„Viele merken, dass Spitzenköche auch anpacken können“

Wie die Krise zu einer Solidaritätswelle in der deutschen Gastronomie führt

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Das Restaurant geschlossen, die Mitarbeiter zu Hause – trostlos sah es bei Ilona Scholl und Max Strohe im Berliner „Tulus Lotrek“ Mitte März aus. Erst verkrochen sich die Gastronomen drei Tage lang, dann wollten sie etwas tun. Und zwar kochen für alle, die jetzt viel leisten: für die Mitarbeiter von Kliniken und Arztpraxen, der Feuerwehr und einer Jugendpsychiatrie. Das Kühlhaus war schließlich voll, ihr Lieferant hatte gerade noch mal 250 Kilo bestes Fleisch gebracht.

Los ging’s mit 100 Portionen am Tag, mittlerweile bereitet der Küchenchef 800 bis 1000 Essen zu: Suppen, Eintöpfe, Pasta – vor allem vegetarische Gerichte werden gewünscht – und ein offizieller Name für die Initiative war auch schnell gefunden: „Kochen für Helden“. „Durch Social Media ging die Aktion in zwei Tagen durch die Decke“, freut er sich. Glück im Unglück: die Techniker, die gerade Strohes neue Website gestaltet hatten, saßen in Spanien gemeinsam in Quarantäne fest und zogen das Portal kochen-fuer-helden.de auf, die Schnittstelle zwischen Gastronomie und Hilfesuchenden.

Die Corona-Krise trifft die Gastronomie besonders hart, aber schon kurz nach dem Shutdown traten viele Köchinnen und Köche mit kreativen Ideen auf den Plan – und viele dabei für den „guten Zweck. So engagieren sich schon 100 Restaurants bundesweit für die Aktion „Kochen für Helden“, die Lebensmittel bekommen sie als Spenden von Firmen, fehlende Produkte werden zugekauft, die Autos für die Lieferungen stellt ein Konzern. Max Strohe ackert derzeit mehr denn je, Einnahmen hat er indes nicht. „Wir hatten für einen längeren Sommerurlaub gespart, von dem Geld leben wir jetzt.“ Um die Kosten der Aktion „Kochen für Helden“ aufzufangen, gibt es eine Crowdfunding-Aktion auf Betterplace.me.

Die Aktion habe zu einer neuen Solidarität unter Gastronomen geführt, erzählt Max Strohe. „Außerdem verändert sich die Außenwahrnehmung der Spitzengastronomie“, meint er. Anders als in Frankreich gäbe es bei uns vielfach zu wenig Wertschätzung für die Branche. „Viele merken jetzt, dass Spitzenköche auch anpacken können.“

Und das beweisen noch viele mehr. Das Projekt „Mach MAHL!“ etwa kümmert sich um bedürftige Menschen, deren Lebenssituation sich jetzt verschärft: Dazu gehören Obdachlose, aber auch benachteiligte Kinder, deren (einzige) warme Mahlzeit in der Schule nun ausfällt. Für diese Menschen schnürt Gründungsmitglied Ivo Ebert vom Berliner Restaurant „Eins unter Null“, der die Aktion mit der Agentur Agentsgroup ruck, zuck auf die Beine gestellt hat, seit Ende März täglich 90 Lunchpakete – und denkt dabei über die Corona-Phase hinaus: „Schwierige Zeiten lassen uns enger zusammenrücken, um gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen.“
Er will weitere Gastronomen inspirieren, damit die Aktion auch langfristig fortbestehen kann.“.

Auch Chefkoch Robin Pietsch vom „Zeitwerk“ in Wernigerode liefert mit seinen Teams kostenlos Essen an Kindergärten, Pflegeheime, Apotheken, Drogerien und eine Sonderschule aus und ist froh, etwas Sinnvolles zu tun zu haben. „Es war stinklangweilig, als unsere Restaurants geschlossen wurden." Pietsch hat ebenfalls eine Crowdfunding-Kampagne gegründet, um Gelder für Benzin, Verpackungen und Lebensmittel einzuholen. „Solange wir können und so lange wir Produkte haben, werden wir weiterkochen. Es kann auch für die ältere Dame zu Hause sein, die nicht mehr rausgehen kann“, sagt Pietsch.
Und die Liste der Spitzenköche, die aus Solidarität kochen, lässt sich fortsetzen: Anton Schmaus aus dem Regensburger „Storstad“ etwa bereitet jeden Tag ein besonderes Gericht für die Pflegekräfte und Ärzte des Regensburger Krankenhauses Barmherzige Brüder zu (Beispiel: Pad Thai mit Hühnchen, Garnelen und Kokossauce). Christian Grünwald von der Augsburger „Villa Haag“ kocht für die Mitarbeiter der Augsburger Uniklinik (etwa Risotto Milanese) und Sascha Stemberg aus Velbert für die Geburtsstation im Klinikum des Ortes.

„Es ist eine große Freude, etwas tun zu können, statt auf das stündliche Corona-Udpate zu starren“, sagt Max Strohe vom „Tulus Lotrek“. Seine Hoffnung: „Dass die Gäste, wenn die Krise vorbei ist, erst recht viel essen gehen.“ Dafür entwickelt er schon Menüpläne im Kopf.

 

Text: Gabriele Heins/Kersten Wetenkamp