Winzer und Weinhändler in der Krise

Die Einschränkungen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus haben das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand gebracht. Die Winzer stehen mit ihrer Arbeit im Weinberg vor großen Herausforderungen, den Weinhändlern ist das Ladengeschäft weggebrochen

Weinberge_des_Weinguts_L_Andana_Castiglione_della_Pescaia_Toskana_Italien

Freitagabend, 20 März 2020 in Hamburg, die Stadt steht still, Restaurants, Bars und Kneipen haben am Abend geschlossen, Kinos, Theater und Bühnen sowieso. Das Corona-Virus das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht. Es ist 19 Uhr, auf dem Laptop erscheint ein Facebook-Livestream mit Stephanie Döring vom „Weinladen St. Pauli” und Johannes Riffelmacher vom Restaurant „Salt & Silver” in Hamburg. Im Kühlschrank von Weinfreunden in Hamburg stehen sechs Flaschen Wein, kontaktlos wurden sie am Mittag geliefert. Es sind die gleichen Flaschen, die vor Döring und Riffelmacher stehen. Hier findet ein Online-Live-Tasting statt.

An normalen Tagen steht Stephanie Döring freitagabends in ihrer Weinbar im Hamburger Stadtteil St. Pauli, schenkt Weine aus aller Welt in Gläser der durstigen Gäste und führt eine der spannendsten Weinbars in Hamburg. Doch normal ist spätestens seit dieser Woche nichts mehr in Deutschland. Es ist Corona-Ausnahmezustand. Auch Dörings Weinbar hat geschlossen.

Stattdessen stehen beide in einem TV-Studio des Senders „One Hamburg”, sie verkosten Weine, reden über Winzer, Rebsorten und Aromen und natürlich, wie Corona ihren Alltag beeinflusst. Mehrere Hundert Menschen schauen zu und schicken online ihre Fragen. Im Grunde ein Tasting, wie man es oft im Weinladen erleben kann, nur online.

„Wir hatten die Idee bereits vor einem halben Jahr”, erzählt Döring am kommenden Tag. Aber wie so oft, viele Ideen, wenig Zeit. Dann kam Corona. Döring postet im Schnellschuss das Angebot in den sozialen Medien: „6 Weine, 65 Euro, Live-Tasting”. „Wir waren von der Anzahl der Bestellungen komplett überrascht”, sagt sie. Die gesamte Woche packen sie Kisten und liefern in Hamburg persönlich aus, die Weine werden vor der Haustür abgestellt.

Wie kann das Geschäft weiter bestehen?

Auch die Weinbranche trifft Corona hart. Händler, Winzer, Restaurants und PR-Agenturen gehen unterschiedlich mit der Krise um. Döring hat mit dem „Weinladen St. Pauli” einen guten Überblick über die aktuelle Situation. Ihr Hauptgeschäft sind zwei Weinbars in Hamburg und Köln. Ihr „Weinladen” ist tagsüber ein Ladengeschäft, abends wird es zur Bar. Außerdem betreibt sie einen Onlineshop und liefert Weine an gastronomische Betriebe.

„Die Schließung der Bars war bitter”, sagt Döring. Ihre Lieferungen an andere Gastrobetriebe brachen ein, die Fixkosten, Miete und Gehälter aber bleiben. Döring muss liquide bleiben. Also entstand die Idee mit dem Online-Wein-Tasting, die zum Erfolg wurde. Jetzt geht es weiter: Der Onlineshop wird stärker beworben und ausgebaut, ein weiteres Tasting wird am 3. April folgen. Der Weinladen macht zwei Stunden am Tag auf, dann können Kunden Weine mitnehmen – in gebührendem Abstand. Sie denke und entscheide von Tag zu Tag, sagt Döring. Sie hatte Glück, dass sie schnell reagieren konnte. „Ich bin aktuell traurig und euphorisch zugleich”, beschreibt sie die Lage.

Online wird weiter bestellt

Weniger betroffen ist derzeit noch der Onlinehandel. „Lobenberg” und „Hawesko” berichten dem FEINSCHMECKER, dass ihre Umsätze im Endkundengeschäft stabil sind. Wein wird weiter gekauft, teilweise sogar vermehrt im Internet, da die Weinläden geschlossen haben oder die Kunden zu Hause bleiben möchten. Das ist ein erster Eindruck. Mittelfristige Entwicklungen lassen sich erst in einigen Wochen feststellen. Doch auch für die Händler fehlt ein wichtiger Kunde: „Die Gastronomie ist im Lock-Down”, sagt Heiner Lobenberg, einer der wichtigsten Händler für Premiumweine in Deutschland. „Da bestellt keiner mehr, die Gastronomen bitten uns um längere Zahlungsziele. Wir müssen jetzt alle schauen, dass die Gastronomen am Leben bleiben.” Aber 85 Prozent des Geschäfts bei Lobenberg machen die Privatkunden aus. „Das läuft weiter, es gibt weder einen Einbruch noch eine deutliche Verbesserung.”

Sorgen bereiten Lobenberg allerdings die Lieferwege. „Wir bekommen jetzt nur noch wenige Weine aus dem Ausland – Italien, Österreich, Spanien, Frankreich, das wird immer schwieriger.” Sollte sich die Situation über Monate hinziehen, könnte sich auch das gut gefüllte Lager leeren. „Aber wir haben vorgesorgt und sind derzeit gut gefüllt.”

Kritisch beobachtet werden auch alle Arbeitsprozesse in den Lagern der Händler. Alex Kim ist Geschäftsführer der „HAWESKO”, einem großen Weinversender. Das Portfolio ist breit aufgestellt, 4300 Weine sind im Angebot. Auch hier sind Lieferengpässe zu spüren, aber noch sind es wenige, und in der Regel kann Kim den Kunden gute Alternativen anbieten. Wie die meisten seiner Mitarbeiter ist auch Alex Kim zurzeit im Homeoffice, und von der Bestellannahme im Callcenter bis zum Vertrieb funktioniert das auch vom heimischen Schreibtisch gut. Doch ins Lager müssen die Mitarbeiter weiterhin. „Das klappt reibungslos, und wir hatten bisher weder akute Krankheitsfälle noch Verdachtsfälle”, so Kim. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden erhöht, es gibt zwischen verschiedenen Schichten keine Berührungen mehr, die Kommissionierung ist in zwei getrennte Bereich aufgeteilt.

Der Onlinehandel großer Versender läuft gut. Kleinere Händler haben auch reagiert und neue Angebote geschaffen: Sie liefern selbst aus oder verschicken Weine per Paketlieferdienst kostenlos, etwa „Wein am Limit” und „Rebsaal” in Hamburg oder „Viniculture” in Berlin.

Der Weinberg ruht nicht

Der Wein kommt vom Winzer, und diese stehen vor ganz anderen Problemen in diesen Tagen. Winzerin Katharina Wechsler aus Rheinhessen verkauft viele ihrer Weine an die Gastronomie. Hier werden sie gesehen, mit dem Essen gemeinsam erlebt, und junge Winzerinnen können sich Aufmerksamkeit verschaffen. Bei Katharina Wechsler machen Gastronomie und Fachhandel achtzig Prozent ihres Umsatzes aus. Und der ist zurzeit weggefallen.

Wechsler schnürt jetzt Weinpakete für Direktkunden. Kompensieren kann sie den Ausfall damit freilich nicht. „Das sind harte Zeiten”, sagt sie. „Das Weingut ist geschlossen, alle Veranstaltungen sind abgesagt.”

Und doch ist Kurzarbeit für Wechsler, wie für fast alle Winzer, keine Option. „Das Leben im Weinberg geht weiter, die Reben treiben aus, das Laub wächst, Kurzarbeit in der Landwirtschaft geht nicht.” Für die kommende Woche sind Neupflanzungen von Jungreben geplant, auch diese sind bereits bestellt und müssen bezahlt werden. Hinzu kommt, dass Winzer wie alle landwirtschaftlichen Betriebe auf Lohnarbeiter angewiesen sind, die meist aus Rumänien, Ungarn oder Polen kommen. „Meine Mitarbeiter aus Polen sind zum Glück noch alle da, aber die überlegen natürlich auch nach, ob sie lieber nach Hause fahren.” Wann sie dann wieder zurück könnten? Derzeit völlig unklar. „Ich bin aktuell oft ratlos”, sagt sie.

Events sind abgesagt, da hilft nur #mutmachen

Im Krisenmodus ist auch Dorli Muhr von der renommierten Agentur „Wine & Partners” in Wien. Der Jahresbeginn sah so gut aus. Traditionell die Zeit, in der Winzer aus aller Welt Zeit für Events haben. Die ProWein, die größte Weinmesse der Welt, findet jedes Jahr im März in Düsseldorf statt, doch praktisch wurden in Europa alle Veranstaltungen bis auf Weiteres abgesagt. „Uns sind so viele Aufträge weggebrochen. Aktuell beten wir, dass spätestens Ende August wieder alles läuft”, sagt sie. Muhr rechnet jetzt nur noch mit einem Fünftel des geplanten Jahresumsatzes, studentischen Aushilfen musste sie kündigen. „Ich will meine Mitarbeiter mit Familie schützen. Aber die Lage ist ernst”, sagt sie. Doch als ein typisches Gewächs der Weinwelt, setzt sie auf Hoffnung: Sie hat die Aktion #mutmachen ins Leben gerufen. Sie und ihre Mitarbeiterinnen machen für alle Unternehmen, die sich mit positiven Ansätzen gegen die Krise wehren, kostenlos die PR-Arbeit. „Wir wollen Mut machen, Inspirationen und Lösungen teilen und helfen. Damit es irgendwann wieder richtig weitergehen kann”, sagt Muhr.

Neue Ideen werden zu bleibenden Veränderungen führen

Es wird Veränderungen und Verwerfungen geben in der Weinwelt. Darin waren sich alle Gesprächspartner einig. Doch viele ziehen auch erste positive Entwicklungen und Ansätze aus der Krise. Stephanie Döring probiert mit dem Online-Tasting erfolgreich neue Ideen aus. Katharina Wechsler tritt wieder mehr mit Endkunden in Kontakt. Dorli Muhr macht der Branche Mut. Und alle erfahren positive Unterstützung durch ihre Kunden, die zum Beispiel Weinpakete bestellen.

Steffen Christmann, Vorsitzender des Verbands deutscher Prädikatswinzer, hatte dieser Tage eine andere Erkenntnis gewonnen. Er wäre vergangene Woche eigentlich in Moskau gewesen, seine Tochter Sophie Christmann zur gleichen Zeit in Belgien. Für Tastings fliegen deutsche Spitzenwinzer oft um den gesamten Globus. Jetzt sammeln sie erste Erfahrungen mit Videokonferenzen, ob bei der Wein-Masterclass in Moskau oder bei der Fassproben-Verkostung mit einem Händler aus Bremen. Das funktioniert per Videochat, ohne Anreise, ohne Flug, ohne Stress. „Das ist besser für die Umwelt und auch für mich”, sagt Steffen Christmann. Steffen und Sophie Christmann wollen in Zukunft auf einige Reisen verzichten.

 

Text: Patrick P. Bauer