Dringender Appell der Gastronomie: „Bitte sprecht mit uns, wir sind bereit”

In Deutschland ist der Betrieb von Restaurants nur noch eingeschränkt möglich, vielerorts müssen gastronomische Einrichtungen de facto geschlossen bleiben. Die genauen Regelungen sind in den sechzehn Bundesländern und vielen Kommunen unterschiedlich. Für die Gastronomen bedeutet das Unklarheit, ihre wirtschaftliche Existenz ist bedroht.

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Mehr als 2,4 Millionen Beschäftigte arbeiten in Deutschland in Hotels, Gaststätten und bei Caterern. 2018 setzte die Branche fast 90 Milliarden Euro um. Dieser Umsatz mutet hoch an, die Gewinne sind aber oft gering. Für Gastronomen bedeuten geschlossene Tage hohe Fixkosten und keine Einnahmen. Die ohnehin kleinen Gewinne schmelzen innerhalb kürzester Zeit zu Verlusten dahin. In Deutschland ist die Lage besonders drastisch, da das Preisniveau grundsätzlich eher niedrig ist. Gerade selbstständige Kleinunternehmer sind nicht in der Lage, einen Puffer für schlechte Zeiten wie jetzt aufzubauen.

Dementsprechend drastisch sind die Hilferufe aus der Branche. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) fordert einen Nothilfefond sowie weitere finanzielle Hilfsmaßnahmen und vor allem einheitliche, klare Regelungen für die Gastronomie in ganz Deutschland.

„Wir akzeptieren alle notwendigen Maßnahmen. Das gegenwärtige Verordnungschaos jedoch ist völlig inakzeptabel. Unterschiedliche Regelungen für Hotels und Restaurants in Bund, Ländern und Gemeinden führen dazu, dass keiner mehr durchblickt“, sagt DEHOGA-Präsident Guido Zöllick in einer Pressemitteilung am 17. März 2020.

Um zu verstehen, warum die Corona-Krise die Gastronomie so drastisch betrifft, muss man wissen, dass die festen Kosten die größte finanzielle Last bilden: Personalkosten, Miete, Strom, Gas und Wasser, Vorsteueranmeldungen, Zulieferer, alles will bezahlt werden und wird in der Regel aus dem direkten Cash-Flow beglichen. Auf den Betrieben lasten oft hohe Kredite für Mobiliar, Kücheneinrichtungen oder den Ausbau eines Weinkellers. Hilfskredite, wie sie derzeit diskutiert werden, würden den Gastronomen nur wenig helfen, denn zusätzliche Tilgungen können nicht gestemmt werden.

Deswegen haben mehr als 100 Hamburger Betriebe aus der Gastro- und Hotelbranche einen offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) verfasst, darunter bekannte Betriebe wie die “Bullerei” von Tim Mälzer, “Salt & Silver” und das “Haebel”. Auch sie fordern klare Regelungen und Nothilfe. „Wir haben keine Mittel mehr zur Verfügung, um unsere Existenz aufrecht zu erhalten und fühlen uns im Stich gelassen. Gleichzeitig können wir unseren Verbindlichkeiten Mitarbeiter*innen und Lieferant*innen gegenüber nicht mehr nachkommen”, schreiben die Unterzeichner. Dabei machen sie einen Punkt besonders deutlich. Umsätze in der Gastronomie können nicht nachgeholt werden: „Ein Essen, das wir heute nicht verkaufen, wird in zwei Monaten auch nicht verkauft. Wenn unsere Räumlichkeiten heute leer stehen, können in zwei Monaten nicht doppelt so viele Menschen kommen. Die Kosten aber türmen sich auf”, schreiben sie.

Die Betriebe fordern einheitliche Regelungen, eine Kostenübernahme aller Bruttogehälter, Steuernachlässe und rechtlichen Schutz vor akuten Vollstreckungsmaßnahmen. Sie bieten aber auch ihre Hilfe an: „Wir sind bereit Verantwortung zu übernehmen.” So könnten sie Lieferdienste für Risikogruppen oder To-Go-Mahlzeiten anbieten. „Bitte sprecht mit uns”, das ist ihr Appell an die politisch Verantwortlichen.

Während die Betriebe unisono ein Ende des Verordnungschaos fordern, versuchen etliche Gastronomen sich mit kreativen Ansätzen über Wasser zu halten: Lieferservice, To-Go-Angebote oder Lunch mit Mindestabstand. Unter dem Hashtag #supportyourlocal werden in den sozialen Medien die Angebote gesammelt. Auch auf dem FEINSCHMECKER-Kanal informieren wir über aktuelle Angebote in unserer Instagram-Story.

Wer als Kunde die Gastronomen und Einzelhändler derzeit unterstützen möchte, kann Gutscheine kaufen und sobald es wieder möglich ist im Restaurant essen oder eines der vielen Liefer- oder Abholangebote nutzen. Winzer und Weinhändler bieten derzeit Weinpakete mit kostenlosem Versand für die Zeit zu Hause an. Auch Kaffeeröster liefern in ihren Städten Bohnen an die Haustür.

Text: Patrick P. Bauer