Corona und die Krise in der Gastronomie

Christian Rach: So muss jetzt geholfen werden

 

Christian Rach

DER FEINSCHMECKER: Die Corona-Krise hat mit der Gastronomie eine Branche besonders hart getroffen, die nicht gut auf einen solchen Einschnitt vorbereitet war...

Christian Rach: Die Politik hat – richtigerweise – verordnet, dass es keine Zusammenkünfte mehr geben darf, also auch nicht mehr in der Gastronomie. Damit war es von einem Tag auf den anderen vorbei – eine Totschlagskeule. Aber es war alternativlos. Die Frage ist, wie gehen wir, wie geht die Gesellschaft hinterher damit um?

Wie müssen wir dieser Herausforderung jetzt begegnen?

Die Gastronomen sind als allererste mit den Auswirkungen konfrontiert. Aber auch der kleine Modeladen, die kleine Wäscherei und Tausende andere Berufszweige, die – das neue Schlagwort – als nicht „systemrelevant“ betrachtet werden. Da muss Finanzminister Scholz noch gucken, wie man damit umgeht. Aber ich warne davor, jetzt die Diskussion um die Mehrwertsteuer neu anzufachen. Das führt im Moment zu einer Abwehrreaktion und trägt nicht dazu bei, diese Krise zu bewältigen. Was ich bisher noch nicht einmal gehört habe, weder von der Politik noch von sonstigen einflussreichen Gremien, ist ein Appell an die Vermieter! Die können doch, wenn sie nicht total überschuldet sind, zumindest im Gewerbe darüber nachdenken, Mieten auszusetzen. Das würde dem kleinen Gastronomen, der Reinigung, dem Floristen, dem kleinen Modegeschäft, der Drogerie, die alle schließen müssen, enorm helfen. Denn bis die staatlichen Hilfsmaßnahmen angelaufen sind, bis das in den Verwaltungen umgesetzt werden kann, dauert es vermutlich noch Wochen. Und diese Wochen sind das tödlliche Gift für den kleinen Selbstständigen. Wenn das erst in drei Monaten soweit ist, haben die meisten, gerade in der Gastronomie, nicht das finanzielle Polster zu überleben.

Aber Kosten vor sich herzuschieben ist doch auch keine Option. Monatsmieten können nicht nachgezahlt werden.

Deshalb nicht stunden, sondern aussetzen. Der Tisch, der heute Abend nicht besetzt ist, den kann man nicht in einem halben Jahr doppelt besetzen. Was bei einer Produktionserhöhung vielleicht möglich ist, kann der Gastronom nicht wieder wettmachen. Die Addition von Krediten bringt deshalb gar nichts. Da würde ich eher sagen: Liebe Leute macht zu, bevor ihr auch noch den letzten Rentenanspruch verspielt habt!

Was wäre denn außer dem Aussetzen der Miete noch eine Hilfe, um viele Entlassungen zu verhindern?

Der Staat muss da besonders im Kleinen helfen. Elend und Massearbeitslosigkeit sind sonst ein idealer Nährboden für Rechtspopulismus. Wir müssen erstens das große Ganze jetzt bewältigen und zweitens zur Kenntnis zu nehmen, was ich bei Finanzminister Scholz oft vermisse: Dass es in der Gastronomie gang und gäbe ist, dass Betriebe kein Finanzpolster haben. Die Politik sollte sich nicht nur medizinische Berater nehmen, sondern auch solche aus anderen Branchen. Dabei geht es nicht um Lobbyismus, sondern um das nackte Überleben von vielen kleinen Betrieben. Die Gastronomie ist mit rund 2,3 Millionen Beschäftigten einer der größten Arbeitergeber Deutschlands. Und wir sind ein Land der mittelständischen und familiengeführten Betriebe. Da muss der Staat helfen, denn wenn das wegbricht, dann haben wir wirklich einen Nährboden für Elend.

Wie kann denn wirkungsvoll geholfen werden?

Wenn ich gerade jetzt aus meinem Hotelzimmer in Köln schaue, sehe ich dort, wo sonst sehr viele Autos parken, nur vier Stück. Trotzdem läuft da ein Park-Sheriff herum und verteilt an drei von vier Autos Strafzettel, die dann vielleicht 10 Euro in die Staatskasse spülen. Warum wird da nicht auf dem schnellen, direkten Dienstweg so umgestaltet, dass diese Mitarbeiter, sofort in anderen Bereichen der Verwaltung eingesetzt werden? Sie könnten zum Beispiel Anträge bearbeiten oder Arbeiten erledigen, die wiederum andere qualifizierte Menschen für akute Notwendigkeiten entlastet. Wir müssen Tätigkeiten, die im normalen gesellschaftlichen vielleicht sinnvoll, aber jetzt unsinnig sind, jetzt einschränken und diese Menschen so einsetzen, dass sie im Nutzen aller tätig sind.

In Hamburg kontrollierte die Polizei sechs Stunden nach Erlass der Verordnung für den Mindestabstand zwischen Tischen in Restaurants gleich deren Einhaltung...

Das ist eine Form von Hilfslosigkeit. Wir brauchen nicht nur einen Krisenstab bei der Bundesregierung, sondern Krisenstäbe auch in der kommunalen Verwaltung. Die ist jetzt gefordert, die Maßnahmen schnell umzusetzen und vor allem zu erkennen, wo Prioritäten sind. Ist es jetzt wichtig, zu gucken, ob eine Parkscheibe schon ‘ne halbe Stunde abgelaufen ist und Knöllchen zu verteilen oder kann man diese tollen Mitarbeiter in anderen Gebieten für die Allgemeinheit einsetzen?

Wenn die gesundheitliche Krise überwunden ist, geht die Aufräumarbeit erst los. Was wären Maßnahmen in der Phase des Wiederaufbaus?

Der Staat wird die gewährten Hilfen soweit stunden müssen, dass sie einen Wiederaufbau überhaupt erst ermöglichen. Denkbar wäre ein Schuldenerlass, wie er unter Staaten praktiziert wird. Oder die Abstände der Rückzahlung zu strecken – zinslos. Auf der anderen Seite wird es aber auch in vielen Berufszweigen eine Bereinigung geben. Die Gastronomie hat vielerorts ein Überangebot, zumindest in den Städten. Dort wird die Reduzierung des Angebots hoffentlich einen positiven Effekt auf Qualität und auf Preisgestaltung haben. Die Gastronomie ist viel zu billig. Liebe Gastronomen, kalkuliert eure Preise nach der Krise so wie es auch ein Maschinenbauer oder ein Autohersteller tut. Mit einer vernünftigen Gewinnspanne, so dass das Ganze auch eine Zukunft hat. Wir müssen aufhören mit diesem „billig, billig“! Mit der Bereinigung werden wir uns wieder auf Qualität berufen können. Wir müssen diese Krise auch als Chance sehen, dass unsere Branche endlich anfängt, richtig zu kalkulieren. Das sollte jeder Gastronom in der Ausbildung lernen.

Was rätst du denen, die jetzt den Job verlieren?

Mitarbeiter, die in der Gastronomie jetzt freigestellt sind, sollten sich etwa beim Einzelhandel ganz kurzfristig anmelden können, zu einem vernünftigen Lohn. Auf die zweite Möglichkeit hat Ministerin Klöckner hingewiesen: Wir sind jetzt in der Erntezeit. Also rate ich: Seid euch nicht zu schade, auch mal Spargel zu stechen oder bei der Ausaat zu helfen. Dort habt ihr für drei, vier Monate Arbeit und könnt eure Rechnungen bezahlen. Warum verschieben wir nicht frei werdende Arbeitskapazitäten in Branchen, die jetzt personell unter Druck sind? Das muss der Staat fördern. Wir müssen aber auch aus der Krise lernen, wie wir in Zukunft mit Mitarbeitern umgehen und unsere Arbeitsmodelle überholen. Es gibt großartige Kollegen, die heute schon das 4-Tage-Modell machen – und es rechnet sich! Das sind Perspektiven, mit denen wir unsere Branche auch als Arbeitgeber wieder attraktiv machen können. Plus adäquate Bezahlung, damit wir nicht soziales Elend im Alter produzieren.

Was wird sich verändern?

Es ist seit Jahrzehnten so, dass der kleine Gastronom immer am finanziellen Limit war. Er jagt den ganzen Monat den Rechnungen, der Gehältern hinterher und kann für sich selbst nie ein Polster für schlechte Zeiten aufbauen. Genau das wird jetzt der Genickschuss für viele sein. Der Angestellte wird irgendwo einen neuen Job finden. Aber der Selbstständige fällt in kein soziales Sicherungssystem, weil er nie in der Lage war, oder es vielleicht auch versäumt hat, eine persönliche Risikovorsorge für Notzeiten zu betreiben. Und das hier ist eine extreme Notzeit. In Zukunft muss es Teil der Ausbildung sein dass wir auf eine vernünftige betriebswirtschaftliche Kenntnis setzen. Dass wir so arbeiten, wie ein Monteur, der Anfahrt berechnet, der seine Arbeitszeit einteilt und auch Zehntel noch berechnet. Die Gastronomen haben nie gelernt, so zu agieren. Und der Kunde war nicht bereit, für Qualität Geld zu investieren. Man kann 8 Tage all inclusive auf Mallorca Urlaub machen, und das ist billiger, als ein vernünftiger Flug dorthin. Wie kann das funktionieren? Ich hoffe, dass diese Krise genau solche Dinge bereinigt. Bleibt lieber mal öfter zu Hause oder fahrt nur einmal im Jahr in den Urlaub, dafür aber viermal besser!

 

Text: Deborah Gottlieb