Interview mit Hermann Bareiss

Herr Bareiss, was einem bei Ihnen schon beim Frühstück auffällt: Zwei Mitarbeiterinnen sind dafür zuständig, Gästen das Brot zu schneiden, Säfte werden auf Wunsch individuell gepresst, und es wird notiert, ob das Ei drei oder fünf Minuten kochen soll. Rechnet sich das?
Hermann Bareiss: Erlauben Sie, eine andere Perspektive vorzuschlagen: Womit rechnet der Gast, wenn er ins Bareiss kommt? Ich glaube, genau damit, was Sie erlebt haben: dass seine Gastgeber mit maximaler Rücksicht seine ganz eigenenund persönlichen Wünsche erfüllen. Da gibt’s kein „Geht nicht“. Jeder einzelne Gast ist wer. Und die Liebe zum Gast erweist sich in solchen Details. Deswegen sind Aufmerksamkeit, Zuwendung und Herzlichkeit der Mitarbeiter das Entscheidende. Und die beginnt bei uns, wenn die Gäste vorfahren, der Page ihren Wagen öffnet und sie mit ihrem Namen begrüßt: Die Gäste sind in ihrem Ferienzuhause angekommen und willkommen geheißen. Das Herz geht ihnen auf.
Auffallend viele junge Menschen arbeiten bei Ihnen, und viele Mitarbeiter sind sehr lange dabei: Claus-Peter Lumpp ist seit 34 Jahren Küchenchef, Thomas Brandt seit 31 Jahren Restaurantleiter, Stefan Leitner seit 25 Jahren Patissier. Was ist Ihr Rezept?
Das Glück und die Zufriedenheit jedes Mitarbeiters. Nur wer selbst glücklich ist, kann andere glücklich machen. Das spüren die Gäste. Jeder Mitarbeiter hier gibt alles und sein Bestes, um das Bareiss zu dem zu machen, was es ist. Dafür hat er von unserer Familie in vielfältigster Weise alle Dankbarkeit und alle Wertschätzung. Und daher kommt diese oft langjährige Loyalität und Treue, die Sie ansprechen.
Glücklich macht die Gäste auch das Gourmetrestaurant, seit vielen Jahren eines der besten im Land.
Danke für das Kompliment! Vielleicht zwei Anmerkungen. Liebe geht durch den Magen, auch die Liebe zum Gast. Deswegen war die Gastronomie im Bareiss immer ein Teil seiner Identität und seines Erfolgs. Gourmet-Gastronomie im Besonderen kann es, glaube ich, nur als Spitzenleistung geben. Dass sich in Baiersbronn gleich drei Häuser mit ihren Top-Leistungen exponieren, ist der größte Glücksfall für den Ort und noch mehr für seine Gäste.
Kochen Sie selbst? Gibt es SignatureGerichte von Hermann Bareiss?
Tatsächlich, ja, ich habe eine Kochlehre gemacht. Und in den 70ern waren bei den Bareiss-Gästen die Rehmedaillons mit gebratener Gänseleber und vor allem die Flambées so etwas wie Signature-Gerichte des jungen Hausherrn. Heute macht es mir immer noch große Freude, ab und zu für die Familie oder Freunde zu kochen. Einer von ihnen hat sich zum Geburtstag einmal eine Paella gewünscht. Da habe ich dann Augen leuchten sehen können.
„Routine und Hochmut - sie muss ein Unternehmer fürchten wie der Teufel das Weihwasser.“
Ihre Mutter, Hermine Bareiss, hat mit der Gründung des Kurhotels Mitteltal 1951 den Grundstein für die Erfolgsgeschichte des Hauses gelegt. Wofür sind Sie ihr besonders dankbar?
Ich habe sie immer bewundert für ihren Durchhaltewillen, ihre Tatkraft und ihren Unternehmergeist. Sie und ihre Geschwister wuchsen bescheiden auf einem Bauernhof bei Stuttgart auf, ihre Mutter war Kriegerwitwe. Auch mein Vater ist im Krieg gefallen, und so führte sie zunächst einen Landgasthof hier in Mitteltal, als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Mit ihren Ersparnissen und einem kleinen Kredit wollte sie sich eine kleine Pension in sonniger Lage bauen lassen. Das war ihr Traum. Der Architekt hat dann aber ein recht großes Hotel gebaut, das als Kurhotel Mitteltal 1951 eröffnet wurde. Das Haus, sozusagen aus dem Stand zu führen, war natürlich eine Herausforderung. Aber mit dem Sommer 1953 ging es nach zwei Jahren schon gut bergauf. Anfang der 90er-Jahre haben wir das Hotel auf den Namen der Familie benannt. Eine Hommage auch an meine Mutter, wenn Sie so wollen.
Und Sie als Sohn haben alle Höhen und Tiefen miterlebt.
Mit 12 habe ich alles mitbekommen, was sie beschäftigte, was ihr Sorgen machte. Sie hat mit mir wie mit einem Erwachsenen gesprochen, der ich natürlich noch nicht war. Aber so habe ich schon früh gelernt. Gerade auch von ihrer Unnachgiebigkeit. In den 50ern war von Emanzipation ja keine Rede. Was galt eine Frau in der Welt von Männern? Niemand in den Gemeinde-Institutionen hat meiner Mutter zugetraut, dass sie durchhält. Aber sie hat nicht aufgegeben, vor keinen Problemen gescheut, sich nicht ins Private zurückgezogen. Das Hotel war ihr Leben, sie war seine Seele, eine große Persönlichkeit.
Nachdem Sie das Hotel mit Ende 20 übernommen haben, waren Sie immer innovativ, Sie haben etwa als einer der Ersten in Deutschland 1968 ein Hallenbad gebaut, was für Furore sorgte.
Als ich 1966 zurückkam, war mir eins ganz klar: Als quasi namenloses Kurhoteln an einem namenlosen Standort gehen wir im Beliebigen unter. Um auch wirtschaftlich zu überleben, war die Alternative: entweder an die Spitze – oder schließen. Maßstäbe waren für mich die damals unglaublichen Standards im asiatischen Markt und das seinerzeit legendäre Bachmair am Tegernsee, wo ich Direktionsassistent war.
Sie haben das ganze Hotelareal dann Schritt um Schritt vergrößert.
Sie müssen sich vorstellen: Wenn Sie Ende der 60er einen Schritt vors Hotel gesetzt haben, waren Sie schon nicht mehr auf unserem Grund und Boden. Wir waren von allen Seiten „zu“. Im Lauf der Jahre war es dann möglich, Zug um Zug angrenzende Grundstücke zu erwerben. Was nur möglich war, weil wir immer ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn gepflegt haben und das Vertrauen der Banken hatten. Die Mitteltäler waren stolz auf „ihr“ Kurhotel und seinen wachsenden Erfolg in ihrem Mitteltal. Und der auch wirtschaftliche Erfolg hatte bei den Banken eine Bonität zur Folge, aufgrund der wir Jahr für Jahr investieren konnten. Nicht nur in Grundstücke, sondern auch in die stete Weiterentwicklung des Wohnkomforts, des Wellnessbereichs, der Ferienangebote und so weiter.

