Küche der Zukunft

„Smart Kitchen“ heißt: Der Ofen gart das Filet automatisch perfekt, der Kühlschrank organisiert den Einkauf selbst. Diese Zukunft hat bereits begonnen. Noch ist die Skepsis der Kunden groß, aber revolutionäre Hausgeräte machen das Kochen bequemer als je zuvor

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„Haben Ihre Leute auch eine Maschine, die ihnen den Mund öffnet und für sie kaut?“, wollte Nikita Chruschtschow vom US-Vizepräsidenten Richard Nixon wissen, als sie 1959 gemeinsam eine Ausstellung in Moskau besuchten, in der eine moderne amerikanische Küche inklusive Spülmaschine zu sehen war.
61 Jahre später kann man sich fragen, ob der Regierungschef der UdSSR eher naiv oder doch vielmehr visionär war. Denn im übertragenen Sinne stehen wir heute dank der weiteren Technologisierung der Küche und der Entwicklung von smarten Geräten vor ähnlichen Fragen: Werden wir im Laufe des 21. Jahrhunderts noch selbst am Herd stehen? Nimmt uns der intelligente Backofen das Garen von Speisen ab, der smarte Kühlschrank das Einkaufen und ein hilfreicher Roboter sogar das Schnippeln? Kein anderer Raum hat in den letzten Jahrzehnten eine derartige Veränderung erfahren wie die Küche. Sie hat sich vom abgetrennten Werkraum, in dem „an der Wand entlang“ gekocht wurde, zum Kommunikationszentrum gewandelt. Nicht zuletzt der knappe Wohnraum in Städten half, die Barrieren zwischen Wohnen und Kochen einzureißen. So ist die Inselküche inzwischen Standard und die Küche insgesamt ein Ort, an dem Essen zubereitet werden kann, wo man aber auch mit der Familie und mit Freunden zusammenkommt oder wo man den Küchentisch für das Homeoffice zweckentfremdet.
Mit der „Smart Kitchen“ dreht sich das Rad noch ein wenig weiter: Küchengeräte werden zu Kommunikationswerkzeugen, sie sollen Zeit und Energie sparen, im besten Fall sogar den Alltag erleichtern. Das klingt verlockend. Aktuell geht es darum, verschiedene Ansprüche der mobilen Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Zwar nimmt die Kochkompetenz insgesamt ab, aber Kochen hat einen hohen Stellenwert, und viele Menschen haben den Wunsch, sich gesund zu ernähren und frische Lebensmittel selbst zuzubereiten. Berufstätige fühlen sich allerdings den zeitlichen und organisatorischen Anforderungen kaum gewachsen – wie soll man da nach Feierabend innerhalb von kurzer Zeit eine ausgewogene Mahlzeit auf den Tisch zaubern?

WEN DIE VERNETZTE KÜCHE BEGEISTERN SOLL
Es sind natürlich nicht die Hobbyköche, die den digitalen Lebensstil vorantreiben, sondern Küchenfirmen, die nach neuen Märkten streben. Ihre Zielgruppe sind unter anderem die „Millennials“, für die der Umgang mit Smartphone, Tablet & Co ohnehin selbstverständlich ist. Darüber hinaus hat das in Frankfurt ansässige Zukunftsinstitut für Siemens zwei weitere Gruppen möglicher Anwender avancierter Küchentechnik ermittelt: Die Generation „Rushhour“, die am liebsten ihr ganzes Leben digital organisiert und nicht nur Rezepte herunter-, sondern auch die eigene Kocherfahrung per Video ins Netz lädt. Und die Generation „55plus“, die vor allem Einfachheit schätzt und für die Datenschutz eine große Bedeutung hat.
Tatsächlich entwickelt sich das Interesse an der vernetzten Küche hierzulande nur langsam. Noch ist der Aufwand für die Anschaffung und die Einrichtung der Geräte hoch, ihr Nutzen dagegen erscheint zum jetzigen Zeitpunkt gering. Hinderlich ist etwa, dass die smarten Systeme verschiedener Hausgerätehersteller bislang nicht kompatibel sind.
Im „Smart Home Report 2019“ von Statista wird deutlich, wie unterschiedlich beispielsweise die Erwartungen amerikanischer und deutscher Konsumenten sind. Mehr als die Hälfte der in Deutschland Befragten wünschen sich ein digitales Alarmsignal mit Fernabschaltung per Smartphone, falls der Herd nicht ausgestellt wurde; ein etwas geringerer Prozentsatz möchte einen Ofen mit Selbstabschaltung. Während sich 31 Prozent der befragten Amerikaner vom Kühlschrank eine digital erstellte Einkaufsliste erhoffen, können nur 17 Prozent der Deutschen etwas mit einer solchen Funktion anfangen. Vielleicht ist es die Angst, dass jemand sich in die Kamera des Kühlschranks hacken und die eigenen Vorlieben ausspionieren könnte. Oder es ist schlicht das Bestreben, nicht die Kontrolle über die eigenen Gewohnheiten abzugeben, spontane Einkäufe inklusive.

FINESSEN FÜRS KOCHEN MIT DIGITALEN HELFERN
Aber es gibt sie, die smarte Technik, die nicht nur raffiniert erscheint, sondern das Kochen tatsächlich vereinfacht: Der „Dialoggarer“ von Miele nutzt genau dosierte elektromagnetische Wellen zur Essenszubereitung. Ob Rosenkohl, Kartoffeln, Rinderfilet oder Rotbarsch, alle Zutaten kommen zusammen aufs Blech und werden punktgenau gegart. Antennen überwachen, wie viel Energie die jeweiligen Lebensmittel bereits aufgenommen haben und wie viel sie noch benötigen. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Abgestimmt auf die Technik des Miele-„Dialoggarers“ bietet das Unternehmen MChef einen bundesweiten Lieferservice für ausgewählte Speisen. Sie werden, inklusive Porzellan, in gekühlten Boxen angeliefert, sodass der „Koch“ sein Menü nur auspacken und umladen sowie das Programm starten muss.
Praktisch sind auch die Induktionskochfelder von Neff, Siemens, Miele und Gaggenau, auf denen man die Töpfe und Pfannen flexibel hin- und herschieben kann, da es keine einzelnen Kochzonen mehr gibt. Für entspanntes Grillen sorgt der Weber Elektrogrill „Pulse“, dessen Temperatur man via Smartphone mal eben aus ein paar Metern Entfernung herunterregeln kann.
Der riesige Bildschirm in der Tür des Side-by-Side-Kühlschranks „Family Hub“ von Samsung zeigt auf Wunsch ein Bild von den Vorräten, sodass man die Tür nicht mehr öffnen muss, um nachzugucken, was eingekauft werden sollte. Liebherr hat eine „Smart DeviceBox“ entwickelt, die unter anderem daran erinnert, dass noch Flaschen im Gefrierfach liegen, oder die bei geöffneter Kühlschranktür Warnsignale ans Tablet oder das Smartphone verschickt. Fragt sich nur, was man dann macht? Den Nachbarn bitten, die Tür zu schließen oder nach Hause fahren?

DIE ZUKUNFT BEGINNT MIT FANTASTISCHEN IDEEN
Eins ist klar, das Thema „Smart Kitchen“ ist in jeder Hinsicht komplex. Mag sich manch einer fragen, wo bei all der Technik seine Fähigkeiten als Koch noch gefragt sind oder der Spaß der individuellen Zubereitung bleibt, freuen sich andere über die konkrete Unterstützung oder Arbeitserleichterung. Der Skepsis in Sachen Vernetzung und Fremdbestimmung stehen Aspekte wie effiziente Vorratshaltung und Energieeinsparung gegenüber. Wieder andere mögen die laut- und geruchlose „Clean Kitchen“ einem „Schlachtfeld“ vorziehen, wobei dies für sinnliche Erlebnisse und das „echte“ Kochen steht. Immerhin gilt die Küche doch als Werkstatt fürs Essen, als Herz des Hauses, an dessen „Feuerstelle“ alle Bewohner zusammenkommen.
Die Zukunft jedenfalls fängt stets mit fantastischen Ideen an. Welche Technik daraus am Ende entsteht oder ob und wie die Umsetzung in ein konkretes Produkt erfolgt, spielt zunächst einmal keine Rolle. Hersteller wie Samsung und Sony arbeiten bereits an Roboterarmen, die beim Kochen helfen oder für uns Routinearbeiten erledigen sollen – das klingt verlockend. Die vernetzte Küche dürfte dann eine Chance haben, wenn die Technik den konkreten Nutzen für jeden von uns steigert, egal ob Digital Native oder nicht.

TEXT: THOMAS EDELMANN UND UTA ABENDROTH