Interview mit Jörg Reuter

Herr Reuter, Ihre Läden heißen „Vom Einfachen das Gute“. Wie einfach darf es denn sein, ohne den Anspruch an Qualität zu verlieren?
Feinkost bedeutete lange vor allem internationale Delikatessen – Balsamico aus Modena, französische Terrinen, spanischer Serrano-Schinken. Uns reizte dagegen das, was hierzulande kulturell spannend ist: Käse, Wurst, Butter – in herausragender Qualität. Also: vom Einfachen das Gute
Ist Ihr Laden dennoch ein Feinkostgeschäft?
Wir haben den Begriff am Anfang gemieden. Wir wollten kein Ort sein, an dem man nur samstags einkauft oder Geschenke sucht. Unser Ziel war immer: ein Lebensmittelgeschäft für jeden Tag. Wenn ich es schnell erklären muss, sage ich natürlich „Feinkost“, aber eigentlich sind wir ein schöner Ort für gutes Essen.
Ihre Sortimente sind regional geprägt – wie finden Sie die Produzenten?
Am Anfang war das mühsam, wir haben unzählige Muster bestellt, und vieles war schlicht ungenießbar. Heute ist das anders: Die Produzenten finden uns. Und es ist viel Mundpropaganda dabei. Wenn jemand wie Stefan vom Hofgut Heggelbach sagt: „Du musst den Käsemacher aus Franken kennenlernen, der hat was Besonderes“, dann fahre ich hin.
Wie wählen Sie dann aus, was ins Sortiment kommt?
Zuerst schauen wir auf Tierhaltung und Herkunft. Wenn das passt, verkosten wir. Ich brauche keine 20 Tiroler Specksorten nebeneinander – wenn einer überzeugt und der Betrieb zu uns passt, dann ist das unser Produkt. Vieles entsteht auch zufällig, etwa die Rohmilchbutter von Matthias aus dem Schwarzwald.
Sie kennen also alle Produzenten persönlich?
Zumindest fast. Wir arbeiten nach dem Handshake-Prinzip: Entweder waren wir selbst da oder jemand, dem wir absolut vertrauen. Inzwischen haben wir rund 150 Lieferanten – betriebswirtschaftlich und organisatorisch Wahnsinn, aber menschlich wunderbar.
Wie kommt das bei Ihrer Kundschaft an?
Ich finde es faszinierend, wie gut das Konzept in einer Stadt wie Berlin funktioniert. Im Grunde ist unser Laden ein Hofladen mitten in der Großstadt. Viele Kunden kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern um kurz durchzuatmen, zu riechen, zu probieren, zu reden. Es ist fast wie ein Wochenendausflug – nur eben zwischen U-Bahn und Büro. Wir bieten Resonanz auf sinnlicher, ästhetischer und auch auf menschlicher Ebene.
Sie sprechen von „Resonanz“. Was bedeutet das?
Dass der Einkauf wieder ein Erlebnis ist. Im Supermarkt bist du anonym, hier nimmst du dir Zeit, probierst, sprichst mit uns. Viele trauen sich wieder, über Geschmack zu reden. Ich beobachte oft, dass Kunden beim zweiten Käse anfangen zu fachsimpeln – wunderbar.
Und online – wird es das auch geben?
Wir arbeiten gerade an kuratierten Boxen – Käseplatten und Bundles, die man sich überall in Deutschland nach Hause senden lassen kann. Unser Herz bleibt im Laden, klar. Aber so können auch Menschen außerhalb Berlins ein Stück „Vom Einfachen das Gute“ erleben.
Sie sprechen mit solcher Begeisterung über Käse und Butter – ist Genuss für Sie auch eine Form von Wohlbefinden?
Ja, absolut. Wir erleben gerade eine Renaissance des Echten. Butter, Rohmilchkäse, Kefir – das sind lebendige Lebensmittel, keine Industrieprodukte. Genuss und Gesundheit müssen kein Widerspruch sein. Wenn man gut isst, isst man automatisch besser.

