Deutsche Winzerinnen aus der Pfalz

Deutsche Winzerinnen aus der Pfalz: Jetzt kommen wir!

Pfälzer Rebberge waren traditionell Tummelplätze für Traktoren-Machos. Noch heute führen Frauen keine zehn Prozent der Güter – aber es werden mehr, und sie sind gut! Wir stellen deutsche Winzerinnen aus der Pfalz vor, die Sie sich gut merken sollten.

Hätte Yvonne Libelli auf ihre Eltern gehört, wäre sie keine Winzerin geworden. Franz und Elisabeth Lucas sahen in ihrem Sohn Martin den geeigneten Nachfolger, Yvonne sollte lieber „etwas mit Sprachen machen“ oder Lehrerin werden. „Ich hatte“, sagt sie, „lange Zeit nicht das Gefühl, dass es möglich sei, Winzerin zu werden.“ Doch genau das hatte sie sich in den Kopf gesetzt. Besondere Rieslinge aus den berühmten Forster Lagen wollte sie erzeugen.

Am ersten Wein versuchte sie sich mit acht Jahren, klärte den Most mit einem Kaffeefilter und gestaltete eigenhändig ein Etikett „mit Schnörkeln und Trauben drauf“. Ob der Wein geschmeckt hätte, hat sie nie erfahren, denn die Mama hat ihr „den Saft abgenommen, als er anfing zu gären“. Es brauchte lange Diskussionen und schlagkräftige Argumente, aber inzwischen führt Yvonne Libelli den familieneigenen Margarethenhof gleichberechtigt mit ihrem Bruder. Weinbau und Kellerwirtschaft seien keine Männerdomäne mehr, sagt sie.

Wein ist auch weiblich

Yvonne Libelli ist nur eine der jungen Pfälzer Winzerinnen ihrer Generation, die von sich reden machen. Aber ob Libelli, Katrin Wind, Sophie Christmann, Victoria Lergenmüller, Regine Minges oder Karoline und Dorothee Gaul: Alle mussten sich ihren Platz gegen viele Widerstände erkämpfen. „Einer Frau traut man nicht so viel zu wie einem Mann“, sagt Sophie Christmann, „und mit Frauen in Führungspositionen haben ohnehin viele ein Problem.“ Obwohl in Geisenheim inzwischen rund 30 Prozent Frauen Weinbau und Önologie studieren und der Studiengang Internationale Weinwirtschaft sogar zur Hälfte von Frauen belegt wird, werden noch keine zehn Prozent der Pfälzer Güter von Winzerinnen geführt. „Das wird sich bald ändern“, glaubt Christmann, Paradebeispiel einer gut ausgebildeten und selbstbewussten Weinmacherin, die sich auch als Unternehmerin versteht.

Die Pfalz – eine von PS und Testosteron geprägten Weinregion

Die Pfalz galt lange Zeit als kerniger und etwas derber Landstrich, dessen Winzer stolz ihren Maschinenpark zur Schau stellten. In der von PS und Testosteron geprägten Weinregion schien kaum Platz für Frauen zu sein, sie schob man gern ins Büro ab, für Kaffee und Marketing. Es ist nicht lange her, dass Katrin Wind zu hören bekam, sie könne kein Weingut leiten, „weil sie sich nicht mit Maschinen auskennt“.

Hinterfragt man den aktuellen Wandel in der Pfalz, fällt immer wieder der Name Stefanie Weegmüller, die das elterliche Gut in Neustadt schon 1988 übernahm und Traditionen und Regeln trotzte. „Sie hatte es viel schwerer als wir“, sagen Karoline und Dorothee Gaul, „sie hat den Weg für uns Frauen geebnet.“ Weegmüller hielt ihre weiblichen Auszubildenden zur Selbstständigkeit an, um sich nicht von einer Horde auf Technik und Maschinen fixierter Männer abhängig zu machen. Sie gilt als Vorbild für die heutige Generation von Winzerinnen, die fachkundig, elanvoll und schlagfertig auftritt.

Die Garagenwinzerin aus der Pfalz: Katrin Wind

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Winzerin Katrin Wind vom gleichnamigen Weingut in der Pfalz

„Ach ja, bitte nicht wundern: Unser Weingut ist ein ganz normales Einfamilienhaus im Wohngebiet“, schreibt Katrin Wind vorab. Tatsächlich würde man nicht vermuten, dass im Arzheimer Nauweg 6 hinter der unauffälligen weiß­grauen Fassade eine der talentiertesten Winzerinnen der Pfalz arbeitet. Ihr Vater Klaus, ein Elektroingenieur, hatte Wein noch im Nebenerwerb angebaut. Aber die Tochter wollte mehr. 2010 begann sie das Weinbau-­Studium in Geisenheim und gründete mit Juliane Eller und Alina Hammer die „Blondie­-WG“. Danach baute sie zielstrebig ihr „Garagen­-Weingut“ auf. In der Doppelgarage der Eltern stapelten sich die Kartons mit den Flaschen bis unter die Decke; wenn Kundschaft kam, wurden die Weine unkompliziert am Esszimmertisch probiert.

So weit ist es nie gekommen

Katrin Wind, Jahrgang 1990, wirkt zierlich, aber sie kann anpacken und sich durchsetzen. Als Jugendliche hatte sie Leichtathletin werden wollen, hatte bei den Rheinland-Pfalz­-Meisterschaften die 800 Meter in 2,42 Minuten geschafft und sich damit unter den ersten Zehn platziert. Aber bei der willensstarken Jungwinzerin kamen auch Zweifel auf: Sie hatte keine Kundschaft, kaum Geld für Investitionen und manchmal „auch Angst, dass es nichts wird“. Zumal Arzheim, bei Landau in der Südpfalz gelegen, nicht gerade ein Hotspot für große Weine war. „Notfalls trinke ich ihn selbst“, sprach sie sich anfangs Mut zu. So weit ist es nie gekommen.

Newcomerin des Jahres

Auf dem Esszimmertisch steht eine selbst gebastelte Laterne, am frühen Abend führt der Martins­Umzug durchs Dorf. 2017 kam Katrin Winds Tochter Ida zur Welt, ausgerechnet während der Lese, zwei Tage später stand die Mutter wieder im Keller. „Das war körperlich abartig“, erinnert sie sich, aber ihr Durchhaltevermögen zahlte sich aus: Mit ihren eleganten, charaktervollen Rieslingen machte sie sich einen Namen, 2018 nominierte der FEINSCHMECKER sie bei den WINE AWARDS als „Newcomerin des Jahres“. Ihr bester Riesling kommt aus der nahe gelegenen Kleinen Kalmit – „ein richtiger Kalksteinberg und mein größtes Kapital“, schwärmt sie. Der Boden, in dem sich versteinerte Landschnecken finden, verleihe den Weinen kräutrige Würze. Im Keller arbeitet sie „ohne jegliche Zusätze“, ihre Weine sollen „nackt, ehrlich und ungeschminkt“ sein. Dazu passt ihr Emblem, auf dem ein nackter Hintern zu sehen ist. Der war lange Zeit auch im Arzheimer Wappen, als Symbol dafür, dass man sich von der Obrigkeit nicht alles bieten lasse. Eine Haltung, die Katrin Wind gefällt, auch sie habe „ihr Ding gemacht und sich nicht reinreden lassen“.
Inzwischen bewirtschaftet sie sechs Hektar nach ökologischen Methoden, neben dem Elternhaus soll das neue Weingut entstehen.

Weinempfehlung:

2018 Riesling Kalmit Kapellenstück € 25

2017 Frühburgunder € 21

One-Woman-Show der Pfälzer Winzerin Victoria Lergenmüller

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Die Pfälzerin Victoria Lergenmüller vom Weingut Lergenmüller in der Pfalz

Auf die Jagd zu verzichten, seit sie im vergangenen Jahr schwanger wurde, fällt Victoria Lergenmüller schwer. Sonst wäre sie wie immer in den Wäldern um Burrweiler unterwegs, auf der Pirsch. Das geschossene Wild verarbeitet sie gern in der eigenen Küche.

Lergenmüller ist als „Wald­ und Wiesenkind“ aufgewachsen, ein echter Wildfang: „Ich war keine Prinzessin, die nicht schmutzig werden durfte.“ Wie Ronja Räubertochter habe sie sein wollen, habe alles großgezogen, was ihr im Pfälzer Wald begegnet sei – Hasen, Wildschweine und sogar Frettchen. Ihr Vater Jürgen Lergenmüller nannte sie „Victor“, weil sie vieles tat, was sonst Jungs machen, und er keinen Sohn hatte. Victoria sprang in die Bresche; sie arbeitete schon mit zwölf Jahren im Keller mit und brachte den Vater manches Mal zur Verzweiflung mit ihrem Eigensinn. Einmal ließ sie heimlich 15 000 Liter Weißburgunder ihres Vaters spontan vergären. Der war geschockt, aber auch vom Resultat beeindruckt.

60.000 Km in den ersten sechs Monaten

Victoria Lergenmüller geht gern vorneweg, „sich hinten anzustellen“, das sei nichts für sie. Als die Familie 1998 das marode Gut Sankt Annaberg hoch über Burrweiler übernahm, war schnell klar, dass die draufgängerische „Vicky“ es führen sollte. 2012 begann das „große Abenteuer“, da war sie 21 Jahre alt und studierte in Geisenheim Weinwirtschaft. Auf keinen Fall wollte sie „Trittbrettfahrerin“ ihres Vaters sein, der zu den größten Weingutsbesitzern Deutschlands zählt. Die Tochter entschied sich für den unbequemen Weg: Um ihre Weine zu verkaufen, musste sie „Klingeln putzen“. 60 000 Kilometer, sagt sie, habe sie allein in den ersten sechs Monaten zurückgelegt.

Dass in ihrer „One-­Woman-­Show“ auch Fehler passieren, gehört für sie dazu. Unbedingt wollte sie einen Riesling im neuen Tonneau mit natürlichen Hefen vollständig durchgären lassen, dafür aber war es in ihrem Keller zu kalt. Manche Dinge müsse sie halt „ums Verrecken ausprobieren“, das sei ihr Naturell: „Man muss selbst gegen die Wand laufen, um daraus zu lernen.“

Es ging immer ums Essen und Trinken

Sankt Annaberg entstand, als Napoleon einen Rastplatz für seine Truppen errichten ließ. „Es ging hier“, erzählt Lergenmüller, „immer ums Essen und Trinken.“ Auch sie ist passionierte Köchin, Genussmensch und „Fleischfresserin“. Auf Alkohol in der Schwangerschaft zu verzichten fiel ihr schwer, ohne Wein sei sie „nur die halbe Persönlichkeit.

Sankt Annaberg ist ganz auf Riesling spezialisiert, den Lergenmüller auf sieben Hektar und Bodenarten wie Kalkstein, Buntsandstein oder dem raren Schiefer unterschiedlich interpretiert und in Stahl und im Holz ausbaut. Lergenmüller experimentiert auch mit verschiedenen Maischestandzeiten, es sei eine „riesige Spielwiese“. Dabei hört sie auf Intuition und Bauchgefühl: „Ich renne nicht mit dem Mikroskop in den Keller, um Hefezellen zu zählen.“ Die Winzerin will „Charakterköpfe herausarbeiten – nichts ist schlimmer als gefällige Weine“. Dafür gehe sie gern ein hohes Risiko ein: „Alles, was im Wein drin ist, bin auch ich.“

Weinempfehlung:

2018 Riesling Burrweiler Schäwer € 25,50

2018 Riesling Sankt Annaberg Terrassenlage € 11

Die Schwestern Karoline und Dorothee Gaul aus der Pfalz

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Die Pfälzer Winzerinnen Karoline und Dorothee Gaul aus Sausenheim vom Weingut Gaul

Mutig sind sie, die „Gaul Sisters“, wie Karoline und Dorothee Gaul aus Sausenheim im Nordosten der Pfalz genannt werden. Als ihr extravaganter Probierraum nach zwei Jahren Bauzeit 2015 fertig war, „da mussten wir uns einiges anhören“, sagt Karoline Gaul, Jahrgang 1983. Der orangefarbene Stahlkubus, der aussieht, als wäre er „vom Himmel gefallen und mitten im Grünen gelandet“, entfachte reichlich Diskussionen.

Der steht schon lange vor Ihnen

Aber die Schwestern hatten schon ganz anderes durchgestanden. 2008 erkrankte ihr Vater Karl­-Heinz schwer, so mussten sie schon damals Verantwortung übernehmen, „früher als gedacht“. Beide studierten damals noch, dazu kam die Arbeit im Gut. Im Rückblick sei das „ganz schön hart gewesen“, sagt die drei Jahre jüngere Dorothee Gaul, die sich inzwischen um den Keller kümmert, während ihre Schwester Verkauf und Vermarktung steuert. Als der Vater 2011 starb, übernahmen die Töchter kurzerhand das Weingut, auch wenn man, wie Dorothee Gaul sagt, „einem Mann mehr zugetraut hätte als zwei Schwestern“. Noch immer kommen Kunden und Vertreter, bauen sich vor den Frauen auf und verlangen forsch nach dem Chef. „Der steht schon lange vor Ihnen“, erwidert dann die resolute Karoline Gaul. Als Frau in der Branche muss man schlagfertig sein, um sich zu behaupten. Die beiden werden dabei von ihrer Mutter Rosemarie unterstützt, inzwischen 70 Jahre alt.

Nur billige Schoppenweine

Es dauerte, bis sich einige Stammkunden an die neue Stilistik gewöhnt hatten: Früher fielen die Weine opulenter, süßer und fruchtiger aus, heute sollen sie die „Steinigkeit“ der Böden zeigen. Die 20 Hektar Reben stehen überwiegend auf kalkigem Grund. Die Stöcke müssen mühsam von Hand gepflanzt werden, „man sieht vor lauter Steinen die Erde nicht“, sagt Dorothee Gaul. Das Leiningerland, zu dem Sausenheim zählt, wurde lange Zeit belächelt und stand im Ruf, nur billige Schoppenweine zu liefern. In Zeiten des Klimawandels werden die Lagen in der kühleren Nordpfalz immer mehr zum Vorteil. Aber es gebe immer noch Winzer, weiß Karoline Gaul, die behaupteten, „dass nur in der Südpfalz gute Weine wachsen“.

Das stachle ihren Ehrgeiz noch zusätzlich an, der sich in ihren straffen, mineralischen Rieslingen zeigt, aber auch in den finessenreichen Burgundern. „Dass die richtig gut sein können, kriegen wir auch noch in die Köpfe der Leute rein“, sagt Karoline Gaul selbstbewusst, während die Mutter hausgebackenen Apfelkuchen aufträgt. Bald schweifen die Gedanken zum viel zu früh gestorbenen Seniorchef. Wenigstens habe er noch erlebt, dass sich das Weingut entwickelte, wie es sollte, sagen seine couragierten Töchter: „Er war mächtig stolz auf uns.“

Weinempfehlung:

2018 Riesling Hütt € 13

2018 Weißer Burgunder Zugpferd € 19,50

Die Pfälzer Gefühlswinzerin Regine Minges

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Winzerin Regine Minges von Weingut Theo Minges aus der Pfalz

Da ist die Sache mit den Gedichten, die Regine Minges von anderen Winzern abhebt. Zweimal im Jahr, wenn der Kundenbrief ansteht, fängt sie an zu dichten. Dann bringt sie ohne langes Grübeln ihre Gedanken zu Papier: „Der Weg von der Traube zum Wein/ ist wie der Weg vom Werden zum Sein“, schreibt sie etwa. Regine Minges weiß, dass sie deswegen auch „als altmodisch belächelt“ wird. „Jeder hat seine Marotten“, sagt die Winzerin, „das ist eine von meinen.“ Ihre Weinlyrik ist jedenfalls eine auffallend eigenständige Form des Ausdrucks in der Ära der Smartphone­-Winzer.

Wir arbeiten nicht nur, um etwas zu produzieren

Die Kunst hat ihre Familie geprägt, der Großvater Theo war ein bekannter Bildhauer, in dieser Aura ist sie aufgewachsen. Minges, Jahrgang 1987, malt und fotografiert auch, liest meistens mehrere Bücher parallel. Weinbau versteht sie nicht zuletzt als schöpferisches Handwerk und zitiert dazu gern den französischen Maler Eugène Delacroix: „Wir arbeiten nicht nur, um etwas zu produzieren, sondern auch, um der Zeit einen Wert zu geben.“ Es ist ein lebhafter Kosmos aus Poesie, Esoterik und Genuss, in dessen Mittelpunkt der Wein und gutes Essen stehen - und die Tochter Annelie, die 2018 geboren wurde. „Ich bin sehr stimmungsgetragen“, sagt Regine Minges, „ein Herzmensch, neugierig, impulsiv und sehr emotional.“

So temperamentvoll und aufbrausend wie du

Mit ihrem Vater Theo leitet sie gemeinsam das Gut mit 25 Hektar, das seit 2010 biologisch zertifiziert ist. Ihren ersten Wein erzeugte sie 2007, als ihr Theo Minges eine Parzelle mit Scheurebe überließ, die sie mit äußerster Sorgfalt pflegte. „Scheurebe“, habe der Vater gesagt, „ist so temperamentvoll und aufbrausend wie du. Zeig mal, wie du damit zurechtkommst.“ Das Ergebnis war beeindruckend. Um ihren Horizont zu erweitern, arbeitete Minges auch beim biodynamischen Winzer Valentin Zusslin im Elsass, wo sie geputzte Rinderdärme mit Schafgarbe füllte und im Weinberg vergrub. Nicht alles an der Biodynamie erschließe sich ihr, sagt sie, aber ihr Puls schlage „im Takt der Natur“. Deren Energie wolle sie „als Mediatorin in die Flasche bringen.“

Man erkennt immer die Winzerin dahinter

Im Keller arbeitet sie „sehr reduziert“, schreibt die Gärkurven der Weine noch von Hand auf eine große Tafel. Ihrem Gefühl traut Minges mehr als computergesteuerter Technik. Dabei entstehen Weine von großer natürlicher Balance, die einen nie kalt lassen, man erkennt immer die Winzerin dahinter. Ganz besonders beim „Froschkönig“, einem Riesling, der sie „sehr berührt“ und den sie nicht an Gäste ausschenkt, die keine Zeit mitbringen, um sich auf ihn einzulassen. Denn halbe Sachen kann Regine Minges nicht leiden: „Ich mache Beziehungsweine und keine oberflächlichen Flirtweine.“

Weinempfehlung:

2015 Riesling Froschkönig € 17

2018 Gleisweiler Scheurebe € 8

Winzerin Yvonne Libelli steckt voller Tatendrang

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Die Winzerin Yvonne Libelli vom Weingut Margarethenhof

Yvonne Libelli ist nicht zu bremsen: Voller Tatendrang kehrt sie nach einem langen Tag auf den Margarethenhof in Forst zurück, mit vielen Ideen im Kopf. Nach getaner Arbeit im Keller hat sie noch das Seminar „Unternehmertraining für mehr Erfolg und Lebensqualität“ besucht, das vom Netzwerk Vinissima angeboten wurde – ausschließlich für Win­zerinnen. Bei Vinissima ist Libelli auch als Regionalsprecherin aktiv, außerdem arbeitet sie drei Tage in der Woche als Kellermeisterin im Weingut der Lebenshilfe in Neustadt, wo Menschen mit Behinderung mitwirken. Manchmal geht sie noch mit anderen Winzerinnen zum Klettern in einen nahen Sandsteinbruch. Dazu fehlt aber gerade die Zeit, denn seit vorigem Sommer führt sie gemeinsam mit ihrem Bruder Martin Lucas den Margarethenhof.

„Jetzt bin ich so richtig Chefin!“, sagt die fröhliche und quirlige Pfälzerin, Jahrgang 1986. Ihr zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder ist vor allem für die Weinberge zuständig, während sie im Keller arbeitet. Libelli kann aber auch draußen einspringen, und die Männer im Dorf staunen nicht schlecht, wenn sie kurzerhand am Traktor das Fräsmesser wechselt. Selbst ist die Frau, das ist ihre Devise, sie habe sich schon viel Blödsinn anhören müssen von Männern, die meinen, dass „die Mädels Büro und Marketing machen sollen“.

Großartiges Terroir

Forst ist für seine Rieslinge bekannt, und Yvonne Libelli kann auf 17 Hektar Weinberge in einigen der besten Lagen der Mittelhaardt zurückgreifen: Ungeheuer, Pechstein, Jesuitengarten und Musenhang, ein „großartiges Terroir“, in dem Buntsandstein, Basalt, Muschelkalk, Löss und Ton zu finden seien. Die Unterschiede der einzelnen Lagen will sie im Wein „noch stärker hervorheben“ als ihre Eltern; deren Rieslinge seien fruchtiger und süßer ausgefallen.

In den Satteltaschen zu den Kunden

Es gab im Margarethenhof einige Diskussionen, ehe das Geschwisterpaar seine Neuerungen umsetzen konnte. Inzwischen werden die Trauben möglichst schonend gelesen, die Weine bekommen reichlich Zeit, sich zu entwickeln. Die Eltern füllten sie stets pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ab und lieferten sie dann auch noch persönlich aus. Das hat Tradition in der Familie, Opa Günther brachte seine ersten Flaschen einst in den Satteltaschen seines Fahrrads zu den Kunden. „Ich sehe mich nicht monatelang durch Deutschland kurven“, kündigt Yvonne Libelli die nächste Veränderung an.

Mit filigranen Rieslingen in den Vordergrund

Im Keller steht auch ihr Hochzeitsfass; ihren Mann, den italienischen Winzer Nicola Libelli, Kellermeister im Gut Dr. Bürklin-­Wolf in Wachenheim, hat sie 2017 geheiratet. Mit ihren filigranen Rieslingen hat sich Yvonne Libelli an der mit Spitzengütern dicht besetzten Mittelhaardt beharrlich in den Vordergrund geschoben. Sie sei sehr begeisterungsfähig, könne aber auch schnell ungeduldig sein, sagt die Winzerin, die zukünftig noch „mutigere und wildere Weine“ erzeugen will.

Weinempfehlung:

2018 Riesling Ungeheuer € 14

2018 Riesling Pechstein € 17

Die Pfälzer Winzerin Sophie Christmann hat alles in der Hand

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Winzerin Sophie Christmann von Weingut Christmann aus der Pfalz

Bereits in der Grundschule schrieb Sophie Christmann ihren Freundinnen ins Poesiealbum, sie wolle Sommelière werden. Toll fand sie daran, dass man „da viel Wein und Essen probieren kann und den Leuten empfiehlt, was zueinander passt“. Um Essen und Trinken dreht sich vieles bei ihr, schon am frühen Morgen hat sie zwölf Portionen Linsensuppe für ihr Team gekocht. Natürlich mit Fleischeinlage, man ist schließlich in der Pfalz.

Die Finesse der Burgunder

Sophie ist das älteste von vier Kindern im Weingut, das ihr Vater Steffen an die Pfälzer Spitze geführt hat; er ist auch Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Nachdem Sophie Christmann in Geisenheim und Berlin Weinbau und Agrarökonomie studiert hatte, kehrte sie im Frühjahr 2018 nach Gimmeldingen zurück – ihr Vater hatte noch gar nicht mit ihr gerechnet. „Ich habe keine Zeit zu verlieren“, sagt Sophie Christmann, gerade mal 26, sie wolle schließlich etwas bewegen. Immerhin braucht sie keine Aufbauarbeit zu leisten wie andere Winzerinnen in ihrem Alter: Christmanns Rieslinge zählen zu den besten im Land, die Weinberge werden schon seit 2004 biodynamisch bewirtschaftet und liefern „perfekte Trauben“. Aber vor allem beim Spätburgunder sieht sie Nachholbedarf, dem hat sie sich mit voller Energie verschrieben. Sie erntet die Trauben früher als ihr Vater und lässt sie nicht so lange auf der Maische liegen, die Extraktion erfolge „kontrollierter und vorsichtiger“, was sich auf die Finesse der Burgunder auswirke.

Eine Frauenquote brauchen die Christmanns nicht

„Ich habe das große Glück“, sagt Sophie Christmann, „dass ich in kurzer Zeit etwas ändern kann“ – selbst wenn mancher denke, es müsse schwierig sein, sich neben einem „Präsidenten­-Vater“ zu behaupten. „Wir streiten um Details, weil wir sonst nichts finden“, sagt die Winzerin, für die es nie eine Frage gewesen sei, ob sie das Weingut führen könne: „Ich bin mit diesem Verständnis aufgewachsen.“ Schließlich ist sie schon die vierte Frau, die das Gut leiten wird, das seit acht Generationen besteht. Eine Frauenquote brauchen die Christmanns nicht, da sind sie ihrer Zeit voraus.

Premium­-Sekt aus biodynamischem Anbau

Sophie Christmann ist auch vorn dabei, wenn im Hof des Guts Rindermist in Kuhhörner gestopft und dabei Bier getrunken wird. Biodynamisch zu arbeiten sieht sie als „Möglichkeit, die großen Terroirs zu zeigen“, vor allem den Ausdruck des Idig. Dieser „Familien-­Weinberg“ im 21 Hektar großen Lagenportfolio ist untrennbar mit den Christmanns verwoben. „Er ist mit uns groß geworden“, erklärt die eloquente Winzerin, die auch darüber hinaus neuen Elan entfacht an der Mittelhaardt: Gemeinsam mit Mathieu Kauffmann, einem der besten Schaumweinhersteller im Land, will sie Premium­-Sekt aus biodynamischem Anbau erzeugen. Sie sei gerade „ziemlich enthusiastisch unterwegs“, sagt Sophie Christmann, „mit der Chance, etwas Einzigartiges zu schaffen.“

Weinempfehlung:

2018 Riesling Kapellenberg Gimmeldingen € 24

2017 Spätburgunder Idig Großes Gewächs € 65

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