Virtuose der Aromen: Tony Hohlfeld im Porträt

Das Lieblingsgewürz von Tony Hohlfeld?

„Der Geschmack muss Druck haben!“, sagt Tony Hohlfeld. „Er muss zudem ein wohliges Gefühl von Befriedigung hinterlassen“, ergänzt Sommelière und Lebenspartnerin Mona Schrader. Hat der Küchenchef ein Lieblingsgewürz? „Salz! Ich mag Salz. Natürlich muss man aufpassen damit. Aber nichts schlimmer, als wenn man nachsalzen möchte.“
Steckbrief Tony Hohlfeld
Wie geht „Jante“-Küche?
Er möchte nicht zur weiteren Überfischung der Meere beitragen, erklärt Tony Hohlfeld. Lieber kauft er heimische Süßwasserfische, zum Beispiel Aale aus dem nahen Wedemark oder Zander aus dem Müritzsee in Mecklenburg-Vorpommern. Zu fast jedem Gericht im Jante gibt es eine vegetarische oder vegane Variante. Der Blick in die Biotonne der Küche sagt auch viel aus. Sie ist wenig ausgelastet. „Wenn wir die zu einem Drittel füllen, ist das schon viel“, sagt Tony Hohlfeld und erläutert seine Alternativen: Es sei viel effektiver, Gemüseabschnitte zu putzen, einzulegen, zu dörren und zu Würzpulver zu mahlen, das dann beispielsweise über die aufgeschlagene Butter zum hausgemachten kleinen Sauerteigbrot gepudert wird. Dieser heißt Daffi und ist von Anbeginn, seit 2015, Teil der Jante-Philosophie: „Er reift mit uns.“
Tony Hohlfeld der Geschmacks-Tüftler
Fermentieren ist ein großes Thema: Mit dieser Technik gewinnt Hohlfeld auch die Basis für verblüffende, zu jedem Gang maßgeschneiderte kraftvolle Säfte. Souverän begleiten sie ein ganzes Menü. Nicht nur für Autofahrer. Hohlfeld forscht als Geschmacks-Tüftler so lange, bis er die ideale Vielstimmigkeit der Aromen dingfest gemacht hat. Das ist ein generelles Anliegen von Tony Hohlfeld, für dessen Küche es keine Schlagworte braucht – hochwertigste Produkte aus möglichst geringer Entfernung und große Kreativität kann man ohnehin voraussetzen. Es dürfen sogar Ingwer, Zitronengras und Feigen in seine Küche. Die bekommt er längst frisch aus der näheren Umgebung. Findige Produzenten machen es möglich.



Feine Küche im Restaurant Jante von Tony Hohlfeld
Wie kocht Tony Hohlfeld?
Zeitgenössische Spitzenküche lässt sich nicht nach Art von „Sauerbraten mit Klößen“ ankündigen. Es ist alles viel, viel komplizierter. Drei Begriffe für die wichtigsten geschmackgebenden Komponenten haben sich bewährt, Details werden am Tisch erklärt: „Eine Reduktion von der Karotte, emulgiert mit einem Öl aus gerösteten Haselnüssen, oben ein Kamillengel, frischer Sauerklee und Karottenstaub, das Ganze sitzt auf einem kleinen Sockel aus Schokolade.“ Donnerknispel! Dieser Winzling zur Einstimmung ist wie ein Urknall an geschmacklicher Tiefe und Intensität. Ein wahres Karottenwunder.
Das folgende „Pilz-Sandwich“ birgt zwischen zwei knusprig-malzig-süßen Blättern aus geröstetem Steinpilzmehl eine cremige, halb gefrorene Füllung, gewonnen aus gerösteten Pilzen, Madeira, Portwein und Butter. Schmeckt fast wie ein Gänseleber-Parfait – und hat bedenkliches Suchtpotenzial.
Großes Kino: die Garnelen aus Süßwasserzucht im westfälischen Gronau. Ihr Fleisch wird mit gekochter Zitrone und Peperoni gebeizt und dadurch wunderbar im Biss. Feine Streifen vom Ingwer aus Hannover und Schnipsel von Esspapier aus Rhabarber krönen die Garnelen, am Tisch angegossen wird ein ungeheuer frischer und animierender Fond aus reduzierter Molke, Zitronengrassaft, Grapefruitöl und Krustentierjus. „Es soll ein wenig an eine Ceviche erinnern“, betont Hohlfeld. Und das tut es auch in Perfektion: jeder Bissen, jeder Tropfen lustvoll, frisch und heiter, die Aromen wunderbar austariert.



Das Team um Tony Hohlfeld sorgt im Restaurant Jante in Hannover für ein stilvolles Ambiente
Wie hat das Jante von Tony Hohlfeld den Lockdown gemeistert?
„Die Corona-Lockdowns haben wir genutzt, um neue Schulden zu machen für unsere Renovierung – neue Möbel inklusive“, erzählt das Paar. Und was hat es mit den im blanken Holztisch integrierten Besteckschubladen auf sich? „Bei vollem Haus hilft es uns im Service enorm, wenn die Gäste sich einfach neues Besteck nehmen, wenn sie es brauchen“, sagt Mona Schrader und lächelt dazu aus ihren saphirblauen Augen. So eine Besteckschublade fördert auch die familiäre Stimmung.
Es passiert vielleicht einmal im Jahr, dass wie bei unserem Besuch kurzfristig ein Zwölfertisch absagt – in diesem Fall, weil Corona die Geburtstagsgesellschaft gesprengt hat. Ein Umsatz-Tiefschlag für einen kleinen Betrieb mit immerhin acht Angestellten. „Wozu aufregen? Es hilft ja nix“, sagt Mona Schrader und öffnet eine Flasche Viura aus Spanien. Die Pandemie hat manche Wirtsleute nicht nur erfinderisch gemacht, sondern auch ein wenig stoisch.
Tony Hohlfeld im FEINSCHMECKER-Podcast
Tipps von Tony Holfeld
Forellenhof der Wedemark
Machwitz Café
Gasthaus Müller
Zu Gast bei Tony Hohlfeld
Konzept: Eine (Genuss-)Welt für sich haben sich Mona Schrader und Tony Hohlfeld in nunmehr zehn Jahren mit ihrem „Jante“ aufgebaut – ein Lokal, das vermehrt internationales Publikum anlockt. Sei es in puncto Küche, Wein oder Flair: Nichts kommt hier von der Stange. Es gibt 4- bis 7-Gang-Menüs. Für Spontanbesuche lockt neuerdings die Bar mit extravaganter Hummer-Trüffel-Kaviar-Snackkarte.
Küche: Getrieben von Eigenständigkeit kann sich Tony Hohlfelds kreative Küche auf internationalem Parkett messen. Seine Kombinationen wie Saibling, Molke und Ingwer oder Pfirsich, Mohn und Radicchio sind auffallend anders, aber nie laut oder provokativ, was an der oft virtuosen Umsetzung liegt: Die Verhältnismäßigkeit der Zutaten zueinander, die Präzision des Handwerks und Qualität der (gerne regionalen) Produkte, sprechen für sich.
Wein: Mona Schrader erfasst die Gerichte ihres Mannes bis ins kleinste Detail und schafft es, mit ausgefallenen Flaschen (gerne aus Deutschland und Österreich) die Aromen von Wein und Gerichten ideal zu verzahnen.
Atmosphäre: Unprätentiöser Service sowie viel Holz, Kerzenschein bereiten den Boden für legeren Hochgenuss. Hinzu kommt Ellenbogenfreiheit, denn die Besteckteile sind zur Selbstbedienung in Schubladen im Tisch untergebracht.
Fazit: Eigenständige Hochküche auf Höhe der Zeit.

