Analyse von Experte Jens Priewe: Wein steckt in der Krise!

Jens Priewe: Wein steckt in der Krise!

Die Menschen trinken immer weniger Wein. Jens Priewe über falsche Experten, oberflächliche Wissenschaftler, desinformierte Medien, verunsicherte  Konsumenten. Sein Manifest gegen die Krise lautet „Trinkt häufiger Wein!“
Text Jens Priewe
Datum12.06.2026

Hinweis der Redaktion: Der Autor vertritt in diesem Meinungsbeitrag seine persönliche Sicht auf die Ursachen der Weinkrise und mögliche Lösungsansätze.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer lebt seit 35 Jahren in einem großen Mietshaus in Köln. Früher, erzählte sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, trafen sich die Mitbewohner abends oft spontan auf ein Glas Wein. Heute nicht mehr. Man kennt sich nicht. Man grüßt sich nicht. Selbst die WGs bleiben lieber in den eigenen vier Wänden. Schwarzer beklagt „ein Verschwinden der Geselligkeit“. Ob die Nachbarn vorm Laptop oder vor der Flimmerkiste sitzen, am Smartphone oder an der Spielkonsole hantieren, man weiß es nicht. Vielleicht gehen sie auch einfach nur früher zu Bett als damals.

Mitte der 1990er-Jahre, Schwarzer hatte damals gerade die 50 überschritten und lud ihre Nachbarn gern selbst zu einem guten Tropfen ein, lag der Weinkonsum in Deutschland statistisch bei 24,9 Litern pro Kopf und Jahr. Seitdem ist er kontinuierlich gesunken. Heute liegt er bei 19,9 Litern. Schmeckt Wein den Menschen nicht mehr? Ist er zu teuer geworden? Fürchten sie den Alkohol? Fehlen die Mittrinker? Alles Vermutungen. Doch ein Quäntchen Wahrheit dürfte in ihnen stecken. Weshalb sich so auffällig viele Menschen vom Wein abwenden, ist auf den ersten Blick schwer begreiflich. Denn er ist fest verankert in der westlichen Kultur als Genussmittel, als Katalysator für gute Gespräche, als Medium für menschliche Nähe, in seinem Herkunftsbezug auch als traditionelles Heimat- und Kulturgut. Wein fördert Geselligkeit, stößt Diskussionen an, kann aus Miesepetern Spaßvögel machen, aus verschlossenen Menschen eloquente.

Demografie: weniger Menschen, weniger Weintrinker

Wer sich auf Ursachenforschung begibt, wird erst einmal feststellen, dass der Rückgang des Weinkonsums so unerklärlich nicht ist. Es beginnt mit der demografischen Entwicklung der Gesellschaft. Die heutigen Millennials (30 bis 45 Jahre) sind in der Alterspyramide nicht so stark vertreten wie im Jahr 1995. Weniger Menschen, weniger Weintrinker. Die Boomer-Generation (60 bis 80 Jahre), die mit Wein aufgewachsen ist, gerne ein Glas trinkt und oft über ein gutes Haushaltseinkommen verfügt, nimmt altersbedingt ab. Hinzu kommt, dass die Menge des konsumierten Weins mit zunehmendem Alter schwindet. Auch Alice Schwarzer gesteht, dass sie weniger Wein trinkt als früher. Bleiben als Hauptzielgruppe die 46- bis 59-Jährigen (Generation X), die zahlenmäßig stark sind, oft auf dem Höhepunkt ihres Berufslebens auch über ein gut gefülltes Bankkonto verfügen, aber den Weinsee natürlich nicht allein leer trinken können.

Simone Loose, Professorin für Betriebswirtschaft des Wein- und Getränkesektors an Universität Geisenheim, stellt deshalb die entmutigende Prognose: „In den nächsten 20 Jahren werden die älteren Generationen wegfallen, die jetzt noch mehr als zwei Drittel allen Weins konsumieren.“ Die Hoffnungen der Winzer und Weinhändler ruhen deshalb auf den jungen Erwachsenen, der Gen Z. Doch angesichts ihres geringen Bevölkerungsanteils müssten die 18 bis 30-Jährigen mit erhöhtem Weinkonsum kompensieren, was die Alten weniger trinken – aber das ist nicht der Fall. Für sie sind Obstsäfte, Energiedrinks, Eistee, Cocktails, Matcha-Tee, Chai-Latte oder Hafercappuccino Alternativen zum Wein. Winzer und Weinhändler sind verunsichert. Ihre Umsätze sinken, einige sehen ihre Existenz gefährdet. Die Befürchtungen sind real: „Jedes Jahr sinkt der Weinkonsum in Deutschland um fünf Prozent“, sagt Simone Loose.

Überproduktion: zu viele Reben, zu viele Winzer, zu viel Wein

Die Krise, in der sich die Weinwirtschaft befindet, war also absehbar. Erschwerend kommt hinzu, dass einfach zu viel Wein auf der Welt erzeugt wird. Die EU, allen voran die drei Giganten Spanien, Frankreich und Italien, haben Rebflächen und Produktion in den letzten Jahrzehnten zwar leicht reduziert. Die Überproduktion aber ist geblieben. Bei sinkenden Bevölkerungszahlen addiert sich der jährliche Überschuss auf knapp 20 Prozent. Er wird mit EU-Geldern teuer zu Industriealkohol destilliert. Dagegen haben die übersee­ischen Weinnationen ihre Rebflächen und Kellereien massiv erweitert und optimiert, am stärksten China. Die Export-Möglichkeiten für europäischen Wein haben sich dadurch verringert. Wenn dann noch der sinkende Heimkonsum dazukommt, wird die Lage kritisch.

In Bordeaux wissen Tausende von Winzern nicht mehr, wohin mit ihrem Wein. 
27 000 Hektar Weinberge sind bereits zur Rodung angemeldet. Vor 30 Jahren, als die Nachfrage nach Bordeaux jedes Jahr neue Rekorde brach, hatten viele Winzer Land zugekauft und mit Reben bepflanzt, um am Boom zu partizipieren. Der beflügelte aber vor allem die berühmten klassifizierten Gewächse wie Pétrus, Lafite, Mouton, Margaux, Palmer. Die Masse der einfachen Bordeaux AC landete in den Regalen der Supermärkte. Jetzt, da weniger getrunken wird und Bordeaux nicht mehr der Darling der Konsumenten ist, schrumpfen die Regalmeter. Entsprechend groß ist die Ernüchterung. Waren die Franzosen zu gierig? Zu naiv? Jedenfalls hat die Expansion zahllose Winzerexistenzen vernichtet und bedroht weitere in anderen Teilen des Landes.

In Italien sind die Keller ebenfalls randvoll mit unverkaufter Ware. Die Regierung müsse helfen, fordern die Winzer. Spanien ist in der Zwischenzeit zum größten Offenweinlieferant in Europa geworden. 55 Prozent seines Exports wird im Fass vermarktet, zu durchschnittlich 48 Cent pro Liter. Der größte Aufkäufer von solchem bulk wine ist übrigens Deutschland. Gegen die Billigimporte aus La Mancha und Kastilien können hiesige Winzer nicht konkurrieren. Das Weingut Markgraf von Baden hat gerade 60 Hektar Reben am Bodensee gerodet, weil der Weinbau nicht mehr rentabel ist. Auf den freien Flächen wachsen jetzt Dinkel und Soja. An der Mosel spricht man schon offen von 30 Prozent der Rebfläche, die in den nächsten Jahren verschwinden könnte, in Franken von über 15 Prozent.

"China hat massiv in Rebflächen und Kellereien investiert. Auch deshalb geht der europäische Export zurück."
Jens Priewe

Lebenswandel: Wein verliert an Relevanz

Weniger vorhersehbar war der veränderte Lebenswandel der Menschen in den westlichen Gesellschaften. Er hat den Weinkonsum kräftig gebremst. Das fängt bei den jungen Erwachsenen an. Nach der Arbeit wird gejoggt, Yoga gemacht, meditiert, im Gym geschwitzt – Aktivitäten, für die Alkohol eher hinderlich ist. Abends um die Häuser zu ziehen und in der Kneipe mit Freunden noch ein Glas zu trinken, ist nicht mehr so angesagt wie früher. Lieber streamt man zu Hause noch eine Netflix-Serie oder chattet mit seinen Followern. Später im Leben fordert die Familie ihren Tribut. Kinder, Kochen, Wohnung malern, Urlaub planen – das Private ist heute ebenso anstrengend wie der Beruf. An Feiertagen und zu Geburtstagen wird zwar gern eine Flasche Wein aufgemacht, aber sonst eher selten. Wein verliert zunehmend an Relevanz im Leben der Menschen. Mehr als eine Flasche haben die wenigsten Haushalte im Kühlschrank – wenn überhaupt. Um wieder auf 24,9 Liter pro Kopf zu kommen, reicht das nicht aus.

Healtheneers: Wein als Hindernis für Selbstoptimierung

Ein weiterer Treiber für den sinkenden Weinkonsum ist der Wellness-Trend. Er hat in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Obwohl Wein bei Verbrauchern allgemein einen hohen Stellenwert genießt, ist bei der wachsenden Schar der Healtheneers, die danach trachten, ihren Körper und ihre Psyche zu optimieren, die Überzeugung gewachsen, dass es für sie besser ist, auf Alkohol zu verzichten – Wein eingeschlossen. Wein, so die Wahrnehmung, mindert die körperliche Leistungsfähigkeit, verursacht Kopfschmerzen, schafft Schlafprobleme, macht faltige Haut, lässt Menschen schneller altern, schadet der Gesundheit. In die Denk- und Wahrnehmungsschemata der Selbstoptimierer passt Wein nicht hinein. Wo Pilates-, Yoga-, Longevity, Fitness- und Schönheitsindustrie herrschen, gerät Wein ins Hintertreffen.

"Nach der Arbeit wird Yoga gemacht oder meditiert, was für den Konsum von Alkohol hinderlich ist."
Jens Priewe

Öffentlichkeit: auf Alkoholalarm programmiert

Wenn in den Medien von Wein die Rede ist, dann zumeist, um Alkoholalarm auszulösen – auch in seriösen Tageszeitungen, Magazinen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Alkohol wird als eines der großen Übel unserer Zeit adressiert. Alkohol ist für Verkehrsunfälle, innerfamiliäre Aggression, persönliche Dramen, Leid und Tod verantwortlich, eingeschlossen Wein. Eckart von Hirschhausen, Fernsehmoderator und Dr. med., zählte in der ARD-Sendung „Hirschhausen und die Macht des Alkohols“ sieben Krebsarten auf, die durch Alkohol entstehen können. Kein Wort darüber, dass das laut Studien nur für „hohen Alkoholkonsum“ gilt und selbst dann an vorletzter Stelle in der Liste der krebsauslösenden Faktoren steht hinter Rauchen, Übergewicht, schlechter Ernährung, Bewegungsmangel. In der vom WDR produzierten Dokumentation, die im Januar 2025 zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt wurde, waren Totenköpfe auf Weingläsern eingraviert. Geschmacklos und grob des­informierend.

Ein anderer Alarmist ist der bekannte Ratgeberautor Bas Kast, der in seinem Bestseller „Warum ich keinen Alkohol mehr trinke“ beschreibt, wie wohl er sich fühlt, seitdem er den Konsum von zwei Gläsern Wein pro Tag eingestellt hat und stattdessen täglich in den Kraftraum und in die Sauna geht. „Viele sehen in Alkohol ein Genussmittel, tatsächlich aber raubt er zahlreichen Menschen die Freiheit. Wer abhängig ist, ist nicht mehr frei.“

Sind die (gefühlt) 95 Prozent der Menschen, die abends oder am Wochenende zwei Gläser Wein trinken, abhängig? Natürlich nicht. Aber die Äußerungen der vermeintlichen Aufklärer tun ihre Wirkung. Die Angst, sich womöglich Speiseröhren- oder Brustkrebs einzuhandeln oder an körperlicher Fitness zu verlieren, schwingt bei jedem Schluck mit, den Weintrinker zu sich nehmen. Kein Wunder, dass der Anteil der Deutschen, die gar keinen Alkohol anrühren, auf 25 Prozent angewachsen ist. Unter den 18- bis 34-Jährigen sind es sogar 48 Prozent, die laut einer Internetbefragung durch die Kölner Marktforschungsagentur YouGov angaben, abstinent zu leben – mehr als in jedem anderen europäischen Land.

"Wein wird zu den Mahlzeiten getrunken. So erweist sich der mediterrane Lebensstil als Überlebensvorteil."
Jens Priewe

Wissenschaft: Vorsicht vor den falschen Experten

Die Studien, auf die sich die Alarmisten berufen, gehen fast alle auf die Bewertungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück. Deren Kernaussage lautet: „Es gibt keine unbedenkliche Menge Alkohol. Jeder Tropfen ist mit einem Krebsrisiko verbunden.“ Theoretisch stimmt das, praktisch eher nicht. Der weltweit führende Epidemiologe zum Thema Wein und Gesundheit, Dr. Tim Stockwell von der kanadischen University of Victoria, hat kürzlich 107 wissenschaftliche Studien zu dem Thema überprüft. Die Hälfte war wegen methodischer Mängel unbrauchbar, die Quintessenz aus der anderen Hälfte lautete, dass Menschen, die moderat Alkohol trinken, statistisch genauso lange leben wie Abstinenzler, Krebserkrankungen eingerechnet. Stockwell, der als WHO-nah gilt, musste zugeben, dass das Gesundheitsrisiko bei low level-Alkoholgenuss tiny sei: gering. Eine jüngere amerikanische Studie, die 316 000 Frauen und Männer neun Jahre lang beobachtet hat, hat ähnliche Resultate gezeitigt. Darüber hinaus sind die Forscher zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bewertung des Gesundheitsrisikos von dem alkoholischen Getränk abhängig ist, das konsumiert wird. Zwar ist Alkohol immer ein Zellgift, egal in welchem Getränk er enthalten ist. Doch Wein wird in der Regel anders konsumiert als Wodka, Whisky, Rum, Cognac, Gin, Bier: zu den Mahlzeiten nämlich. Das macht den Unterschied aus.

„Der mediterrane Lebensstil, wie ihn die Mittelmeerländer kultiviert haben, erweist sich als Überlebensvorteil“, resümierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Untersuchung. Durch die gleichzeitige Nahrungsaufnahme wird der Alkohol lang­samer verstoffwechselt. Johannes Scholl, Facharzt für Innere Medizin in Rüdesheim, Präsident der Gesellschaft für Präventivmedizin und einer der wenigen deutschen Mediziner, die sich dem Alarmismus der Medien entgegenstellen, wird deutlich: „Die meisten wissenschaftlichen Studien ignorieren die verschiedenen Trinkmuster und unterschiedlichen Konsummodi – ein gravierendes Manko.“

Die Lösung des Problems

Um die Weinkrise zu beheben, gibt es nur eine Lösung: Die Menschen müssen wieder häufiger Riesling & Co genießen. Natürlich kann man Weintrinken nicht verordnen. Jeder Mensch, der auf Wein verzichtet, hat seine Gründe. Die gilt es zu respektieren. Aber man kann Weingenuss propagieren, selbstverständlich immer mit dem Zusatz „in Maßen“. Propagieren hieße, auch auf die positiven Aspekte des Weintrinkens hinzuweisen: Wein fördert die Geselligkeit und wirkt der Vereinzelung entgegen. Erwähnt werden sollte auch, dass die Qualität von Wein nach Meinung der allermeisten Kritiker noch nie so gut war wie heute – schließlich gab es auch noch nie so viele ökologisch erzeugte Gewächse.

Wenn Wein im täglichen Leben dennoch an Relevanz verliert, hat das bisweilen auch mit jenen Akteuren zu tun, die eigentlich fürs Weintrinken zuständig sind. Weinhändler, die so selbstüberzeugt und allwissend auftreten, dass durchschnittlich bewanderte Kunden gleich wieder aus dem Laden herausstolpern. Winzer, die ihre Weine leidenschaftslos erklären wie ein Ingenieur die Funktionsweise des Otto-Motors. Weinprofis, die ihre Mittrinker mit der Aufzählung aller bedeutenden Weine nerven, die sie persönlich schon im Glas gehabt haben. Sommeliers und Sommelièren, die Weine so blumig beschreiben, als hätten sie ein botanisches Studium absolviert. Diplomierte Weinakademiker, die ihre Zuhörer mit der geballten Information ihres Wissensfundus’ überschütten. Gas­tronomen, die sich ihre Weinkarten von Händlern schreiben lassen, die dann so lieblos und langweilig sind, dass man lieber ein Bierchen oder Wasser bestellt.

"Viele Weinhändler treten so allwissend auf, dass Kunden gleich wieder aus dem Laden herausstolpern."
Jens Priewe

Die Gen Z tickt und trinkt anders

Die Generation Z, der eigentlich der Weg zum Wein geebnet werden müsste, fängt man so nicht ein. Der Hamburger Weinhändler Hendrik Thoma (Wein am Limit) hat die Situation auf den Punkt gebracht: „Nicht die Gen Z hat sich vom Wein entfernt, der Wein hat sich von ihr entfernt.“ Was er sagen will: Die neue Konsumenten-Generation tickt und trinkt anders. Sie schert sich wenig um große Namen. Das eigene Geschmacksempfinden ist ihr wichtiger als die Urteile fremder Kritiker. Trinkspaß und Trinkfreundlichkeit ist das, was für sie zählt. Ein PetNat mit Kronkork ist ihnen oftmals lieber als ein Prestige-Champagner. Viele junge Erwachsene wären auch bereit, für guten Wein gutes Geld auszugeben. Aber einen Mäzen haben sie oft nicht hinter sich, der die Rechnung für Luxusweine begleicht, die ihnen in Katalogen und im Internet immer öfter schmackhaft gemacht werden.

Schließlich gibt es in ihrem Leben auch Phasen, in denen sie gar keinen Bock auf Wein haben, sondern Lust auf einen Cocktail oder auf einen Proxy, wie die neuen, aus Saft, Tees, Tonic und fermentiertem Gemüse gemixten Getränke heißen, die für Alkoholvermeider erfunden wurden. Aber es kommt der Tag, an dem ihnen irgendjemand den passenden Tropfen zum Pad- Thai oder zur Bolognese einschenkt. Dann kann der Funke wieder überspringen. Auf diesen Funken kommt es an – und auf den Irgendjemand.

10-Punkte-Manifest gegen die Weinkrise

1. Wein ist ein Genussmittel, kein Rauschmittel. Er ist seit Jahrhunderten fest in der west­lichen Kultur verankert, im besten Fall handwerklich hergestellt – und muss daher öffentlich stärker positiv unterstützt werden.

2. Das Ziel ist nicht, mehr Wein zu konsumieren, sondern häufiger in Maßen
bewusst zu genießen. Und zwar ohne schlechtes Gewissen.

3. Moderater Weingenuss ist oberstes Gebot. Grobe Orientierungsmenge: 
2 bis 3 Glas à 0,1 Liter. Konkretere Obergrenzen für zuträglichen Weinkonsum festzulegen, ist aber wenig sinnvoll. Je nach Genetik, Alter, Geschlecht und Konsummodus reagiert der Organismus ganz unterschiedlich auf Wein.

4. Wenn Wein getrunken wird, sollte er nach dem Vorbild der Mittelmeer­länder vor allem zum Essen getrunken werden. Und in geselliger Runde.

5. Kein Mensch sollte zum Weintrinken missioniert werden. Aber Menschen, die auf Wein verzichten, dürfen nicht von Informationen geleitet werden, die falsch, einseitig oder wissenschaftlich nicht belastbar sind.

6. Die mediale Berichterstattung über Wein muss professioneller werden. Auch wissenschaftliche Publikationen oder die Verlautbarungen von wissenschaftlichen Institutionen müssen stärker hinterfragt werden. Wein darf zudem nicht mit minderwertigen Spirituosen gleichgesetzt werden. Guter Wein ist ein handwerklich erzeugtes Naturprodukt.

7. Politiker sollten den Missbrauch von Alkohol bekämpfen, im Zweifelsfall auch den Missbrauch von Wein. Sie sollten aber nicht der engagiert und sorgfältig arbeitenden Weinbranche durch höhere Besteuerung oder Werbeverbote schaden.

8. Rodungen von Weinbergen werden in Zukunft nötig sein. Damit nicht wertvolle Steillagen stillgelegt und Flachlagen, die zwar kostengünstig zu bewirtschaften sind, aber nur Allerweltsweine hervorbringen, bestehen bleiben, müssen die Landesregierungen Steil­lagen-Prämien ausloben.

9. Die Gastronomie muss neue Konzepte entwickeln, um Wein attraktiv zu machen. Dazu gehören eine flexible, individuelle Weinkarte, faire Preise sowie der glasweise Ausschank tagesaktueller wie hochwertiger Weine, gern mit Coravin.

10. Die Kommunikation über Wein ist oft elitär, plattitüdenhaft und akademisch. Das schreckt viele Weintrinker ab. Ausgangspunkt allen Sprechens und Schreibens über Wein muss immer der Hobby-Weintrinker sein.

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