Die FEINSCHMECKER Gastro-Awards 2022









Die Gastro-Awards 2022
Es sind herausfordernde Zeiten für die Gastronomie. Umso mehr Grund haben wir, junge Talente und erfahrene Könner:innen zu feiern, die mit großem Einsatz und zeitgemäßen Konzepten daran arbeiten, die gehobene Küche hierzulande noch vielfältiger, genussvoller und besser zu machen. DER FEINSCHMECKER kürt acht Spitzenvertreter:innen ihres Fachs, die im vergangenen Jahr Akzente setzten, die Branche inspirierten und das kulinarische Deutschland bereicherten. Unsere Preisträger:innen stehen stellvertretend für all die Menschen, die beweisen, dass die Gastronomie eine wichtige Säule der Gesellschaft ist.
Köchin des Jahres: Sigi Schelling, Werneckhof, München
Schaut man sich Sigi Schellings Weg an, seit sie im Frühsommer 2021 ihr eigenes Restaurant, den Werneckhof, eröffnete, dann kann man nur sagen: ein einziger Triumphzug. Vom ersten Tag an war das kleine, unprätentiöse Lokal hinter der sonnengelben Jugendstilfassade ausgebucht, waren Gäste glücklich, Kollegen voller Hochachtung und Kritiker unisono begeistert. Das Erfolgsgeheimnis der gebürtigen Österreicherin? Ganz einfach: Es gibt keines. In einer Branche, die immer mehr von Äußerlichkeiten diktiert wird, besinnt sich hier eine Gastronomin mit Leib und Seele auf das, was ihren Beruf ausmacht: Sie kocht einfach gut. Und zwar herausragend gut. Sie versteht sich auf punktgenaues Abschmecken, ihre Kreationen sind frei von modischen Effekten, setzen nur auf den Wohlgeschmack. An freien Tagen fährt sie nach Hause in den Bregenzer Wald, um eigenhändig ein Kalb abzuholen, das sie nach dem Nose to tail-Prinzip verarbeitet. Sie hat keine Scheu, kochtechnisch so herausfordernde Gerichte wie im Ganzen gebratenes Stubenküken mit Trüffel, perfekt auf den Punkt gegarte Lammkeule oder federleichtes Karamellsoufflé auf die Karte zu nehmen. Das mag alles so selbstverständlich klingen, doch es zeugt von Werten, die heute Seltenheit besitzen. Sigi Schelling hat zu ihrem eigenen Stil gefunden. Sie kocht aromatisch feingliedrig und stilistisch einen Tick femininer als einst im „Tantris“ an der Seite ihres Mentors Hans Haas. Aber genau wie er will sie nur eins: die Gäste glücklich machen.
Konzept: Hinter der Altschwabinger Fassade dreht sich alles um den Gast – und um Sigi Schellings klassisch-zeitlose Gourmetküche. Verschiedene Mittags- und Abendmenüs.
Küche: Die Chefin bleibt ihrem Stil treu: Spitzenküche auf französischer Basis mit österreichischem Touch und besten Produkten, der gute Geschmack steht immer an erster Stelle. Das gilt für perfekt glasig gebratene Jakobsmuschel mit Kürbis als Püree und süß-sauer mariniert, Beurre-Blanc und weißem Trüffel ebenso wie für Steinbutt mit Bouchotmuscheln, Sepiagnocchi und herrlich intensiver Bouillabaissecreme. Rücken vom Poltinger Reh kommt mit Selleriepüree, Briochenockerl, Blaukraut, Waldpilzen und Quittencreme. Ein Highlight sind die Saucen – und Desserts wie Marmorsoufflé mit Straciatella-Creme und Passionsfrucht-Eis.
Wein: Xavier Didier empfiehlt charmant aus der kenntnisreich sortierten Karte (ca. 250 Positionen) mit Schwerpunkt in Deutschland, Österreich und Frankreich.
Atmosphäre: Man fühlt sich – und so will es die Chefin – wie in einem guten Gasthaus, mit weiß gedeckten Tischen, dunkler Holztäfelung und Jugendstilfenstern.
Fazit: Stilvoll-herzliche Gastlichkeit mit der Küche im Mittelpunkt.
Restaurant des Jahres: Rutz, Berlin
Wollte man Freunden aus dem Ausland zeigen, wie Berliner Küche und Gastlichkeit auf der Höhe der Zeit aussehen, man würde sie in die Chausseestraße 8 führen. Schon lange wirkt das Rutz prägend in der Hauptstadtszene, doch mit den jüngsten Entwicklungen in der Küche und beim Interior Design etablierte sich das Team um Küchendirektor Marco Müller und Küchenchef Dennis Quetsch endgültig in der Vordenkerrolle. Nach einer kompletten Neugestaltung Anfang des Jahres sind die Räumlichkeiten mit cool-urbanem Look und hochwertigen Materialien nun optisch im Einklang mit der Küchenlinie. Die im Zentrum des Raums inszenierten Weckgläser stehen symbolisch für deren Leitmotiv, das Reifen von Lebensmitteln, die weitgehend aus dem Umland stammen. Fermentieren, Einlegen und Einkochen prägen Müllers Stilistik, inspiriert von Motiven der Nordic Cuisine. Ob Makrele mit Meerrettich und Wildrose, Ostsee-Dorsch mit konzentriertem Muschelsud und gegrillten Dünengewächsen oder Husumer Deichlamm im Gewand von Knospen, Blüten und Salatherzen – alles ist hochkomplex ausgetüftelt, beweist Charakter und geschmackliche Tiefe. Falco Mühlichen dirigiert mit bewährter Souveränität das Serviceteam, Nancy Großmann hütet den Schatz von mehr als 700 Etiketten im Keller (es hilft, wenn die Inhaber im Weinhandel sind). Ein Rundumpaket also, das in dieser Konsequenz und Klasse deutschlandweit seinesgleichen sucht.
Konzept: Chapeau: Die 25-jährige Entwicklung einer ambitionierten Weinbar zu einem Gourmetrestaurant der Weltspitze ist beeindruckend. Menüs in 12 oder 13 „Inspirationen“ (omnivor oder vegetarisch). Limitiertes „Berlin Size Menü“ in 6 Gängen.
Küche: Die Kreationen von Executive Chef Marco Müller und Küchenchef Dennis Quetsch sind reduziert, naturverbunden und präzise komponiert. Heimische Produkte – ob Wurzelgemüse, Wild oder Kräuter – werden auf das Wesentliche konzentriert und neu interpretiert. Aromen wie Fichte, Holunder oder Essigbaum treffen auf Fermentiertes, Gereiftes und Puristisches, getragen von feiner Säure und subtiler Umami-Tiefe. Texturen werden bewusst kontrastiert, Süße und Säure fein austariert. Ein moderner Stil, der Klarheit sucht statt Opulenz, handwerklich reflektiert und voller Spannung.
Wein: Man merkt der Karte (700 Positionen) an, dass die Inhaber Weinhändler sind. Sommelier Sebastian Höpfners Pairings gehen harmonische Verbindungen ein.
Konzept: Das stilvolle Interieur spielt auf zwei Etagen mit Nussbaum-Holz, Leder und Naturstein. Gastgeber Falco Mühlichen und Team finden die Balance zwischen Lässigkeit und Präzision.
Konzept: Stimmiges Gesamterlebnis, in dem kreative Naturküche, charaktervolle Weine und souveräner Service zu vollendeter Harmonie finden.
Aufsteigerin des Jahres: Virginie Protat, Tantris DNA, München
Seit Oktober 2021 beweist die Französin im Tantris DNA, wie zeitgemäß man die große Klassik zelebrieren kann, wenn man 31 Jahre jung ist, erstklassiges Handwerk gelernt und keine Scheren im Kopf hat. Ob mustergültige Gänseleberterrine, bretonischer St. Pierre in safranisiertem Muschelsud oder Witzigmanns legendäres Kalbsbries „Rumohr“ in ihrer eigenen Interpretation – die virtuose Chefin dieser höchst luxuriösen Brasserie überzeugt mit souveränem Produktverständnis, eindrucksvoller Saucenkunst und konzentrierter Süffigkeit, die doch überraschend leichtfüßig daherkommt. Und das Schönste: Bei Virginie Protat darf der Gast à la carte bestellen, ganz wie es ihm beliebt.
Konzept: Im Zweitrestaurant des Tantris Maison Culinaire wird klassisch französische Küche neu interpretiert – als Menü oder à la carte.
Küche: Benjamin Chmura lebt mehr und mehr seine Liebe zum Handwerk, exzellenter Produktqualität und großer französischer Tradition aus. Fisch und Meeresfrüchte kommen direkt aus der Bretagne; das Repertoire ist eindrucksvoll, auch bei Zubereitungen für zwei (Wolfsbarsch im Ganzen, Kalbsbries Rumohr). Ein Highlight sind die Wildgerichte, etwa Paté en croûte aus sieben verschiedenen Wildarten, darunter Fasan, Rebhuhn und Hirsch, dazu Waldpilze und Entenleberfond. Exzellent sein Wildhase „Façon Senateur Couteau“ nach einem Rezept von 1830: Der gebratene Sattel mit Roter Bete, Mangold, Kirsche und Sauce à la Royale, dazu à part buttriges Kartoffelpüree mit Ragout aus Innereien und geschmorter Schulter.
Wein: Auch hier steht der große Tantris-Keller zur Verfügung, mit Frankreich-Schwerpunkt und Jahrgangstiefe.
Atmosphäre: Intimer und lockerer als nebenan, mit blanken Marmortischen und hummerroten Polstern. Das Team um Lukas Reitzenstein sorgt für geschliffenen Service mit Humor. Große Sommerterrasse.
Fazit: Außergewöhnliches Genusserlebnis in stilvollem Rahmen.
Serviceteam des Jahres: Tulus Lotrek, Berlin
Wer die stimmungsvollen Altbauräume in Kreuzberg zum ersten Mal betritt, merkt rasch: alles andere als ein sakraler Gourmettempel! Das liegt vor allem daran, wie der Gast angesprochen wird. Typische Service-Floskeln haben hier Hausverbot. Gastgeberin Ilona Scholl pflegt einen persönlichen, humorvollen und auch mal unkonventionellen Stil. Der Gast soll sich – bei aller Professionalität – fühlen, als sei er privat eingeladen. Deshalb arbeitet die Chefin am liebsten mit Quereinsteigern, viele im ausgesprochen zugewandten Team haben während des Studiums gekellnert und Gefallen daran gefunden – so wie Scholl selbst. Gute Laune ist hier das wichtigste Einstellungskriterium – und sorgt für einen enorm hohen Wohlfühlfaktor!
Konzept: Casual Fine Dining im Restaurant vom gerne auch mal flamboyanten TV-Koch und Schreiberling Max Strohe. „Abendessen“ (auch vegetarisch) aus 6 oder 8 Gängen. Sonntags „Lunch“ in 5 Gängen.
Küche: Auch auf den Tellern liebt Strohe intensive Noten, geht dabei aber nie zu weit, alles passt, etwa wenn er mit Rosine und Pinienkernen süßlich-deftig gratiniertes Bries mit Fenchel, Safran-Mousseline, Salzzitrone und Colatura (fermentierte Fischsauce) kombiniert oder zu Roulade aus Saibling und Kalbszunge Sellerie, Schmorgurke und wunderbar meeres-salzige Sauce aus bretonischer Algenbutter reicht. Knusprig gebratene Brust von der Challans-Ente wird zusammen mit gepfefferter Kirsche, Pfifferlingen, Kaffirlimettenöl und Parmesanschaum zum aromatischen Hauptgang.
Wein: Sommelier Felix Fuchs hält 500 Positionen parat, darunter spanische Lieblingsweine etwa von Michelini i Mafutto oder der Bodega Guímaro.
Atmosphäre: Stilvolle Gediegenheit in einem Kreuzberger Rahmen, tolles Serviceteam.
Fazit: Professionelle Gastlichkeit mit Promi-Faktor, die ihren Preis hat.
Pâtissier des Jahres 2022: René Frank, CODA, Berlin
René Frank hat die Pâtisserie neu erfunden – als Dessert Dining! In seinem dramaturgisch ausgetüftelten, abendfüllenden Menü-Gesamtkunstwerk in sieben Gängen erlebt der Gast ungewohnte Facetten der Dessertkunst, von Aubergine mit Pekannuss, Apfelbalsamico und Lakritzsalz bis zu Raclette-Waffel mit Kimchi und Joghurt. Zu jedem Gang wird im CODA Dessert Dining ein perfekt abgestimmter, hausgemachter Drink angeboten. Industriell verarbeitete Zutaten sind aus der Küche verbannt, den Zucker ersetzt natürliche Fruchtsüße – beim Tomateneis etwa aus eingelegten Datteltomaten und Mandelmilch. Das in Deutschland einzigartige Konzept hat Frank in seinem kleinen Neuköllner Lokal über die Jahre perfektioniert.
Konzept: Seit einem Jahrzehnt ein Solitär der deutschen Gastronomie: Hier gibt es keine klassische Menüfolge, sondern eine 15-gängige Choreografie aus Aromen, Texturen und Temperaturen. Eine kulinarische Erzählung, in deren Verlauf sich die gewohnten Grenzen zwischen süß und salzig, Vorspeise und Dessert auflösen.
Küche: René Franks dessertartigen Gerichte mit dezenter, fein austarierter Süße – kongenial umgesetzt von Küchenchefin Julia Leitner und Team – heben die Patisserie in eine neue Dimension: Als Kompositionen aus Kontrast und Balance fordern sie sinnlich und intellektuell zugleich. Süße trifft auf Umami, Rauch und Säure. Fermentation, Röstaromen und feine Bittertöne sorgen für geschmackliche Tiefe. Signature Dish ist das Caviar Popsicle: ein Topinambur-Vanille-Eis am Stiel, in Kaviar getaucht und einen Mantel aus weißer Pekannuss-Schokolade gehüllt.
Wein: Die präzise abgestimmte Getränkebegleitung ist integraler Bestandteil des Erlebnisses. Naturweine, Sake und alkoholfreie Pairings bilden ein flüssiges Gegenüber zur Küche.
Atmosphäre: Dunkle Farben, sanftes Licht und klare Linien schaffen eine Bühne, auf der Konzentration und Gelassenheit herrschen. Urban, reduziert und von kultivierter Ruhe getragen.
Fazit: Ein faszinierender Ort, der Grenzen verschiebt und Genuss neu definiert.
Vorbildlicher Arbeitgeber: Jeunes Restaurateurs d’Europe
Wenn die Gastronomie mit Personalmangel kämpft, ist der Zusammenhalt in der Branche umso wichtiger. Die 67 deutschen Mitglieder der Vereinigung der Jeunes Restaurateurs d’Europe (JRE) profitieren vom engen Netzwerk, regen Gedankenaustausch und Wissenstransfer. Unter der Führung von Präsident Alexander Huber aus dem Huberwirt engagiert man sich besonders in der Nachwuchsförderung. Für junge Köche und zukünftig auch für Servicemitarbeiter bietet die eigene Genussakademie eine anspruchsvolle Zusatzqualifikation sowie gezielte Weiterbildungsmöglichkeiten – auch für weltoffene Karrieren.
Sommelière des Jahres: Melanie Wagner, Schwarzer Adler, Vogtsburg
Sie ist Herrin über die fast schon legendäre Weinkarte im Schwarzen Adler der Familie Keller – und verblüfft mit ihrem Wissen und Weinverstand auch ausgebuffte Connaisseurs. Lassen Sie sich durch ihr unprätentiöses Auftreten nicht täuschen: Die ausgebildete Winzerin ist eine der Wenigen in der Branche, deren Erfahrungsschatz man sich blind anvertrauen kann. Ihre Empfehlungen, ob aus den Weinbergen des Hauses oder der sensationellen Bordeaux-Auswahl, die im bis zu 112 Meter tiefen Naturfelskeller lagert, sind ebenso kenntnisreich auf die Gerichte wie einfühlsam auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt. Kurz: der absolute Glücksfall einer Sommelière.
Social Award: Steinheuer Restaurant Zur Alten Post, Bad Neuenahr-Ahrweiler
Als im Sommer 2021 die Flutkatastrophe über das Ahrtal hereinbrach, bewiesen Hans Stefan Steinheuer und seine Familie, dass ein Restaurant so viel mehr sein kann als ein Ort, wo man essen geht. Mitten in Deutschland harrten unzählige Familien ohne Strom, Wasser oder Gas in den Trümmern ihrer Häuser aus. 15 000 Autos waren weggeschwemmt worden, der öffentliche Verkehr war zusammengebrochen. Im vielfach preisgekrönten Steinheuers Restaurant zur Alten Post wurden wochenlang mittags und abends jeweils bis zu 400 warme Essen für Betroffene frisch gekocht und ausgegeben, man verteilte Trinkwasser und vor allem: Zuspruch. Das Restaurant war inmitten aller Tristesse ein Ort der Hoffnung, der Menschlichkeit und des Gemeinsinns.
Konzept: Dreiklang aus regionaler Küche im Landgasthof, Spitzenküche im Gourmetrestaurant – und Erholung im Hotel. Bei vielen Gerichten sucht das Duo aus Christian Binder und Hans Stefan Steinheuer den Bezug zur Heimat, verzichtet aber nicht auf internationale Spitzenprodukte. Zwei Menüs, 4 und 7 Gänge.
Küche: Die „Wurzeln“, so der Titel des einen Menüs, wie heimischen Gemüse oder regionales Fleisch sind nur die Grundlage, worauf die Gerichte gekonnt aufbauen: mal kraftvoll und intensiv wie bei dem geräucherten Onsen-Landei mit Maccaroni mit Lapsang-Souchong-Sud und Champignons, mal leicht und zart wie die Jakobsmuschel mit Erbsen, Seeigelschaum und Krustentierconsommé und Kaviar. Ein Klassiker: Eifeler Rehrücken. Starker Ausklang: Quitte mit Quark und karamellisiertem Honig.
Wein: Eine Karte für die höchsten Ansprüche, am stärksten besetzt mit Gewächsen von der Ahr und dem Rest von Deutschland, das Angebot aus Burgund zeugt von Hans Stefan Steinheuers Leidenschaft. Tochter Désirée ergänzt es durch spannende Neuentdeckungen aus aller Welt.
Atmosphäre: Zeitlos elegant, graue Sesselchen unter golddurchwirkter Decke. Herzlicher Service durch Patronin Gabriele Steinheuer.
Fazit: Küche, Wein und familiäre Atmosphäre – ein unvergessliches Erlebnis.

