Made in China: Wein von Lenz Moser

Lenz Moser spricht über Erfahrungen mit Chinas Traditionen und Tempo.

Lenz Moser_Wein_China

Herr Moser, Sie sind der einzige deutschsprachige Winzer, der in China Wein anbaut. Wie kamen Sie von Krems nach Ningxia?

Eigentlich wollte ich der Exportmanagerin des Guts Changyu in Ningxia nur meinen Wein verkaufen, und zwar den Grünen Veltliner 2005. Dann habe ich aber auch mein Know-how angeboten in Sachen Export, Verkauf und Marketing, meine Frau und ich haben uns außerdem in die Gegend im Nordwesten verliebt. Den Chinesen fehlte damals der internationale Kontext, viele hatten nie Weine aus dem Ausland probiert. Das war so ähnlich wie bei uns in Österreich nach dem Krieg. Irgendwann war ich vom ausschließlichen Export frustriert, und der Geschäftsführer des Guts bot mir an, eigenen Wein zu machen. Die ersten zehn Jahre waren eine harte Lernkurve für mich: die Kultur verstehen, Vertrauen gewinnen, Beziehungen festigen ...

Zum Beispiel?

Es gibt die Tradition, immer vor dem Mondfest im September die Ernte einzubringen. Aber da waren die Trauben oft noch gar nicht reif. Ich hätte es nie geschafft, diese Regel zu brechen, wenn mir nicht zufällig zwei Regengüsse in die Hände gespielt hätten, um die Ernte nach hinten zu verschieben. Der Wein genügte den Bedürfnissen des Inlandsmarktes, aber nicht international. Das Ziel von Changyu war jedoch, im Ausland als „Best of China“ anerkannt zu werden. Dafür musste ich viel verändern.

Ist es für ein Weingut in China so wichtig, in Europa und in den USA anerkannt zu sein?

Oh ja, die Devise lautet: Wir gehen ins Ausland, holen uns dort die guten Noten und kehren erst dann mit unseren Weinen nach Hause zurück. Auf diese Weise hat man es auf dem heimischen Markt deutlich leichter.

China hat noch viel aufzuholen beim Weingenuss.

1,5 Liter Wein trinkt jeder Chinese statistisch im Jahr. Wenn man bedenkt, dass es in Deutschland 25 und in England 50 Liter sind, sieht man, wie groß das Potenzial ist.

Mit welchen – falschen – Vorstellungen sind Sie nach China gereist?

Ich kam mit europäisch unterlegter Arroganz dorthin und war überrascht, wie gut ausgebildet und ehrgeizig die Menschen sind. Ich dachte, ich würde noch Mao-Anzüge sehen. Vor allem Frauen sind auf dem Vormarsch, meine Hauptkonkurrenz sind die vielen top ausgebildeten Kellermeisterinnen anderer Güter. Die Leute arbeiten sehr akribisch. Stellen Sie sich vor: Man gräbt die Reben im Winter ein wie ein Spargelfeld und flutet sie mit Wasser, sodass der lehmige Boden gefriert wie ein Eiswürfel. So kommen die Reben geschützt durch den Winter und werden im Frühling wieder ausgegraben. Und mich verblüfft die Geschwindigkeit: Wenn eine Entscheidung gefallen ist, dann wird sie sofort umgesetzt. Auch mich fragt mein Geschäftsführer ständig, warum ich dies und das noch nicht gemacht habe. Alles soll bis morgen fertig sein; auch am Wochenende wird gearbeitet. Dahinter steckt der unglaubliche Ehrgeiz, der Welt zu zeigen, wie toll man ist. „Reich der Mitte“ – das heißt ja auch, dass China sich als Mittelpunkt sieht. Auch beim Wein will das Land den Anschluss an die Weltspitze schaffen.

Die Weinkultur wird also staatlich verordnet?

So kann man das sehen. Der Staat schafft die Rahmenbedingungen für den Aufschwung in der Weinwirtschaft, gezielt werden Önologen ausgebildet. In unserer kleinen Region Ningxia etwa, die früher ein bettelarmes Kohlerevier war, wurde jüngst eine eigene Uni für Weinbau gegründet, die eine Kaderschmiede sein soll wie Davis in Kalifornien. Es gibt günstige Kredite für Privatleute, die Güter kaufen wollen, Holzfässer werden zu guten Preisen verliehen. Ein Weingut zu haben, gilt als Statussymbol und als ultraschick.

Wein ist natürlich auch gesünder als der Schnaps, der traditionell in China getrunken wurde.

Allerdings, die Volksgesundheit spielt auch eine Rolle. Schon Deng Xiao-Ping wollte den Konsum der harten Schnäpse aus Reis und Getreide eindämmen, wollte, dass seine Landsleute die Körner lieber essen als brennen. Auch Präsident Xi ermuntert die Menschen ganz offiziell zum Weingenuss. Mit Blick auf das French paradox – längere Lebensdauer trotz Alkoholkonsum – gilt Rotwein als gesund, schließlich schreiben die Chinesen jedem Essen eine Wirkung zu. „Good for Health“, heißt es immer bei jedem Bissen.

Sind die Lieblinge weiterhin die teuren roten Franzosen?

Ja, denn Frankreich ist auch das erste Ziel eines Chinesen, der ins Ausland fährt. Bordeaux gilt als Ikone, gefolgt von Burgund, dann kommt lange nichts. Ich war schon bei vielen Privatleuten in Ningxia eingeladen, die mir ihre Keller gezeigt haben – voll mit Romanée Conti & Co. Château Lafite ist der Star, nicht nur, weil sich der Name so gut aussprechen lässt. Es war das erste Weingut aus Europa, das Ende der 70er-Jahre nach China kam. Die haben 20 Jahre lang kein Geld verdient, einfach nur Präsenz gezeigt, ausgebildet, trainiert, ausgeschenkt. Das vergessen die Chinesen nicht. Deutschland wird eher für Autos geliebt. Aber ich denke, dass der Weißwein langfristig auch Chancen hat, halbtrockener Riesling mit viel Frucht passt ja gut zum Essen.

Ist Weingenuss also ein Privileg der Oberschicht?

Nein, Wein ist als Statussymbol in der Mittelschicht angekommen. Wein zu trinken, sich auszukennen, das gilt als Zeichen für den sozialen Aufstieg. Das Wissen um Wein wächst, es gibt viele chinesische Weinblogger mit Millionen Followern. Und jedes Jahr gehen rund 700.000 chinesische Studenten nach Europa, Australien oder in die USA. Sie kommen mit Erfahrungen und Bedürfnissen in Sachen Lifestyle zurück, wollen in China genauso in Weinbars gehen, Wein genießen – und schieben so auch den Wandel an.

Gibt es trotzdem noch das berüchtigte Gambai-Ritual, bei dem ein volles Glas in einem Zug geleert werden muss?

Ja, das ist in China eine Form der Höflichkeit und Ehrerbietung.

Wird man da nicht schlagartig betrunken?

Nein, aber selbst wenn, ist das in China kein Problem, das steigert sogar noch das Ansehen der Person. Meine Erfahrung ist, dass Chinesen Alkohol schnell zu Kopf steigt, sie werden aber nie aggressiv, bleiben immer nett und höflich.

Wenn schon nicht mit zu viel Alkoholgenuss, womit kann man sich sonst bei Tisch blamieren?

Niemals die Nase putzen, aber rülpsen und schmatzen ist in Ordnung. Und immer lächeln, nie bös gucken, dann läuft es schon. Die Chinesen sind uns ja wohlgesonnen, sagen immer: Ihr in Europa mit eurem Easy Life, ihr habt’s geschafft.

Gibt es auch schon Weintourismus in China?

Man hat ein typisches Weindorf wie an der Loire pompös nachgebaut, um europäischen Lebensstil zu demonstrieren. Ansonsten richten sich die Weingüter gerade erst auf Besucher ein. Stellen Sie sich vor, auf Changyu haben wir 100.000 Touristen im Jahr, aber bisher kam niemand auf die Idee, denen auch nur einen Schluck zum Probieren anzubieten. Da ist noch viel zu tun.

Ist Bio-Anbau ein Thema?

Ich habe mich bewusst für Ningxia entschieden, weil dort ein Wüstenklima herrscht. Es gibt keine Schädlinge, keine Rebkrankheiten, wir brauchen daher keine Pestizide. Und im weiten Umkreis ist keine große Stadt mit Smog oder Abgasen.

Müssen sich europäische Weingüter also warm anziehen?

Ach nein, es wird ein neuer Wettbewerber entstehen, der einen neuen Stil einbringt – wenn er es klug anstellt.

Lenz Maria Moser zählt zu den großen Winzern Österreichs. Auf dem chinesischen Chateau Changyu produziert er drei Rotweine (alle Cabernet Sauvignon), einen Merlot-Rosé und zwei Weißweine (Welschriesling und Cabernet Sauvignon Blanc de Noirs), erhältlich in gehobenen Restaurants und im Fachhandel, etwa im Berliner „KaDeWe“.