Kunst geht nach Brot

Wir lieben den Sommer, weil er wärmer ist als Frühling, Herbst und Winter zusammen. Insofern gleicht er einem Eintopf aus Kaviar, Trüffeln, Foie gras und Currywurst. Sollte in dem Restaurant unseres Vertrauens eines Tages eine Spezialität auftauchen, die alle vier Produkte enthält, werden wir das als den Höhepunkt des Sommers betrachten (Avantgardismus) und entsprechend feiern. Denn der Sommer ist dafür da, dass man ihn feiert. Wir feiern die Heimkehr der Mückenschwärme aus ihrem Winterquartier sowie die der Küchenchefs von ihren Kreuzfahrten. Vor allem aber feiern wir den Wein. Wer durch die deutschen Lande fährt, trifft nach drei Schlaglöchern auf ein Winzerfest.
Parallel zu den Hofkonzerten der musikalischen Weinbauern wartet so ein Sommer mit allerlei Events auf, die von Kennern Vernissagen genannt werden, wenn sie nur im Entferntesten mit Kunst zu tun haben. So eine Vernissage beginnt immer gleich. Man steht herum mit einem Glas warmen Müller-Thurgau in der Hand und knabbert an einem Körnerbrötchen. Es dauert nicht lange, da kommt ein Typ auf mich zu und sagt: „Sind Sie nicht der Doktor Schlotzmann?“ Das geschieht mir recht. Warum gehe ich auch hierher, wo mich niemand kennt und sie nicht einmal einen eigenen Parkplatz haben?
„Ich habe gehört, Sie interessieren sich für Brot?“, hakt er nach. Brot? Natürlich interessiere ich mich für Brot. Wer tut das nicht! Wenn ich bloß wüsste, wer Doktor Schlotzmann ist. Ich nicke irritiert.
„Man sagte mir, dass Sie sich beruflich mit gutem Brot beschäftigen …?“ – „Nun ja. Irgendwie schon.“ Wer mag bloß dieser Schlotzmann sein?
„Unsere Bäckerrinnung“, fährt er fort und sucht in seiner Jackentasche nach etwas (vermute ich), das mir Auskunft über seine Identität geben kann oder über seine Bäckerinnung. Er findet’s aber nicht in der linken und danach nicht in der rechten Innentasche.
„Zu dumm …“, sagt er sich entschuldigend, da drängt sich eine dicke Dame zwischen uns und fragt: „Gehört Ihnen der BMW mit der Nummer 234YZ?“ Ich schüttele den Kopf, während der von der Bäckerinnung sagt: „Nein, ich bin mit’m Radl da“ und hemmungslos lacht. Ich trete einen kleinen Schritt zurück und kollidiere mit einem anderen Menschen, offenbar einer Frau. „Können Sie nicht aufpass…“ schimpft sie mit sinkender Betonung. Wir haben uns beide umgedreht, sie sieht meine weißen Haare und erkennt blitzschnell, dass ich ihr Großvater sein könnte. Ich registriere nur, dass sie eine außergewöhnlich hübsche Kunstfreundin ist und überlege, wie ich sie dazu kriege, meine Briefmarkensammlung sehen zu wollen. „Unsere Bäckerrinnung“, stört der Typ meine philatelistischen Fantasien, „hat sich zum Ziel gesetzt …“
Wir feiern die Heimkehr der Mückenschwärme aus ihrem Winterquartier sowie die der Küchenchefs von ihren Kreuzfahrten.
„Entschuldigen Sie vielmals“, säusele ich und sehe ihr tief in die schwarzen Augen, „es war meine Schuld.“ – „Ach, das war doch nichts! Kein Wunder bei dem Gedränge.“ – „Ein leichtes, modernes Brot ohne fertige Backmischung …“ – „Der BMW mit der Nummer …“ – „Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie nicht angerempelt hätte!“ Die Schöne kneift ihre Augen etwas zusammen und mustert mich von oben bis unten. Der Bäcker hat gefunden, was er suchte. Er reicht mir ein zerknittertes Blatt Papier und ruft: „Am Sonntagmorgen, zehn Uhr! Werden Sie kommen, Herr Doktor?“ Ich wende mich der Schwarzäugigen zu und frage: „Kommen Sie mit? Es kann sehr lustig werden.“ – „Lustig? Am Sonntagmorgen gehe ich in die Kirche!“ Und ich dachte bisher, die Kunst geht nach Brot.
Beinahe wäre ich zu spät gekommen. Es ist genau zehn Uhr, und ein gutes Dutzend Brotfreunde steht vor dem Eingang eines dieser Betonhäuser mit Freitreppe, deretwegen die Kommunen so verschuldet sind, dass sie die städtischen Kunstsammlungen auflösen und den Eintritt fürs Freibad erhöhen müssen. Ganz oben auf der Treppe steht dieser Typ, der mich mit Doktor Schlotzmann verwechselt hat, und redet eifrig auf drei andere ein. Ich drehe ihnen schnell den Rücken zu und sehe, wie ein Lakai die Tür eines protzigen Zwölfzylinders aufhält, damit eine schwarzhaarige Schönheit im Chanel-Kostüm einsteigen kann. Ich erkenne meine Kunstfreundin und bin mit zwei Sprüngen neben ihr. „Nehmen Sie mich mit zur Kirche?“, frage ich sie und trete dem Lakai auf die Füße. Sie mustert mich weniger überrascht als belustigt. „Ich war bereits in der Frühmesse.“ – „Dann fahren wir zu mir. Ich zeige Ihnen meine Briefmarkensammlung.“ – „Schade. Als ich Sie in der Galerie sah, dachte ich, Sie seien kunstinteressiert.“
„Kannst du nicht aufpassen, Alter?“, brüllt mir der Türsteher ins Ohr. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Er ist echt wütend. Wahrscheinlich trägt er Lackschuhe. Aber ich schaue nicht nach unten. Ich sehe der schönen Kunstfreundin in die Augen. „Herr Doktor Schlotzmann“, trötet der Brotfreund mir ins andere Ohr, „wie schön, dass Sie gekommen sind! Darf ich Ihnen Direktor Berg …“ Wen er mir vorstellen will, kriege ich nicht mit. Denn in diesem Moment geschehen einige Dinge gleichzeitig. Ein junger Mann mit antikem Vollbart, in einen härenen Arbeitskittel gekleidet, karrt in einer ebenfalls antiken Trage einen Haufen Brote herbei, den er neben der Autotür abstellt, vor welcher der jaulende Lakai auf einem Bein hüpft. Gleichzeitig öffnet die künftige Philatelistin die Autotür so weit, dass der einbeinige Lakai nach hinten gegen die Brottrage gedrängt wird, sein Gleichgewicht verliert und 40 moderne Brote mit sich reißend, zu Boden stürzt. „Ich kenne eine ruhige Weinstube am Dom“, kann ich ihr noch zurufen, da ergreift ein Mann mit einem Tirolerhut meinen rechten Arm, zieht mich zu sich heran und sagt: „Es ist mir eine großen Freude und Ehre, Sie, Herr Doktor Schlotzmann, am Tag des Brotes bei uns willkommen zu heißen!“ Es gelingt mir, seiner schüttelnden Hand zu entkommen, während ich mich bemühe, nicht auf die modernen Brote zu treten. Deshalb höre ich es mehr, als dass ich es sehe, wie eine protzige Limousine in eine Richtung startet, in der sich meine Briefmarkensammlung jedenfalls nicht befindet. Irgendwer ruft noch: „Herr Doktor Schlotzmann …!“; da bin ich aber schon außer Hörweite, die in meinem Alter nicht sehr weit reicht. Hoffentlich schaffe ich es noch bis zur Weinstube am Dom.

