ich lieber einen sanft-süßen Woodford Reserve bestelle als einen zünftig nach jodiertem Verbandszeug schmeckendem Laphroaig.

Der Qualitätsunterschied zwischen einer 20-Euro- und einer 40-Euro- Whiskey Flasche ist bei den Schotten der zwischen Leben und Tod

Wer bei Whiskey das kleine e vor dem y mittrinkt, gilt immer noch als Kehlenschwächling, als Weichtrinker. Das ist mir gerade recht, ich möchte nicht ausgerechnet auf dem Gebiet kostbarer Alkoholika meine Belastbarkeit und meine Abenteuerlust beweisen. Ein Drink dient aus meiner Sicht nicht dazu, einen geschmacklich hinaus in den Heideregen zu prügeln, sondern einem einen Platz am vertrauten Kamin zu bereiten. Hinzu kommt: Der Qualitätsunterschied zwischen einer 20-Euro- und einer 40-Euro-Flasche ist bei den Schotten der zwischen Leben und Tod, bei Bourbons minimal. Der Rücken der Bourbons ist breit und ihr Charakter stark genug, um viel Eis, viel Ginger-Ale und sogar Cola unbeschadet zu überstehen. Und alle, die vom schottischen Single Malt auf den Bourbon herabblicken, wissen vermutlich, aber wollen nicht wahrhaben, dass es ohne die Bourbon-DNA viele Single Malts gar nicht gäbe, denn viele von ihnen werden in ausrangierten Bourbon-Reifungs-Fässern gelagert (wer weiß, wonach sie sonst schmecken würden). Und, aber diese Meinung habe ich womöglich exklusiv: Mit einem schönen Bourbon kann man natürlich auch ganz hervorragend den letzten Bissen Sardellenpizza runterspülen.

Meine drei Lieblinge

Der aus dem Supermarkt

Gut, der Laden muss mehr als fünf Sorten im Angebot haben, aber wenn dem so ist: Dann bekommt man dort vermutlich für um die 20 Euro den besten runden, harmonischen Massenwhiskey – den „Wild Turkey 81“.

Der Ungewöhnliche

Beim „Bulleit Bourbon“ (um 30 Euro) ist der Roggen­anteil in der Maische besonders hoch, daher schmeckt er etwas kompromissloser, klarer, schärfer. Ein Whiskey, den man sich gut in der unteren Schublade eines Privatdetektei-Schreibtischs vorstellen kann.

Der Edle

Ich habe hier bisher eine gewisse Eindimensionalität gepriesen, aber dass ein Bourbon einem schottischen oder japanischen Whisky in Subti­lität, Ereignisreichtum und Vielschichtigkeit in nichts nachstehen muss, schmecke ich zum Beispiel im „Blanton’s Bourbon Original Whiskey“. Denn dass er etwa 60 Euro kostet, liegt nicht allein an der schönen Karaffe mit dem Metallpferd auf dem Korken.

Unser Gastautor Till Raether schreibt Kolumnen für „Brigitte“, „Merian“ und das „SZ-Magazin“. Mehr Informationen zum Autor finden Sie unter: www.tillraether.de