Netflix-Erfolgsserie „Chef’s Table“ – Interview mit Produzent David Gelb

„Ohne Besteck ist bei uns niemand am Set.“

David Gelb (36), Produzent und Schöpfer der Netflix-Erfolgsserie „Chef’s Table“, spricht im Exklusiv-Interview über die neue Staffel und ihren Einfluss auf die Wahrnehmung von Speisen

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Interview: Julius Schneider

DER FEINSCHMECKER: In der neuen Stafffel, die seit dem 02. September ausgestrahlt wird, geht es um die Wurzeln des Kochens. Warum haben Sie sich für Barbecue entschieden?

David Gelb: Wir wollten uns auf ein bestimmtes Thema fokussieren, obwohl Barbecue ein sehr weiter Begriff ist. Wir zeigen Rosalia Chay Chuc in Mexiko, die alte Kochtechniken verwendet, die bis zu den Mayas zurückreichen. Zwei sehr unterschiedliche Barbecue-Stile sehen wir auch in den USA. Und dann ist da noch Lennox Hastie in Sydney, der diese Technik auf ein neues Level hebt. Genau diese verschiedenen Stile wollten wir zeigen, genauso wie starke, persönlichen Geschichten. Über Opfer, harte Arbeit und Beharrlichkeit. Auch wenn alle Protagonisten und Kochstile unterschiedlich sind, vereint sie etwas zutiefst Menschliches – sie alle versammeln sich gemeinsam um eine Feuerstelle.

Ist diese Staffel auch deshalb etwas Besonderes, weil drei der vier Protagonisten keine ausgebildeten Köche sind?

Ja, denn daran erkennt man, wie sich „Chef’s Table“ entwickelt hat. In den ersten Staffeln zeigten wir Geschichten über Köche, die einen traditionellen Weg gehen. Sie sind lange Zeit Lehrlinge, sammeln Erfahrungen, dann kehren sie mit neuem Wissen an ihren Ursprungsort zurück und kreieren etwas Neues und Fantastisches. Barbecue ist da anders, es folgt nicht den gleichen Regeln einer normalen Küche, denn oft ist es ein Lebensstil, in den man hineinwächst. Solche Geschichten sind eine Bereicherung für die Show.

Was verbindet Barbecue mit Fine Dining?

Die Leidenschaft, die Liebe zum Kochen. Lennox Hastie zeigt, wie er in die Welt der Spitzenküche vordringt und dabei einen experimentelleren Ansatz verfolgt. Er kommt aus der Sterneküche, aber die komplizierten Zubereitungstechniken waren ihm nicht genug auf das Produkt fokussiert. Er kocht in seinem Restaurant jetzt ausschließlich über offener Flamme, sehr direkt, aber mit dem Können eines Spitzenkochs. Andere Köche hingegen versuchen, eine Tradition auf ihre Weise individuell weiterzuentwickeln. In der neuen Staffel sehen wir viel Tradition, viel Leidenschaft.

  1. Rosalia Chay Chuc aus Mexiko gart das Schweinefleisch für Cochinita Pibil in einer Erdgrube; eine Technik, die bis in die Maya-Zeit zurückreicht.
  2. Die Nonne Jeong Kwan aus Südkorea beeindruckte David Gelb nachhaltig.
  3. Der Australier Lennox Hastie kocht auch schon mal draußen, aber noch lieber in seinem Restaurant über offener Flamme – in seiner Küche gibt es keinen E-Herd.

Gibt es einen Koch, der Sie persönlich besonders beeindruckt hat?

Sicher, da gibt es viele. Aber vor allem die Zusammenarbeit mit Jeong Kwan, der koreanischen Nonne in den Bergen Südkoreas, hat mich sehr beeindruckt. Sie bezeichnet sich nicht als Küchenchefin, sie ist ihrer Meditation, ihrer Religion und ihren Mitschwestern verpflichtet. Sie kochen füreinander und unterrichten die Menschen. Das war sehr meditativ. Ganz anders als die ehrgeizigen Köche, die mit viel Energie und Einsatz daran arbeiten, die besten zu werden. Sie ist eine Art Anti-Küchenchefin. Das war sehr bewegend, und wir haben versucht, es in der Episode (Staffel 3) wiederzugeben.

Nehmen Sie durch Ihre Arbeit Essen heute anders wahr als früher?

Ja, es hat mich zum Nachdenken gebracht. Als wir anfingen, wollte ich nur Blauflssenthunfisch essen oder Luxuszutaten wie Gänseleber. Aber mein Horizont wurde schnell erweitert: vor allem durch die Zusammenarbeit mit Köchen wie Alain Passard. Er zeigt, dass eine Schalotte das Herzstück eines Gerichts sein kann, mit viel Liebe und Leidenschaft gekocht. Solche Lektionen waren wie eine Offenbarung für mich und haben meine Sicht aufs Essen völlig verändert.

Früher wurde in Kochsendungen meist etwas zubereitet und erklärt. Warum haben Sie ein neues Format kreiert?

Was es im Fernsehen gibt, ist schon interessant, aber wir wollten mehr über den Charakter eines Kochs erzählen und das in einem lmischen Stil. „Chef’s Table“ ist deshalb keine klassische Kochsendung, wir wollen nicht zeigen, wie etwas gekocht wird, sondern warum. Wir finden Köche sehr interessant, sie sind gute Geschichtenerzähler und haben viel erlebt. Das macht sie zu sehr spannenden Menschen.

Wie viel Arbeit steckt in der Auswahl eines Küchenchefs für eine Staffel?

Sehr viel. Es ist schwierig, eine Auswahl zu treffen, weil wir nur wenige Folgen pro Staffel haben. Deshalb geben wir uns viel Mühe, um sicherzustellen, dass wir die besten Geschichten erzählen können. Trotzdem hat man das Gefühl, dass es nie reicht, weil es so viele großartige Köche gibt.

Was ist wichtiger, die Art der Speise oder der emotionale Aspekt?

Wir konzentrieren uns auf die Geschichte. Wir glauben, dass sie den Speisen Kontext gibt, sie viel interessanter macht. Schönes Essen sieht man viel im Fernsehen, aber wir versuchen, ihm eine emotionale Seite hinzuzufügen, die Geschichte dahinter eben. Wenn wir Köche auswählen, achten wir darauf, solche zu finden, die eine eindrucksvolle Story haben und die bereit sind, diese ehrlich und aufrichtig zu erzählen.

Kam es vor, dass Sie privat in einem Restaurant dachten: Wow, dieser Koch sollte Teil von „Chef’s Table“ sein?

Das ist ein- oder zweimal passiert. Aber wichtiger ist die Recherche, die wir vorher machen. Wir lesen alles Mögliche über Köche, wir haben Experten, die Empfehlungen geben, Köche empfehlen sich gegenseitig, und von diesem breiten Ansatz aus grenzen wir die Auswahl dann ein. Wir suchen immer unterschiedliche Geschichten, wollen ethnische und geografische Vielfalt. Die Köche sollten sich auch in verschiedenen Stadien ihrer Karriere befinden, verschiedene Arten von Lebensmitteln zubereiten.

Freuen sich die Köche, wenn sie von Ihnen angefragt werden?

Es ist immer unterschiedlich. Einige verstehen sofort, wie die Serie ihr Geschäft bereichern kann, andere sind nicht daran interessiert, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber um ehrlich zu sein, sind Letztere für uns oft viel interessanter: Denn wir wollen ja genau jene Köche, die so beschäftigt und leidenschaftlich bei der Arbeit und so erfolgreich sind, dass sie eigentlich keine Zeit für etwas anderes haben. Dann müssen wir verhandeln, und manchmal sind es auch jüngere Familienmitglieder, die uns helfen, den Koch zu überzeugen.