Der Wert von Wein

Alte und seltene Weine sind begehrt, nicht nur zum Genuss, sondern auch als Anlageobjekt. Die Renditen auf dem Fine-Wine-Markt sind oft hoch. Das klingt verlockend, doch Risiken und Fallstricke sind zahlreich. Wir fragten sieben Experten: Würden Sie in Wein investieren, und was sollte man dabei unbedingt beachten?

Tim Triptree Tasting Wine

Text: Patrick P. Bauer und Caro Maurer

Wein erlebt mehr Wertsteigerung als Aktien

TIM TRIPTREE, 44, ist International Director Wine beim Auktionshaus Christie’s in London und trägt den begehrten Titel Master of Wine

Bei einem Auktionshaus denkt man zuerst an Kunst. Welche Bedeutung hat Wein bei Christie’s?

Eine sehr große! Wein war bereits in der ersten Auktion 1766 dabei. Damals kamen Madeira und Claret, die alte englische Bezeichnung für Bordeaux, unter den Hammer. Heute finden exklusive Weinauktionen in allen Häusern von Christie’s weltweit statt.

Sie sind ursprünglich Banker. Wie passt da Wein ins Bild?

Business ist Logik, Wein ist Leidenschaft. Bei Christie’s kann ich beides verbinden. Ich sichte und beurteile Auktionsangebote, überprüfe die Echtheit, verhandle mit den Verkäufern und pflege den Kontakt zu Sammlern. Ich plane und organisiere Weinauktionen. Der schönste Teil meiner Arbeit ist jedoch, Gastgeber zu sein bei Weindinners für Sammler aus der ganzen Welt. Man trifft sich etwa in Hongkong oder London im Board Room von Christie’s und trinkt seltene Weine. Da wird schon mal ein 1899er Château Lafite verkostet oder ein 1893er Château d’Yquem.

Können Sie die Investition in Wein empfehlen?

Der DAX des Weins ist der Liv-ex: Wein hat über die letzten 30 Jahre mehr Wertsteigerung erlebt als Aktien. Ein Beispiel: Eine Kiste 1988er Domaine de la Romanée-Conti erzielte im Juni 2011 bei einer Auktion 86 000 Pfund. Die gleiche Kiste wurde bei Christie’s London im Oktober 2018 erneut versteigert und brachte 288 000 Pfund. Sie hat ihren Wert in sieben Jahren mehr als verdreifacht. Ja, Wein ist eine gute Investition.

Aber nicht jeder Wein steigt im Wert.

Das Schöne an Wein ist doch, dass man damit gar nicht verlieren kann. Legt er nicht an Wert zu, kann man ihn immer noch trinken.

Welche Weine würden Sie als Anlage empfehlen?

Vor allem Bordeaux, Burgund und Champagner. Darunter nur Blue Chips, das heißt berühmte Namen und die besten Châteaux. Da Wein anders als Kunst nicht unendlich altern kann, sollte man nur die besten Jahrgänge kaufen und eher jüngere, damit Wert und Qualität noch steigen können.

Was ist mit anderen Regionen, nördliche Rhône, Napa Valley, Deutschland?

Es gibt überall Blue Chips, auch an der nördlichen Rhône oder im Piemont. In Spanien ist Pingus so eine Ikone. In Kalifornien sind es Screaming Eagle, Harlan Estate oder Sine Qua Non. Alles Spitzenweine in limitierter Menge. Außerdem werden Vintage Ports und alter Madeira hoch gehandelt. In Deutschland sind es die Weine von Egon Müller vom Scharzhofberg und der Riesling G-Max von Klaus-Peter Keller.

Wie viel Weinwissen braucht es, um erfolgreich zu investieren?

Bei den Auktionen von Christie’s geht es nur um Fine Wine, also Spitzenweine. Das ist ein winziges Segment. In das Thema kann man sich schnell einarbeiten. Das macht sogar Spaß, und wer mehr über Wein weiß, wird ihn auch mehr genießen. Wer als Investor anfängt, könnte so als Weinliebhaber enden.

Wie bewahrt man solche Weine auf?

Am besten in „bonded warehouses“, das sind Zolllager zur Zwischenlagerung von importierten Gütern, ehe sie in das jeweilige Zollgebiet eingeführt werden. Es findet dort keine Verzollung statt, und man muss auch keine Einfuhrumsatzsteuern entrichten. Zoll und Steuern werden erst fällig, wenn die Ware vom Lager ins Zollgebiet eingeführt wird. Das Lager bietet optimale Bedingungen: eine recht konstante Temperatur von 12 bis 14 Grad, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit, Dunkelheit, keine Erschütterungen.

Welche Rolle spielen Fälschungen?

Wein sollte man nur von vertrauenswürdigen Quellen kaufen – wie eben Christie’s. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, die Echtheit des Weins zu überprüfen. Dazu zählt die Überprüfung von Etikett und Kapsel – aber vor allem die Geschichte des Weins nachzuverfolgen, einschließlich Quittungen vom Kauf und Verkauf. Wir liefern zu den Weinen eine lückenlose Historie.

Wie erkennt man ihren Zustand?

Eine Flasche erzählt mir viel über die Lagerung und den Zustand. Zum Beispiel: Wie sieht die Füllhöhe aus? Daran kann ich erkenne ich, ob der Wein gut gelagert wurde.

Was wäre die kleinste Summe, um ins Weininvestment einzusteigen?

Ich denke um die 5000 Euro. Das dürfte für zwei Kisten Fine Wine reichen. Eine zum Trinken, eine zum Weiterverkaufen. Der Gewinn ist nur das halbe Vergnügen. Diese Weine schmecken herausragend, sind selten und haben eine Geschichte. Einen solchen Wein zu genießen ist einfach unvergesslich.

Muss man bei einer Auktion eigentlich immer anwesend sein?

Nein. Bei Christie’s findet beides statt: Online- und Live-Auktionen. Es macht jedoch viel mehr Spaß, dabei zu sein. Die Stimmung ist mitreißend, vor allem, wenn Höchstpreise erzielt werden. Zuletzt bei einem 1926er Macallan Malt in einer handbemalten Flasche. Sie wurde im November 2018 für 1,2 Millionen Pfund versteigert. Das gab Szenenapplaus – ein bewegender Moment.